Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 2 (1871)
- Issue
- 23 (7.6.1871)
- Date
- 1871-06-07
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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180 bracht, die deutsche Judenheit hat bewiesen, daß da« Vaterland ihr rheurer ist, alS ihre besonderen Interessen, sie hat daauch schon während deersten französischen Kriege» gethan, aldie „Nation der Freifinnigkeit", die man eine „Missionäre Nation" nannte, ihr die Menschenrechte darbot; auch damal» hat die deutsche Judenheit ihr Leben eingesetzt für die Befreiung de- Vaterlandes von der Fremdherrschaft, sie hat gezeigt, daß sie ein Herz hat für da- Vaterland, daß ihr der Boden, auf dem sie geboren, alS heilig gilt. Nun aber wird es endlich einmal Zeit, daß wir auf unserem Scheine bestehen, unser Recht geltend zu machen. Gerecht wollen wir sein, und ich benutze gern die Gelegenhest, um die Di-cusfion zu berühren, welche mehrfach entstanden ist, und in welcher besonder» außerdeutsche GlaubenSgenoflen geltend machten, daß die Franzosen in der That die Menschmrechte pioclamirt haben, daß ihnen also sich unsere Sympathien zuwenden müßten. Aber dagegen wollen wir da» Eine nicht vergesien: Ein Volk, da» eine Revolution macht, bricht mit der Vergangenheit, e« kann daher die socialen und die gesetzlichea Berhälttiffr auf neuen Grundlagen aufbauen, und so konnte diein Frankreich geschehen. In Deutschland entbrannte erst feit 1843 eine Revolution und zwar in sehr gemäßigter Weise. Al» aber die freigewählteu Vertreter de» Volke» in Frankfurt tagten, staben sie sofort die Menschenrechte proclamirt und volle» gleiche« Recht für Alle. Eine neue deutsche Verfaffung ist entstanden, da» Symbol der Einheit ist in einem deutschen Kaiserthum geschaffen worden. Auch diese« ist nicht ftemd dem jüdischen Geiste, denn e» besteht eine aiic Ueberlieseruug, die in dem Buche .HeilSverkünder' au» dem Jahre 1492, von einem sehr bekannten jüdischen Schriftsteller, Don Isaak Aborbanel, der unter Ferdinand dem Katho». lischen fct Spanien Minister war, niedergelegt ist. Es heißt da: ,E» ist eine Ueberlieserung bei den deutschm Juden: ..Wenn ein deutsche» Kaiserthum gegründet wird, unabhängig von Rom und von Frankreich, so wird e» dm Beruf habm, die mesfiauische Zeit in'« Lebm zu rufen." Wir, die wir un» unter dem Eindrücke b.'findm, der große Militärstaat könne möglicherweise eine Reactior einführm, wir trösten un» damit. Ich möchte den Muth d:r Judmheit auftusm, ich möchte, daß sie sich auftaff:, daß sie sich sage: es giebt mebr zu thun, al» sie bisher gethan hat, e» giebt etwa» zu thun, da» un» in unserm eigenm und in Anderer Augen hebt. Dean wenn >wir auch nach dem Gesetze gleiche Siechte haben, wenn auch die Judenheit emancipirt ist, so ist doch das Judenthum noch ganz unbeachtet geblieben. Noch hat der Staat keine Notiz von ihm genommen, es hat keine Vertretung beim Staate, das hat auch der Krieg wieder gezeigt. So bei dm besonderen Gottesdiensten, bei Bußtagen, beim Dauk» gotteSdi, nste, wo man die Judm nicht zur Theilnahme aufge» fordert lxtt — da» Judenthum exiftirt ebm für den Staat nicht. Man nimmt keine Notiz davon, daß wir RelizioaSschulen brauchen, die Gesi'tzgebung nimmt keine Rücksicht darauf, daß unsere Reli» giooslehrer, unsere Prediger und Rabbiner erhaltm sein wollen, wozu der Staat Beiträge zu geben hätte, e» wird keine Sorge tür Peifionirung unserer Beamtm gettagm. Bei wirklicher Durchführung de» Prinzips der »fteim Kirche im fteim Staate« würdm wir auch keine Staatshllfe beanspruchm; daun aber brauchten wir auch nicht für andere Confessioum mitzusteuern. — So lange aber dieses der Fall, ist gettmd zu machen: Was dem Einm Recht, ist dem Andern billig. — Daß daS Judenthum Smerkenuung finde, dafür habm wir ebm zu sorgen." — Redner entwickelt sodann da» Programm de» Gemeindebuudi», als defsm spezielle Aufgabm er hinstellt: 1) Vertretung der Jnrereffm de« Judmthum» und der Judeahett bei dm Regierungm und dm Factorm der Gesetzgebung; 2) Gegenseitig« L«»ta«sch an Erfahrung« in d« Verwaltung; S) Organisation d« Armenp flege mit Beseitigung d« Wanderbettelet durch zweckmäßig« Wohlthätigkett »ach Außm; 4) Schaffung eine» zweckmäßig« System« d« Pmfiontrung unser« Gemeinde-Beamten ohne Unterschied der religiös« Richtung; 5) Förderung d« .Alliance J-raöltte Universelle«; und spricht eingehend« üb« die Armenpflege, die Nothwmdtg» kett dem Wanderbettel zu steuern. Au« den an dies« Vorttag sich schließmdm Debattm geb« wir da- Wesmtlich«e. Herr Aren au» Stettin wünscht, ohne dm Beitritt von 100 Gemeiudm abzuwartm, jetzt schon Constituirung de» Bunde», da die Höhe d« zu leistmdm Beittäge die einmal beigettetmm Gemeinden nicht abschreck« würde, und behält sich Vorschläge wegen d« Wanderbettelei vor. H«r Advocat 1)r. Calm au» Bernburg, jetzt am Bunde»« Ob«»Handelsgericht hi«, bringt B«lin an Stelle Leipzig» al» Sitz de» Central-Counts», von welchem au» die Agitation für dm Gemeindebund zu untemrhmm sei, in Vorschlag; wogegm H«r Professor Dr. Lazarus au» Berlin «klärt, daß d« Sn« liner Gemeindevorftand die Sache wohl fchw«lich in die Hand nehmm w«de, da « regelmäßig bei verschied«« allgemein« Angelegmheiten, in dmm « sich an die dmtsch» i-raelitischm Gemeind«, insbesondere de» prmßischm Staate», gewandt, sehr ttaurize Erfahrungen gemacht habe. Er beklagt in lebhaft« AuSdrückm, daß dm deutschm Judm d« Sinn für ihre allge» meinm Jut«essen abhandm gekommm sei, und daß d« Vorwurf gegm dm Staat: — daß « da» Judmthum nicht beachte, — in noch viel höh«em Maße die Judm selbst treffe. Redn« hat seine Hoffnung auf einm Erfolg de» Worte» bei dm Judm auf da» Tiefste herabzestimmt, da d« erst« leicht« E«eguug bet ihn« die That nicht folge. Trotzdem btttet « de« seitherig« Au-schuß, desim Energie « vollständig anerkmnt, in seine« Sttebm fortzufahren. H«r Kulp auS Jnst«burz erklärt die feühertge Theilnahm« losigkeit dn meisten Gemeinden daraus, daß die wmigstm Geweindemttglied« Kenutniß von dm an di« Gemeind« «gangmm Zuschrift« «halt« hättm, letzt«« vielmehr in dm Händm Einzeln« lieg« gebliebm seim, und räch zur Verallgemeinerung d« Agitation die Bildung von Zweigv«einm an. Herr Wolf au» Wiesbadm schlägt» nenn 100 Gemeiudm nicht zusammenkommen sollt«, eine Vereinigung einzeln« Personen, nicht d« Gemeind«, nach dem Must« d« Alliance J»r. llniv., vor. H«r Kohner bemerkt hinauf: Die DiSmsfion bestätigt, welch' ein Glück es für dm Menschm ist, daß « nicht in die Zukunft sehm kann und nicht Alle» weiß. Hätte ich die deut» schm Gemeind« so gekannt, wie ich sie bi» jetzt kenn« gelernt habe, so lhätte ich vor zwei Jahr« gewiß nicht dm Muth gehabt, an die Gründung eine» Gemeindebunde» zu dmkm; nun aber kommt eS doch zu einem Resultate. Herr Dr. Calm wiederum kannte die Erfahrung« des Berlin« Vorstände» nicht und wollte ihm mit dem Gemeindetage ein Geschmk mach«, und Herr Wolf kennt uus«e Thätigkett nicht, « weiß nicht, daß wir un» seit zwei Jahrm fortwährend an Privatperson« auch gewendet haben, wie die Statutm die» ja ausdrücklich gestatt«. Wärm die Privatperfonm lebhaft, so wärm auch die Gemeiudm lebhaft«. W« in real« Verhältnissen organisatorisch eingreif« will, d« muß e» mtt dem Kohol inSgesammt zu thuu Hab«; sonst «langt « kein« Einfluß uach außm, de» Behördm gegenüber. Die Zahl von 100 Gemeiudm habm wir festgehaltm, um wmigstm» auuähernd eine Einheit üb« ganz Deutschland zu «reich«, ei» wette» Netz üb« alle Theile. .Sollt« wir e» um bi» zu 95 bring«, so bin ich daun auch nicht so orthodox, ans d« letzt« ✓