Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 2 (1871)
- Issue
- 23 (7.6.1871)
- Date
- 1871-06-07
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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178 sätzea laiizwellten? Warum hat da» Urtheil sich so plötzlich gewandelt?! 23*3 sich ereignet hat, ist doch die Frucht der Religion». lofigkeit; wa» zur Reife gekommen ist, ist die Saat, welche diejenigen auSzestreut haben, die die GotteSlehre für Ammenmäyrchen erklärt hiben. Die Einen haben die Thora in Fetze« zerrissen und für zusammengeschriebene Löge erklärt, nicht besser al» die Götterlebre« und Sagen der Heidenwelt; die Andern haben die heilige Schrift für so veraltet erklärt, daß e» sich gar nicht einmal verlohne, Kritik an ihr zu üben. Sie haben neue Lehr«, Theorien, Systeme über Weltschöpfung, Menschenthum, Menscheugeist, Weltbeglückung ausgestellt und die Thora Mosi durch fie zu verdrängen gedacht. Die Mitzwah, da» Gebot, gedachten fie, soweit <» ihnen in ihrem LebenSzenuh, in ihrer Behaglichkeit nicht hinderlich und zur Sicherung ihrer Habe und ihre- Erwerbe» dienlich war, stehen zu lassen. Ist e» nun ein Wunder, daß auf jene Weisen de» Worte» Männer der That folgten, Männer die da sprachen: ,,wa» nützen un» eure neuen Theorien, wir werden von denselben nicht satt; wir wollen Brot, wir wollen an allm Gütern und Genüssen der Erde Antheil haben, gleich euch! Sagt ihr, daß Mensch und Thier gleichi-r Art und gleichen Stamme», so wollen wir da» auch in» Praktische übersetzen: wir verlangen für da» Genuß», Erwerb»-, Besitz« und Ge chlechtSleben die Naturfreiheit de» Thiere»; wa» ihr sittliche und staatliche Ordnung zu nennen und wa» ihr andrerseits al» Raub und Mord zu bezeichnen beliebt, weil e» euch so paßt, da» ist Selbstsucht und Eigennutz; wir nehmen mtt Gewalt und gebrauchen die Gewalt, die un» die Zahl und die Kraft unserer Arme verleiht." Ist e» ein Wunder, daß da» Proletariat die „Bürgecklasse" haßte, verachtete und verwünschte, welche zwar für ihr,; Person sich von Gott und Religion lo»gesagt hat, aber gleichwohl mit den Priestern Hand in Hand geht und fie «ist den Steuern de» „gemeinen Bolk»" erhält, damit diese» g minie Volk in Gehorsam gegen die Gesetze verharre; daß der Zorn jene trifft, die für ihre Person, wo e« ihr Gelüsten gilt, kein Gotte», gefetz kirnen und jede Sittlichkett verhöhnen, aber dem Volke gegenüber gesetzliche Ordnung gewahrt wissen wollen, damit fie ungestört und ruhig au»beuten, gewinnen, sich bereichern, Schätz« häufen und prassen können? Ist e» ei» Minder, daß diejenige«, welch« so oft da» göttliche Recht verhöhnen gehört, nun noch weniger da» menschliche Recht achte« wollen, indem fie diese» für eine Erfindung hochmüthige» GeburtSadel» und eigennütziger Geldmenschen erklären, die ihr „dem Volke abgepreßte» und au» seinem Blut und Schweiß entstammte»" Vermögen besitzen und vererben wollen, während die Natur kein Erbrecht kenne? Und da sollte nun der Cultu» der Kunst und ihrer Werke die Stelle de» religiösen Cultuö einnehmen, er sollte die thierischen Leidenschaften zügeln! Aber diejenigen, welche mst Wollust Gotteshäuser verwüsteten, haben ganz natürlich auch die aufgespeicherten Kunstschätze, die Denkmäler de» Alterthum» und die Pergamente der Wissenschaft mit Vernichtung heimgefucht. Wenn ihr, rief man wohl den Besitzenden zu, euch gefüllt habt mtt den materiellen Genüssen, dann wollt ihr zum Nachtisch auch noch in der Kunst schwelgen und die Millionen, die ihr zur Stillung unsere» Hunger» nicht hergeben wollt, auf Bibliotheken und Museen verwenden — hinweg mit dem aristokratische« Plunder, wir wolle« Brot-! Wahrlich dieser Cultu» de» Gentu» hat seine Aufgabe schlecht erfüllt, und die verbrannte» und zerschlagenen Werke, „die mit allen Hilfsmitteln der modernen Wissenschaft" betriebene Zerstörung ruf« laut, daß weder Kunst noch Fortschrttt der Naturwissenschaft an sich die Menschheit und die Menschlichkeit fördern und heben — jene nicht, weil sie ohne Religion doch nur der Sinnlichkeit dient, heut wie im Alterthum; dieser nicht, weil er mit denselben Mitteln zerstört, vernichtet und mordet, mit denen er Segen und Wohlfahrt verbreitet. Doch wir hören einen Einwand erheben: „Da» sagen ja (lautet er) die Andern auch, sagen e« erst recht, «erden gewaltig rufen, daß die Menschheit einer „unfehlbaren Autorität" bedürfe, daß die Gräuel der Verwüstung da« Gottesgericht feien über die Frevel, die da verübt werden gegen — nun gegen da», wa» jeder hier einzuschalten für gut findet." Da» ist wahr; so wird man sagen, rufen und Glaube« finden. Wahr und gewiß ist, daß eia gewaltiger Rückstoß ein- Feuilleton. Durch Wissenschaft;ur Einheit! Borttag von Di. S. «rontmann. (Schloß.) Einst hatte wiederum R. Elief-r den Kampf gegen die ganze Versammlung de» Lehrhause» ausgenommen und seine praktischen Entscheidungen seiner abweichenden Ansicht geiräß getroffm. Da war der Würfel gefallen; die Besorgniß vor überhandnehmenden Parteiungen drängle den Pattiarchen, wie er selbst betheuernd e» «»«sprach, zu dem äußersten Schritt. In Uebere nstimmung mit den übrigen Lehrern schloß er durch Verhängung de» Banne» den Widerstrebenden von der Theilnahme an der gemeinsamen da» religiöse Leben regelnden Arbeiten au». Die höchste Lebensaufgabe R. Gamaltel» war erfüllt; die Opposition »er Schule Schammat'» war mit dem Sturze ihre» letzten Vertreter» auf immer gebrochen; da» Judenthum hatte dt« einheitliche Grundlage gewonnen, auf der e» die Stürme der Zeiten bi» auf den heuttgen Tag nicht zu erschüttern vermochten. Aber für dm einen, der der Gesammthelt zum Opfer gefallen war, beganren ttaurige Tage. Wohl hatte damal» der Bann noch nicht l>«t entehrenden Charakter, der ihm in späteren Zetten anhaftete, wohl war er über die hervorragendsten Lehrer im Interesse de« Ganzen verhängt worden, ohne ihr allgemeine» ««sehen zu verringern. Aber für einen Mann, dessen ganze» Denken und Fühlen nur in der Forschung wurzelte, gab e» keinen entsetzlicheren Schlag, al» die Ausschließung vom Mittelpunkte de» geistigen Leben». Und al» sein Schüler, der hochberühmte R. Akiba, in schwarzer Trauerkleidung sich den Blicken de» schwergeprüften Manne» zeigte und die niederschmetternde Kund« in zarten Andeutungen ihm hinterbrachte — da ward die unbeugsame Gestalt gebrochen und den Augen entstürzte» heiße, bittere Thränen. In der Einsamkeit von Lydda und Cäsarea lag nun jene unversiegbare Kraft vergraben, wie ein lebendiger Quell den Wüstensand verschütttt. Wa» Wunder, daß der schmerzbewegten Brust sich die wehmüthige Sentenz entrang: „Wärme dich an dem Feuer der Weisen, aber hüte dich vor ihren Kohlen, daß du daran nicht verbrennst; denn ihr BIß ist Schakalenbiß, ihr Sttch Skorpionenstich, ihr Züngeln ist Echlangenzüngeln, ihre Worte sind feurige Kohlen." Doch nicht deshalb klagte er, weil er den Rest de» Leben» in Abgeschiedenheit hinbringm mußte; sein Herz war von Trauer erfüllt, daß der reiche Schatz von Urberlieferungen, deren viele in seinem einzigen Besitz« waren, mit der körperlichen Hülle zugleich einst sollte in die Gruft gesenkt werden. Und al» ein schwere» Leide« ihn auf da» Krankenbett geworfen und seine Genossen und Jünger au» der Ferne herbeieilten, da sahen fie, wie diese schmerzvollen Gedanken ihm noch die letzten 8eben»stunden erschwerten, und wie er erregt die beiden Arme auöstrrckle und jammernd rief: „Ach, daß diese beiden Gesetzrolle« dahin gehe«, bevor sich ihr reicher Inhalt der Welt erschlossen." Und die Freunde verstanden sehr wohl, worin