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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1871-06-07 · 23 (7.6.1871) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
2 (1871)
Issue
23 (7.6.1871)
Date
1871-06-07
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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N® 23* —1871* »: "CAV.’A L. Jahrgang. für die religiösen und sociale« Interesse« des Judenthnms. -rschetnt jede« Mittwoch. Preis vierteljährltch 20 SUbergroschra. (*i Me dreispsktige Petitzeile oWt deren «amn li/t «flr. Verantwortlicher Rtbdkar und Heranlgeber Rabbiner Vr. A. HrcAenfeks in Stettin. Breslau. 7. $uni 1871. Zu beziehen durch all« Buchhaudluugeu und Postanstalten. A» serate» - A»»a»«e t, der Schletter'schen Buchhandlung (H. Skat sch) in Breilau. Anhalt. Letteud«Artikel: Da« wocheufest SS3I. Semeindebunds-llugelegeuheit. Feuilleton: Durch Sisseufchaft zur »iuheit. (Schluß.) Bericht« ». Eorreshoudeuze«: Deutschland: Dresden. Hamburg. Oesterreich: Wien. Frankreich: Amirn«. Verwischte »>d »euestr Rachrichtru: Mansbach. Wien. Prag. Versailles. Petersburg, «umlluien. Llteraturbertcht. vaeauzru-Ltste. Inserate. Kar Wochenfest 5631.*) Wir haben allzumal noch kein Schabuotfest verlebt, an dem wir mit so hoher und inniger Freude, mit so tiefer Ueberzeugong und so frisch geschöpfter Bekräftigung deu Dank gegen »den, der uns die Lehre der Wahrheit gegeben hat*, hätten aussprechen ko. :en, wie an dem eben verflossenen. Die Ereignisse, deren Kunde un» unmittelbar zu dem Feste geworden ist, Begeben? heilen, die fich vorher wohl ahnen, aber nicht in jhrer ganzen Furchtbarkeit vorhersehen ließe», veranlassen einen Rückblick, dem fich eine israelitische Wochenschrift wohl nicht entziehen kann. Wir haben die in Pari» verübten Gräuelthaten im Auge. Noch einmal ist die Wahrheit der Sinai lehre, die Geltung de» SinaigeboteS in Frage gestellt worden. Furchtbar ist die Antwort, die dem Zweifel und der Verneinung geworden ist, entsetzlich der Zusammensturz, deu der Versuch, die Grundlage der sittlichen Ordnung zu erschüttern, herbeigeführt hat. »Ich bin der Ewige dein @ott!* — Noch einmal hat man versucht, den Glauben an Gott für eine Erfindung Hab- und herrschsüchttger Priester zu erklären, die Existenz eine» Weltcnherrn ftech zu leugnen. Die Stätten seiner Anbetung sind mü entsetzlicher Rohheit entweiht worden, und wir empfinden kein geringere» Entsetzen, weil e» nicht Stätten unserer GotteSverehrung betroffen hat, weil die Symbole de» Cultu», die man geschändet, un» nicht heilig find. Priester hat man einzekerkert, mit dem Tode bedroht und geschlachtet; un» schaudert nicht minder, weil sie nicht Diener unserer Religion find. Und ist man nicht dahin gekommen, wie einst, da» zweite Gebot buchstäblich zu verletzen und etwa wieder ein verworfene» Weib al» neue Göttin einherzutragen, so hat e» offenbar nur an Zeit gefehlt, da der wüste Taumel vorher ein bluttge», nicht minder entsetzliche» Ende gefunden hat. »Du sollst nicht falsch schwören!* Wie hat man seit Menschenaltern dort mtt Eiden gespielt. Tausende, Hunderttausmde von Bürgern, Kriegern, Beamten, Heerführern habm nach einander verschiedenen Herrschern Treue geschworen, der Herrscher wiederum hatte da» Gesetz de» Freistaate» beschworen, man hat bald die Monarchie, bald dm Volksstaat, bald diese, bald jme Verfassung beschworm, ui6 alle die Eide find gebrochm wordm, wie man ein zersprungme» irdme» Geschirr mtt eü^m Fußtritt zertrümmert. Darum „verzehrt Meineid- •) Die Sortsetz«- de» Leitartikels am Kt. 22 «a» Aanmman-e: erst i»,wichst» «Litt. fluch da» Land", keine Ruhe, nicht» Feste» und Bestehende», ven Tage zu Tage Umwälzung. „Gedenke de» Ruhetage»." — Rub> und Feiertage hat man mtt der Religion mtwurzelt, hat fie geweiht durch wüste Ausschweifung, dann durch Schandthm b» gangen und zuletzt vorzugsweise dnrch Krieg»- und Bürgerkrieg», assmmord ausgezeichnet. „Ehre Vater und Mutter." — Da» nicht da» rohe Raturgefühl der Eltern- und Kinderliebe, welche atzch da» Thier empfindet; da» fünfte Gebot existirt da nicht, Wwtzg» siebente verworfen tznrd, wo die sittlich« Grundlage.d« Familie und der Ehe in einem thiersschek, Zufammmlebm unte:- geht. Dann wird weiter der Mord als Pflicht, Tugen) und Tapferkeit für Männer und Frauen gepriesm, und da» Gebot „Du sollst nicht stehlm" wandelt fich dahin um, daß Rauli, Plünderung, Entziehung und Verwüstung ftemdm Eigenthum» für Recht, für sittlich, heilig, dem Staatswohl nützlich erklärt wird. Man hat die Probe gemacht, ob an die Stelle dek alten Gesetze» ein neue» gesetzt werdm könne; wohin es gefühtt hat, liegt offen zu Tage; e» ist nicht nöthig Auszüge aus den Berichten der TazeSblätter zu geben. Aber man wird sagen: eS find Wahnsinnige gewesen, Verbrecher, Abschaum der Mmschheit, Gährungs - Bodensatz aller Völker — waS folgt auS ihre» Gräuelthaten, waS ist daraus zu lernen, wa» geht da» uns an? Was eS uns angeht? Da» wird wohl Niemand in dem Sinne meinen, daß un» jene SchreckenSscenen kalt lassen könnten; es schlingt sich ein Band um alle Völker, die man die „gebildetm" zu nennen pflegt — wir brauchen nicht einmal an die materiellen Verluste zu denkm, die alle zumal betreffen — aber wohin ist die Civil isaliorr selbst gekommm! Schon wa» wir während deS Krieges erlebt habm, hatte man nicht für möglich gehaltm; jetzt ist da» bereit» verattet, vergessen, man wäre versucht zu sagen: verschmerzt. Da» neue Unheil ist zehnfach grausiger durch die Art, wie es verübt wordm ist. Aber wie kommt man überhaupt dazu, die Anstifter al» Wahnsinnige und gemeine Verbrecher zu bezeichnen und damit die ganze fluchwürdige Episode für abgethan zu erklärm? Sind da» dm« nicht die Männer, deren Schriften man vor Kurzem noch gierig verschlungen hat? Da war Neue», Geistreiche», Pikante», da» mußte jeder kennm lernm, der nicht hinter der Zeit zurück und unter der ungebildeten Menge bleiben wollte; wie viel mtterhaltmder und lieblicher war da», dem die alt« sogmauntm heiligen Geschichtm, al« die altm Lehren, als Predigtm, dt« immer nur mit dm tausendmal gehörtm Moral-

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