Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1871-05-31 · 22 (31.5.1871) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
2 (1871)
Issue
22 (31.5.1871)
Date
1871-05-31
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/5369809-5934989-5935480--0748-5370427
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

171 Thorastudium« zu feiten, den entgegengesetzten Bestrebungen Thür und Thor geöffnet wird. Möchte ich mich irren! Absagebriefe. (Schluß.) »Wenn zwei Gegner stresten, freut sich der Dritte/ meint ein bekannter Spruch. Ohne Zweifel bereitet der zwischen den Preßorganm der deutschen und der ungarischen Orthodoxie aut« gebrochene Streit vielen .Dritten' inniges Behagen. Uns macht er eben deswegen um so weniger Freude (wie wir bereits gesagt haben), aber eia Dritter kommt dabet zu seinem Rechte, und dieser Dritte ist l)r. Güdemaan in Wien. Nachdem dieser Herr seit langer Zeit den heftigsten hier nicht weiter zu charakterifirmdea Angriffen seiten» der .Neuzeit' und ihrer Genoffen ausgesetzt gewesen ist, hat auch das »Trad. Jud.' angefangen, in jeder seiner Nummern ihn mit den Ausbrüchen seiner Galle zu überschütten. Wir können und dürfen auch diese Angriffe hier nicht weiter schildern» wir müßten dazu in den Ton de» genannten Blatte« fallen;, wir wollen ebensowenig die Motive besprechen, sie find bei den beiden Arten der Gegner dieselben, aber sie darlegen hieße uns und unseren Lesern zumuthen, Nachtseiten des menschlichen Charakters zu studiren. Wir haben in«- gesammt Besseres zu thun. Wir geben jedoch eine V-'ö« der Anklage» de» »Trad. 3ud.' gegen vr. G. und halten uns dabei nur an den Kern derselben, von der «ehr als bitter» Hülle gänzlich absehend. Das genannte Blatt druckt unsere*) Recension de« Buches *) Di« fraglich« Recenfio» ist mit Z. MtKjttynct, als» nicht, wi« da» „Drad. Jud." untersiellt, vom Redakteur geschrieben. Beiläufig; da» „Drap. Iid." will un«, trfp. de« Receusente», anch belehr«», daß Bernstein« Ansicht, di« Patriarch«» feie» keine wirNichea, geschichtliche» Pnsöulichkeite» geivese», »icht „Mn nnb ori-'nell" sei, den» schon im Zeitalter de« R. Sal. b. Ader, sei die täxistenz der LrjvLler geleugnet worden. Indem wir in unserer Beider Ramm für di« velehrung dank», wolle» wir dm Belehrte» jener Zeitschrift sagm, daß di« Hhpostafirnng der Palriarchm, d. h. di« Annahme, e« seim von Bernstein (Nr. 15/16 d. Doch.) vollständig ab, lobt dieselbe und fragt dann, warum wir gegen vr. G. nicht ebenso scharf, ja noch schärfer Vorgehen. Dieser sei ja weit schlimmer als jener, oder nach den eigenen Worten de« Blatte«: .einem G. gegenüber erscheint un« B. al« — achtbarer Charakter.' (Man kennt die bösartige Beschränktheit, welche jedm, der eine irrige, abweichende Ansicht hat, für einen schlechten Menschen erklärt.) DaS dem vr. G zur Last gelegte Verbrechen besteht kurz in Folgendem. Er hat einen Vortrag »über Tendenz und Abfaffungszeit der letzten Kapitel de« BucheS der Richter' gehalten; derselbe liegt in Grätz' Monatsschrift 1869 und in einem Separatabdruck vor. Gelesen haben ihn die Gelehrtm des .Trad. Judmth.' wahrscheinlich nicht, aber sie haben von Tendenz- Roman.» u. dgl. gehört. Tendenz — Roman — Erfindung — Lüge — legt ihn in Bann: G. behauptet, die heilige Schrift ist Lüge. Daß G. die Wahrheit deS in jenen Kapiteln Erzählten durchaus nicht bestreitet, eS im Gegmtheil durchweg als historisches Faktum behandelt und die Annahme einer Erfindung zurückweist, hilft ihm nichts; er untersucht, zu welchem Zwecke die Geschichte niedergeschriebm sei, die« nennt er .Tmdenz'. Dies Wort ist ein Verbrechen. Hätte er noch nach Art de« R. Levi Gerfonide« .Nutzanwendung', oder etwa nach dem beliebten Jargon de« fraglichm Blatte« TäuelijeS geschrieben, es würde — auch nicht« geholfen haben, dmn der Gersonide selbst ist gar anrüchig, und wenn er heute schriebe und von dem .Trad. Jud.' kritisirt würde .. . Sodann hat Dr. G. eine Predigt über »Jerusalem, die Opfer und die Orgel' gehaltm, wir babm sie dies« Person m »nd die Erzählungen über ihr Leben nur die Einkleidung philosophischer Idem und Kategorie», mehr al»I3V0J. tw R. 6. 9. in Alexandrien gang und gilbe gewrsm ist. Di« in Spanien »nd in der Provence aufgetanchte» Jlkthümer sind lediglich der Abklatsch jener uralten alexaudriutscheu. Dagegm ist Bernstein» Ansicht insosera „um nnti originell', al» er di« Parriarchm und ihre Biographie für Mythen, die zam Zwecke politischer Strebungen erfundm seien, erklärt. Heutzutage find die politi» schm Idem vorwaltmd, vor 600 und 1900 Jahre» warm es die philos > phischm; daher klridet sich die tendmziöse Bibelertlänmg in da» ti>e«aad dir jedetmal vorherrschmdm Idem. Die Kabbalisten z. B. haben die heiluze Schrift wieder in ihrer Weis« verdreht. hervor und wird hierbei auch von an dem Lehrem dem R. Elieser zum Ruhme angerechnet. Dieser Mann war es, der, wahrscheinlich al» Oberhaupt der Schule Schammais, das schammaitische System'in kräftigeren, ausgeprägterm Zügm entwarf und demselben eine festere Gestalt gab. Seine Schärfe in der coasequentm Durchführung des System« hat gewiß nicht wmiger sein hohe« Ansehen begründet, al« seine umfaffende Lchrthätigkeit überhaupt, welch« auf dm mannizfachstm Gebietm ihrm berrdtm Ausdruck gefundm hat. — Und dennoch hat R. Elieser »icht dm weitgreifmdm Einfluß auf dm Gang der jüdischm Entwickelung geübt, zu welchem ihn die rcichm Anlagm seines Geistes und die Fülle seines Wiffm zu berufm schienen. Er theilt da« Schicksal so vieler großer Männer, in derm Lob sich alle erschöpfen, derm Geiste«- richtuag aber sich seltm einer aaschHeßt. Man fühlte damals mit richtigem Takte, daß ei» eonsequmle« Lerfahrm zwar der höchstm Anerkmnung werth sei, jedoch auf das praktische Lebm mit zu großer Schärfe und Peinlichkeit übertragm, seltm ein gesundes Gemeiawesm erzmge. Da« war die Ursache» weshalb die schammaitische Richtung keinen festm Bodm zu faffm vermochte; das war es auch, weshalb unser Gesetzlehrer eine ganz isolirte Stellung unter seiam Zeitgmoffm einnahm. Doch eia Manu von so unbmgsamer E-efinnung weicht keinm Schritt von seiner Ueberzmguag, und hat er selbst eine ganze Welt sich gegmüber, mit Eutschiedmhett wahrt er seiam Standpunft. Wer wollt« ihm das zum Vorwürfe anrechnm? Das Judm thum hat auch Niemandem das Recht der fteim Meinungsäußerung verkümmert. E« hat Jedem gestattet die Eonsequmzm seiner Forschung auch für sein praktische« Lebm zu ziehen'), und al» dm Lehrm der hillelschm Schule Gesetzeskraft verliehen wurde, durste gleichwohl jeder für seine eigme Person die Grundsätze der Schule Schammai'« befolgm. Aber R. Elieser erhob Ansprüche, wie sie kein Gemeinwesm ohne Schädigung seiner felift befriedigen kann. Er wollte seine Ueberzmgung nicht für sich allein, sondem für die allgemeine Praxi« zur Geltung bringm; auf die Evidmz seiner Beweise gestützt, verlangte er für sein abweichende« Votum daffelbe Recht, wie für die Beschlüsse der Mehrheit. Es mtging diesem scharfblickmdm Geiste, daß damit ein DualiSmu« in da« Judmthum hineiagetrazen würbe, weicher daffelbe tief in feinm Grundvestm hätte erschüttem könam. Und da er sich mit kühnem Muthe der ganzen Ettömu ng mtgegmwarf, so war eS kein Wunder, daß der Strom der Ge» schichte schonungslos über ihn hinwegging. Damals stand an der Spitze de« jüdischm Gemeinwesens eia Mann, dem zwar viele an Wiffm gleichkamm, dessm praktischer da« Ganze überschaue! de Blick jedoch nur wmigm beschtedm war. Dem Davidijchm König-Hause mtstammt und Sohn jmes R. Simon b. Gamaliel, der vom Cmtralsitz« in Jerusalem au« die Bmegungm der jüdischm Heere im Aufstandskriege gegm die römische Herrschaft mit Nachdruck geleitet hatte,' war oer Pattiarch R. Gamaliel durch Geburt und llrrztehung zur staatsmänuischm Leitung eine« großm Gauzm I>e- *) Jedoch nur innerhalb gewtffer »nverrstckbarer Grenze«, nach Kt* de» hler gleich j» Rachsctz« gegedeE Beispiel», (sied.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.