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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1871-04-19 · 15/16 (19.4.1871) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
2 (1871)
Issue
15/16 (19.4.1871)
Date
1871-04-19
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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114 zur Sprache zu bringen und muthvoll für die Ansprüche ihrer Glaubensgenossen etnzutretm. Daß derartige Bestrebungen um sporadisch im parlamentarische» Leben auftauchtm, lag nicht an de» Männer», sondern war in dm Verhältnissen begründet. Da- Feld der legislatorischen Thätigkeit war äußerst begrenzt: die Arbeit der Gesetzgebung beschränkte sich fast nur aus die AuSfüllung etwaigei LückM; eS konntm nur Dinge berührt werdm, zu dmm zufällize Tagesereignisse oder eingegangme Petitionm einen AnhaltSprmft boten. Anders in dem nmm Reichstage, in dem sich eine Reorganisation der beftehmdm Verhältnisse vollziehm wird, in dem nicht daS Einzelne verändert und verbessert, sondern da» Ganze mehr oder wmizer sich einer Umgestaltung wird unterwerft« müssen. Dem enlsprechmd ist darauf hinzuarbeiten, daß die Bestrebungen zu unseren Gunstm nicht vereinzelt, sondern systematisch und nach einem bestimmtm Plan« vor sich gehm, um eS kurz zu fazm, daß neben den verschiedenartigen focialm und volkSwirthschaftlichm Fragm auch die Judmftage auf die ständige Tagesordnung deS deutschen Reichstages kommt. Doch der Anpuls dazu muß auS den nichtparlamentarischen Kreise« kommen. Die jüdischen Volksvertreter stehen nicht mitten in der Strömung jüdischm Lebens; sie find mit unserm Bedürfnissen nicht gmügmd vertraut; wovon der Geist nicht stet» beherrscht wird, da» wird auch, wie di« menschliche Natur einmal angelegt ist, nicht lebhaft genug nach Außen Hervorbrechen. Darum solltm unserer Ansicht nach die Männer, welche ihr« ganz« LebenSthäti gkeit dem Dimste deS Judenthum» weih«, die durch ihre Stellrng in höherem Grade ihr Interesse dm jüdischm Angelegmheitm zuwenden, sich mit dm Abgeordnetm unseres Glauben» in mgere Verbindung fetzm, sie gewissermaßm zum Organ unserer :Znteressm machen. Crömieux wäre vielleicht während seiner langjährigen vielumfassenden Thätigkeit mit einer weniger bewundernSwerthm Entschiedenheit für seine Stamme»- gmoflm eingetretm, hätte ihm nicht seine Stellung al» Präfidmt Feuilleton. Z>ie Schwärmerin. liu« »«schichte. Loa Leopold Kompert. (Aortsetzuag.) ,Wa» meinf: Du," fragte Belle mit merkwürdiger Ruhe, .wo sie jetzt lieg«« mag?' .Wer?' gab die Krau, di« ihrer wartete, mit erheuchelter Mime zurück. .Meine Dorette.' .Sie wird gesund in ihrem Bette liegen und schreibt Dir nächstm» einm großen Brief auf acht Settm wmigstm».' .Dorette schreibt mir niemals wieder .. Meinst Du, ich weiß nicht, daß f t nicht auf unserem »gutm Orte' liegt.' Ein andere« Mal, mittm im Gespräche über ganz gleich« giltige Gegmstäalie, hielt sie plötzlich inner .Glaubst Du nicht auch, Chaje,' sagte fie zu der Fra«, daß dem Kinde d>,rt auf dem ftemdm Kirchhof ganz erschrecklich bang sein muß? Jeder Mensch hat e» gerne, wenn er eine Ansprache hat. Mit wem soll sie redm, wenn die eigme Mutter nicht bet ihr ist?' Die Wärterin starrte mit weit aufgeriffmm Augm die Sprecherin an. Warm diese Worte di« Nachwirkung de» Schicksalschlage», oder die bekannte .Schwärmerei' Belle Bamberger»? »Ich bin sinnedig (bei Sinnm), mein« lieb« Chaje,' sagte Belle mtt einem überleg«« Lächeln, .und brauchst Dich nicht vor mir zu fürchten. Meinem ärgsten Feinde wünsche ich nicht der Alliance JSraöltte (und schon viel früher im Central-Consistorium. Red.) die Lage der Judm sttt» lebjnft vor Auge» geführt. Wir Hab« kein« Abgeordneten» dessm Wirkungskreis innerhalb unserer Sefammthett liegt,, und der dadurch eo ipso unsere Bedürfnisse auf da» Genaueste kennt; f» verschaff« wir ihm diese Bekanntschaft, indem wir mgere Beziehung« mit ihm anknüpfen. Wir glaub« nicht, daß er da» Mandat zurückwetsm wird, welche» ihm die Vertreter de» JudenthuuiS übertragen, ebmso wmig wie er Anstand aehmm würde dm speziell« Wünschen seines Wahlkreise» Ausdruck zu geben, so sie nicht dem Interesse de» Ganzm zuwtderlaufm. Doch die Regierung? Wftd fie unS nicht urüberwindlichm Widerstand mtgegensetzm, alle unsere Hoffnung« illusorisch mach«? — Wir gesteh« für diese Frage kein Verständnis» zu haben. Jeder Einsichtige wird zugebm, daß die Bestrebung« zu unserm Gunstm ganz unabhängig find von der Aussicht auf Erfolg. Mein wir huldig« auch hinsichtlich der Willfährigkeit der Regierung nicht so pessimistisch« Anschauung«, wie vielleicht manche unserer Glaubensgenosse». Wir legm die Schuld unserer gering« Fortschritte nicht bloß der Regierung bei — sondern zum groß« Thelle auch «nü selber. So wmig auch unser Ministerium sein« konservativ« Grundcharakter aufgehoben hat, so ist «» dennoch nicht mehr da» Ministerium von ehemal», da» Ministerium vom Schlage der Gerlach» und der Kreuzzeitung, der Kleift-Retzow und Smfft- Pllsach. Die Wahrung der confervativm Interessen ist mehr passiver al» activer Art. Seitdem man mtt dm alt« Tradition« in der Poltttk gebrochm, muß man auch dem liberal« Geiste immer mehr Co»cesstonm mach«; man beschränkt stch da» sestzuhaltm, wa« man ebm noch festzuhaltm vermag, giebt aber nach einigem Widerstand auf, «a» mtt zu großem Ungestüm verlangt wftd. Rur im Ressort de» CmtuSmtnisterium» herrscht noch da« alte System; indessen wird auch hier nothgedruugm ... daß er einm solch« Kopf auf hätt' wie ich. Wenn Du willst, kan« ich mtt über jede Minute an» dem Leb« meiner Dorette Rechenschaft ablegea, ich kann Dtt dm Stoff und dtt Farbe ven dem Heide beschreib«, wa» Dorette in ihrem dritttn Jahre grttagm hat. Und da glaubst Du, mei» Kopf hätt' gelitt«? Er ist stark, zu stark, sag' ich Dir, und Du wirst »och erleb«, «a» der Alle» durchzusetzm im Stande ist.' Endlich war sie vollkommm genesen? e» fehlt« noch etwa vierzehn Tage zum Osterfeste. Da «rklätte sie eine« Tage« tu bestimmter und mtschlossmer Sprache ihr« Leut«, sie werde morgm t« aller Früh« eine Reif« anttetm, Keiner ttaue sich, sie davon abzuhattm; wenn et» Engel vom Himmel herunterkäm«, er dürft« ihr auch nicht in ihr« üktschluß htneinreden. Längst«» in acht Tag« werde fie wieder zu Haus« fein, darauf könne man sich verlassen. Einer der Beherzten hatte aber dennoch dm Muth der Etnweud«,gz wenn fie schon kotz ihrer geschwächt« Gesundhett sich nicht abbrtngm lasse, werde «an doch wmigstm» wissm dürsm, wohin dtt Reise ging«? »Reise? Hab' ich Resse gesagt?' rief fl« mtt einer Hefttgkett, dtt Alle erschreckte, .sag' lieber, ich will mich auf die «auderuug begebm. I» einem gepolstettm vag« zu fitzen, ist die» «tue Kunst? Ich aber will wände« ... bi» ich au meine« Ztett bin.' Dann nach einer Welle lächelte fie fetu: »Erschreckt utcht,' sagt« fie mtt ruhiger Gelasseuhett, ,va» ist den» Arge» dabet, wenn so eine alle Fra«, wie ich ein« bin, probttm will, ob fie noch Füße hat ... Und daun «»ß ich ja wissen, wtt und wo meine Dorette gebettet liegt.. Am ander« Morgen, kur, nach Tage«a»b«ch, verlttß fie da» Hau» und ttat dtt Wa«de«ng au. Dtt Lust war trotz der Frühlingszeit katt und rauh. I« der Haud trug fi, et» Bündel, darin lag« einige LebmSmittel «ud da« dick, Gebet.

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