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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1871-03-15 · 11 (15.3.1871) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
2 (1871)
Issue
11 (15.3.1871)
Date
1871-03-15
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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86 22. Ianmir allgemein erregte, dürste wohl die folgend« nüchternen Bemerkungen vollkommen rechtfertige». Weit entfernt, in das Meritortsche de» Gegenstand«» fpectell einzugehen, wollen wir bloß dm einen Punkt hervorhebm, dm Jedermann zugebm muß, daß die Verhaudlungm ein traurige» Spiegelbild der verfchwon menm religtöfm Anschauung« unserer Zeit gewähr«. Vergebens sucht man nach einem leitend« Gedankm, nach einem höheren Princip, »ach einer erhabmm begeisternd« Idee! E» find durchaus rein subjektive Ansicht«, unklare Begriffe, hohle Phrasm, die di« BorstandSmitglieder beherrscht«. Der Edie sprach sich mit einem wahr« Horror gegm die Einführung der Orgel in die Synagoge au», dagegm wollte er wieder mit einem Federstriche alle Stell«, welche sich auf dm Opferritu», die Wiederherstellung Jerusalem» bezieh«, auSgemerzt wisse«. Und doch muß der mragirteste Orgelfeind zugebm, daß vom theologisch« Standpunkte die Einführung der Orgel wmiger nachtheilig und gefährlich für die Einheit des Judenthum» ist, al» die Eliminirung der erwähnt« Stellen au» dm Gebetbüchem, die mit d-n dogmatischen Lehr« de» Judmthum» viel zu mg verwachs« find — und die, wenn die decretirie Abschaffung durchzeführt wird, ein Schisma unvermeidlich machen. Mehr al» neun Zehntel der Judenheit in all« Theilm der Erde werdm die radikal« Eingriffe de» Wimer Vorstandes in dm einheitlich« Lehrinhalt de» Judmthum» al» ein« Abfall von der Gefammtbeit bitter beklag«. Dmn sobald der Vorstand sich zu einem GlaubenSconcil, da» da» Judenthum nicht kennt» constituirt, so bekommen eo ip8o deffm Beschlüsse dm Charakter einer Häresie. Da» Judmthum weiß nicht» von einem dogmatisch« GlaubmSzwang, well es keine Behörde gegebm, die seine Dogmm iormulirt und durch eia Auarhema hellig gesprochm hätte — man überließ die» alle» der Wissenschaft de» JudmthumS, wo der Dmksteiheü der größte Spielraum gegönnt war. Maßt sich aber ein Vorstand die Lestigniß an, durch Jahrhundette geheiligte Lehre» öffmttich zu negirm, so ist der Riß unvermeidlich und da» Schisma wird gleichsam mll dm Haar« herbeigezogen. Der Resermt, Herr Arminio Cohn, wußte überdies nur folgmde, gelinde gesagt, höchst unpassende Argumente vorzubringm: »Die Reform«, welche Läuterung erzielen, verlang« die Ausscheidung aller Gebete, die mit unsem sortgefchrittmm moralischen Anschauung«, mü der verändert« Rechtsstellung der Judm im Widerspruche ftehm und geradezu wie eine Lüge in unserem Munde erscheinen." Ferner: »Gebete um Wiederherstellung d,A BlutopferS, um persönliche Rückkehr nach Jerusalem, seim aber im Grunde eme Lüge." Herr A. Cohn spricht viel von Lägen, ohne zu bedenke», daß er dadurch die Edelst« und Best« unseres Volke», di« Maam eine» MaimonideS, Jehuda Halmy, Salomon Jbn Gabirol, Mmdelsfohn, derm moralische Anschauung« dm unser« nicht aachsteh«, beleidige. Hat Herr A. Cohn sich schon die Krage beantwottet: WaS ist Wahrheit? Was wäre nicht alle» in dar Sprache des Gebete» und der Poesie Lüge, wen» wir dm Maßstab deS prosaisch« Verstandes aulegm?! Reden wir nicht von dem Vater im Himmel, der im Himmel sein« Th ron hat; sprechm wir nicht von der Seele» die gm Himmel, zum Wohnsitze GotteS, emporsteigt, von Gebet«, die der Vater im Himmel erhör« möge? — Und doch weiß Jedermann, daß alle diese Redewei'm in der alt« Vorstellung ihre Berechtigung habm, die dm Himmel al» eine ktystallme Veste bettachtet. Unsere heutig« astronomisch« Begriffe habm diese» längst alt eine bloße Täuschung anerkannt — und doch ist eS Niemanden eiugefallm, die Sprache de» Gefühl» und deS Herzen» einer Lug,: zu zeih«! Freilich, sagt man, di« Thieropfer harmouir« nicht mehr mit unser nn Zeübewußtsein! Aber insorange dem KriegSgotte ganze Hekatomb« de« edelst« Mmfchmblute« fast alljährlich dargebracht werdm, ist die Erinnerung an die Thieropfer »nd »och mehr die Bitte um Wiedereinführung der Opfer an der seit Jahttausmdm geweihetm Stätte in Jerusalem, anstatt der Menschenopfer, zu entschuldig«. Noch lange wird e» bauet», bi» der von dm Prophet« verkündigte allgemeine GotteSfrttde, „wo die Völker nicht mehr dm Krieg lemm werdm", die Erde beglück« wttd. Die gepriesme Zeit, wo die Völker nach Jerusalem, der Stadt de» Friedm», der Gerechttgkeit und der Treue, wallm werdm, mn all« Völkerzwist zu schlichten, liegt leider noch viel zu fem. Die Bitte um Rückkehr nach Jerusalem hat mit der Rechtsstellung der Judm gar nicht» gemein. E» liegt darin bloß die Hoffnung auSgefprochm, daß Israel einst an der Spitz« der wahr«, vom Geiste Gotte» beseeltm Civtlisation einherschreitm werde, wmn da» ErlösungSwerk auf Erdm sich vollenden wttd. E» ist die» mehr eine kosmopolitische al» nationale Hoffnung, dmn die Rückkehr nach Jerusalem ist bloß ein Symbol de» allgemein« GotteSfrtedm». Wird nun einmal, wie alle Edlm hoff« «nd wünschm, da» Reich GotteS zur Wahrheit werdm, so wttd e» nicht an edlm, gottbegeistertm Männem fehl«, die dm GotteSdimst dem VolkS- und Zettbewußtfein gemäß regeln werdm. E» liegt gar nicht» so absonderliche» darin» daß die Völker Jerusalem al» die Urheimath der Religion und Wahrheit verehrm und daß an der einzigm vom Later der Gläubigm, von Abraham, geheiligt« Stätte ein Thieropfer, al» endliche letzte Versöhnung für die unzählig« Menschenopfer, die dem KriegSgotte gefall«, dargebracht werde. Wmn die rauchendm und blutkgm Schlachtfelder sich in reizmde Flurm verwandeln, dann möge der alte Opferdust al» Sinnbild de» ewig« Friedm» gm Himmel steigm. Unsere Aufgabe ist bloß dm Geist der Wahrheit und Liebe, der Erkenntniß und der Furcht Gotte» überallhin zu verbreit«! Wahrlich, die altm Erinnerung« und Symbole thun dieser heüigm Aufgabe nicht dm mindestm Einttag. Sobald wtt aber mtt kühner Hand daran rütteln, ist e» um dm Friedm geschehm! Videant consales etc.! N. G. Au» ttpgattt, 24. Februar. (Orig.-Corresp.) Mtt Beginn de» Jahre» 1871 fing e» wttder an in dm jüdisch« Gemeind« reger zu werdm, e» galt nme Vorstände zu wählm und da» JahreSbudget zu bestimm«. Da machte man gar arg« Entdeckung«, in viel« Gemeind« war kaum die Hälfte der CultuSstmer eingebrach», zu »mm Verpflichtungm wollt« sich Viele nicht verstehm; dazu hat die am 18. März v. I. von dm LandeSvätem gesetzlich anerkannte Bogelsteiheit der jüdisch« Gemeind« geführt. Judesim «bettet die Eongreß-Partei oder richttger die Congreß-Commisston rüstig, um da» Abgeordnetmhau» zur Rückkehr zu bewegen. Ein voluminöse» Memorandum wurde zu diesem Zwecke au»ge«bettet und beim Landtage eingebracht. Wie wett diese Thättgkett gedieh«» wiffm die Götter; die Commission hält die ganze Sache, vielleicht au» Opporttmttät, unter dem Schleier de» Geheimniffe». Ob da» Memorandum sein« Zweck erreich« wird, muß dtt Zeit lehr«; Wenn nur die Abgeordneten zum Lesm dtt nöthige Geduld mttbrächtm! Le roi est mort, vire le roi! Leider ist der edle, mmschmstmndliche Eötvö», der schon im Jahre 1843 eine Broschüre zu Gunst« der Jndm - Emancipation veröffenttichte und stet» für die Rechte seiner jüdisch« Mitbürger etnttat, am 2. d. M. gestorbm, der nme Cultu»minister ist ein domo novaa, also find seine Gefinnungm nicht bekannt. Bon einigm TageSblättem wttd er al» Freund der llltramontanm geschildert, welche Nachricht dtt Congreßgegner mtt Freud« begrüßten. Dtt Leute vergessen aber, daß lllttamontaniSmu» und Judeafeiudlichkett sich stet» dm Arm bietm. Hoffentlich wird sich der neue Minister weder zu dem einen noch zu dem ander« bekennen. (Allerdings

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