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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1871-03-15 · 11 (15.3.1871) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
2 (1871)
Issue
11 (15.3.1871)
Date
1871-03-15
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Craerfuigen, die wir, wir gesagt, unterdrückt haben — lobt er Herrn Weißmann an« Mainz, welcher siebe» jüdisch« Lol» daten splendid bewtrthete. Er erzählt auch, daß Hugo Naphtali an« Schweidnitz (87. Regt.) da« eisern« Kreuz «egen au«gezeich» neter, beim Au«fall vom 19. Januar bewiesener Tapferkeit er» halten hct, und zwar von 20 Borgeschlagenen mit nur noch Einem. Der nähere Bericht über di« Thal wird für später per» sprach«. Boa Herrn vr. Vlumenstein geben wir nun zuvörderst den Schlich de« im vor. Blatte begonnenen Briefe« im Aulzuge: ,Ä> kam nach beschwerlicher zehnstündiger Reise Freitag den 17. hier (ln St. Oueutt«) an unt ließ sofort durch da« Commando Gotte«dienst auf den folgende« Tag um 8 Uhr in der Syncgoge anordnen. Zur festgefetzien Stunde kamen 16 Mann vom 79. Regt, in Begleitung eine« christlichen Unleroffikter«, die größtmthell« in den Kreisen Trier, Saarlout« und Saarbrücken zu Haufe find. Hier wohnen etwa 20 jüdische Familien. Die zahlreichen Besucher verzichteten zu Gunsten der Soldaten aus da« Aufrufen zur Tbora und blieben auch während der Predigt anwesend Ich sprach über den Text Jes. 40, 81. Die letzten Tage besuchte ich die im Bereich de« Schlachtfelde« von Saint Quentin liegenden Lazareth« in Savy, Essizny le Grand, Söraucourt und I^rtrv. Die Commandantur stellte mir dazu einen Wagen. Ueberhaupt gebührt den Militärbehörden, mit denen ich bi« jetzt verkehrte, die vollste Anerkennung für die schnelle und prompte Ausführung meiner Anträge. Wie schade, daß wir so spät aus den Kriegsschauplatz kamen, da unsere Hülfe überall erwartet wurdt! Die Freude eine« jüd. Verwundeten, den man in einem entlegenen Dorfe auffindet, ist unbeschreiblich. Diese Erfahrung machte ich erst gestern wieder bei dem Unteroffizier Joseph Haase au« SantomySl (am Oberschenkel schw. verw.) im Lazareth,,u Söraucourt. Morgen früh reise ich nach Compidgne und Soisson», um norm 'v bei einer andern Abtheilung di« Andacht zu leiten. Ich bitte Sie sehr, mir 1) Geld, 2) Siddurim und 3) Lectüre für die jüdischen Verwundeten zukomme» zu lassen. (1 und 2 war bereit« besorgt. Red.) Ein Kranker der sich damal» al« Hauslehrer hier aufhielt, hat viel Wahrscheinlichkeit; zumal sich da« Gedicht in zwei Exemplaren iu dessen Nachlaß gefunden hat. Jndesien gehötte damal» bekanntlich da» Dichten, oder vielmehr Bersemachen» in hebräischer Sprache — wie heute etwa in deutscher — zur höheren Bildung. Jeder sogenannte Aufgeklärte versuchte sich dann, und zufällig waren damals mehrere bekannte Mitarbeiter des späten» .Meassef' hier in verschi edenen Häusern thättg — so z. B. Isaak Euchel, Baruch Lindau und Solmson. — Bon dem derzeitigen Rabbiner tPnjD "1 Vin, Enlel deS WW der einige Zeit darauf (lt?03 mt« 'JDpr) gestorben ist, ist e» schwerlich verfaßt, da derselbe zwar Meister de« hebräisch-rabbinisiden Stils und bei großer talmudischer Gelehrsamkeit gebildeter, al» viele seiner damaligen College» war, aber doch für solche Allotria kaum Sinn und Befähigung haben mcchte. — So war demnach schon vor ca. 70 Jahren auch in kleinen Gemeinden, die nicht zu den .Aufgeklärten' zählte», der Geist lebendig, welcher sich, ttotz aller Zurücksetzung, seiner Zusammengehörigkeit mit dem Vaterland« bewußt war. Hannover war damals nämlich noch eine, allerdings geachtete und angesehene, aber doch kleine Gemeinde, die zwar viele Gebildete in ihrer Mitte zählte — waS unter Anderem auch aus dem Briefwechsel zwischen stahel und Veit sich ergiebt — aber in ihrer ganz« Stellung und Leittmg auf dem altjüdischeu Boden stand imb später noch gegen die Neuerungen de» westphälische» Confisto» riurn» entschiedene und erfolgreiche Opposition machte. Die Theilnahme an vaterländischen Ereigniffen zeigte sich auch später, »ach Abwexfung deS französisch« Joches, in dem und verwmtdeter erhält pro Tag am 8 pfg. und da« reicht natürlich, wenn er Reeoavaleteent wird, nicht gm Beköstigung au«. Die Siddurtm gehen deu Soldaten uameutlich dadurch so häufig verlor«», daß di« Tornister, di« al« Kopfktsie» auf dem Schlachtfeld« diene«, tu de» allermeiste« Fäll« nicht für d« jeweütgm Besitzer reservtrt »erd«». Al« Beweis dafür, wie sehr der Krieg hier in all« verhältnifle eiugretst, dien« di« Notiz, daß »orig« Sonntag hier ei» vier Doch« alte« Kind beschnitt« wurde, da man durch Unterbrechung der Verbindung «st Part« und velgt« kein« Vrnö hatte auftreib« können. Sehr viel« wiffm nicht, wenn sie in diese« Jahre »Jahrzett' Hab«, weil sie au« Part« kein« jürtsch« Kal«der erhalt» haben.' Ferner schreibt Herr Dr. Blomenstein au« Amien« unter« 26. Februar: »Soeben komm« ich von dem jüdisch« vegräbatßorte, woselbst ich einem im hiesig« Lazareth verstorben« einjährig Freiwillige« Rud. Koppel au« Köln, ein« provisorisch« Leichenstet» setzte. Man merkte an der Form de« Grabe«, daß die rauhe kalte Hand der Fremde da« letzt« LiebeSwerk vollzog«, da e« um spärlich «tt Erde bedeckt war. Ich ließ dasselbe durch die «ich begleitend« jüdisch« Kamerad« d« andern Gräbern gleich mach«. Nur ein grüner Tannenzweig, der in di« winterlich« Erde de« Grabe« ges«kt war, besagte, daß hier eine« derjenig« Opfer liege, welche der große Kampf von unserem Vaterland« gefordert. Möge dieser grüne Tannmzweig auf der eiskalt« schneebedeckt« Fläche für un« Jud« in Deutschland da« Symbol eine« anbrechend« Frühling« sein, an welchem man uu«, die wir in gleicher Weise wie unsere christlich« Mttbürger für da« Vaterland geblutet, die lange vorenthalle« bürgerlich« und religiöse Gleichstellung gewährt. — Den Vater de« Verstorben« werd« ich beaachrichttgm, daß er sich mtt dem Obmanne der hiesig« Jud« tu Verbindung setz« möge, da dieser da« Setz« eine« defintttv« Leichen steine« in Aussicht stellte. Kurz b«or ich auf dm jüd. Begräbntßplatz ging, hatte ich um 8 Uhr Nachmittag« mtt etwa 30 Soldat« au« der 3. Reserve-Division Gotte«dimst abgehalten. Derselbe Jubel, mtt welchem in der Synagoge jede Spur der Fremdherrschaft «»«gemerzt und da« Gebet für da« angestammte Herrscherhau« wieder ausgenommen wurde; obgleich für die Juden .nur der plötzliche, uuvermittelte Rückfall au« der voll« (Gleichberechtigung in da« ganz mittelalterliche Schutzjudeuthum al» Frucht de« Umschwung» zu verzeichn« war — worüber ein interessante« Docummt vorliegt, da« vielleicht später «itzuthettm sein wird. — Ja einer Sammlung von Gedicht« re., die beim Besuche Georg'« IV. in seinen Erbland« i« 3.1821 ,lo«gelassea' wurden, findet sich auch eia deutsche« von der jüdisch« Ge» meine« Hannover, da» tndeffm, wie e« scheint — obgleich «in Gebet damit verbünd« ist — nicht in der Synagoge vorge» tragen, sondem dem Könige überreicht ist.» Zum Schluss« sei noch al« eine« etgmthümlichm ZusammentreffenS erwähnt, daß grade sechzig Jahre nach jener Fried««- fcier, am 1. Januar 1862, wieder eine solenne Feier,iu der Synagoge zu Hannover stattgeftmd« hat — die Feier de« hundertjährig« Bestehen« de« SöohlthättgkeitS-Vereiu» («mp man)— wobei selbstverständlich auch deutsche Gesänge rc. mtt Musikbegleitung ertönt«. Lebt« auch »och Manche, die jene Feier mttgemacht, so war doch, wie ob« bemerkt, jede stftianeruug daran verlor«. — WaS aber damal«, wenn auch ohne Kampf und in friedlichster Weise, doch vttlleicht nicht ohne Graue», al« bedenklichste Nmerung eingeführt ward« — bat war inzwischen Gemeingut geword«: lebendige Wechselwirkung zwischm dm bedeutender« Zeitereignissen und dem GotteSdimfte, auch auf dem Bodm de« jüdisch« Gotteshaus««!

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