Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 2 (1871)
- Issue
- 5 (1.2.1871)
- Date
- 1871-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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95 lich mlotfrrb gmug ist, verschmäht hätte, wenn diesem Vorhaben nicht ein gar zu mächtige» Htnderniß im Wege gestanden hätte. Und wir glauben nn» nicht zu tänschen, indem wir dt« Ber- «uthnng auSsprechm, daß der Fanatismus der katholischen Bevölkerung, die auf dem flachen Lande willenlos ihre« Cleru» folgt, de« Juden die Niederlassung in ihren Districten thatsächltch verwehrt hat.*) Denn man mag von französischer Toleranz und dem Gleichheitsgefühl de» französischen Volke» noch so Loben»- werthc» zu berichten wiffen, da» wird sich Alle» immer nnr auf die Kreise beziehen, in welche der Geist der französischen, d. h. der hauptstädtischen Cultur z« dringen vermochte. Wo jedoch, wie im Süden, die Unwissenheit der Landbevölkerung von der katholisch« Kirche absichtlich befördert «nrde, ist auch südliche GlanbenSwuth und Unduldsamkeit bi» auf den heutigen Tag herrschend geblieben. Der Deutsche ist von Natur vielleicht mehr z» Glaubenshaß und religiöser Unduldsamkeit geneigt, er kann seine Abneigung gegen Andersgläubige meistentheil» selbst dann nicht überwinden, wenn er ihren Widerspruch mit Vernunft und Humanität klar zu erkennm im Stande ist. Nicht ander» wenigsten» läßt sich die nur dem deutsch« Wesen eigenthümliche Erscheinung erklären, daß oft auch hell denkende und edel gesinnte Männer bet extrem-liberaler Gesinnung in einem versteckten Winkel ihre» Herz«» ein gut Theil Judenhaß bergen, der dann in unbewachten Augenblick« unwillkürlich hervorbricht. Allein die geschichtliche Entwickelung unsere» Volke», die allgemeinere Bildung und die hierdurch geförderte Unabhängigkeit von dem Einfluss« geistlicher Bestrebung« und dann nicht zum w«tgst« der Umstand, daß seit Jahrhundert« in Deutschland Katholik«, Lutheraner und Reformirte al» Etammgmoffm neben einander »oha« und zu geg«seitiger Toleranz gezwungen war«, Hab« bei d« Dmtschm da» Streb« «ach GlaubeuSeinhett abgeschwächt ,*) Dir» wird richtig fein; aber im Allgemeinen ist der Franzose weniger wanderlustig al» der Deutsche, und daran« erklärt sich auch wohl das verbleiben der ftaazöstscheu Jade» in ihren Wohnsitze». (sieb.) klügAnde Professor« - Weisheit dageg« sag« mag, der gesunde Menschenverstand läßt sich nicht au»redm, daß M«d«l»sohn da» Urblld de» Nathan gewesen ist. Ist e» Zufall, daß Lessing, »dieser d«tscheste der Dmtsch»', wie man ihn wohl g«annt hat, mit MmdelSfohn, dem Jud«, »der so ganz nnr Jude schein« wollte', eium so innig« Frmndschafttbund geschlossm hat? Schon Heine, der ebenso leicht» al» tiefsinnige Spötter, hat erkannt, daß eine «ge Verwandtschaft bestehe zwilchen dem deutsch« und dem jüdsschm Geiste. Dieselbe k«sche Sch« vor der Helligkeit der Familie, dieselbe innige Hinneigung zur Gemüthlichkeit de» hä«»lichm Herdes, dieselbe echt religiöse Gesinnung bei tiefem Widerwill« gegm alle hierarchisch« Gelüste, derselbe Hang znm Sinnen und Grübeln über die Weltprobleme, endlich die scharfe rücksichtslose Krttik, die auch die Waffen de» schneidend« Witze» gegm die falsch« Götter führt, ja auch die letztere Eigmfchaft ist beidm, d« Deutschen wie den Jud«, grmeiusam. Wer diese Eigmfchaft für kein« Vorzug hält, sondem ob derselb« an dm Juden mäkelt und kritelt, der streiche »ur getrost Männer wie Lessing, wie Strauß au» dem goldmm Buche der deutsch« Literatm. E» kann sein, daß Heine mehr da» spitz« Sttlet, Lessing mehr da» breite Schwert de» Witze» geführt. Aber auch Lesstng ist ein köstlicher Protest gegm die Behauptung der Witzlos«, al» müsse der Streit der Meinung« stet» mit salbungsvoll langweiliger Würde au»g«trag« werdm, al» fei« guter Humor und ernste» D«k« unverträgliche Gefell«. Dieser innig« verwaudtfchast de» Jud« mit de« Deutsch«, den allerdiug» die Dentschthümler, »dies« gemüthlichm Sklavm mit schwarzrothgold«er Livre«', wie Heine sie nmnt, s» grm «egläugu« möchtm, ist e» zuzuschrrib«, daß die politische, soetale und wissmschaftliche Erhebung de» Judenthum» und der ungestört« Duldung jüdischer Mitbürger mächtig« Vorschub geleistet. Daher dir unbestreitbare Thatsache» daß seit langer Zeit die Jud« in Deutschland einer stettgm und sicher« Entwickelung ihrer Verhältnisse am meist« thellhaftig geworben. Allein auch da» günstige numerische Berhältniß der Juden in Deutschland im Vergleich zu dm« in Frankreich darf bei der Beurtheilunz dieser Frage nicht übersehm werd«. Bor Allem muß eü wohl da» Bewußtsein einer jeden Gemeinschaft heben, einem größer« »ad zahlreicher« Mitgliederverbande anzuzehör«. Sodann giebt e» sicherlich überall und namentlich innerhalb religiöser Gmossmschaft« gewisse Angelegmhettm, bei deren Entscheidung nur da» Zahlenverhältniß maßgebmd sein kann. Ein kleiner Bmchtheü der Bevölkemug kann selbst an die wohlwollmdste Regierung nicht die Ansprüche stell«, der« Beftiedigung eine größer: Gesammtheit sogar von einer minder wohlwollend« zu erreiche» vermag.*) Aber da» sind immerhin nur äußere Vottheile, die fteüich schwer gmug in» Gewicht fall« und auch der oberflächlichst« Betrachtung nicht entgeh« werden, die jedoch trotzdem vielleicht den Nachtheilm nicht die Wage halt« könnm, welche eine Abtrennung vom ftauzösisch« Staat»-OrganiSmu» für die Juden herbeiführ« muß. Eine» aoer kann die V^eiaigung mit Dmtschland dm Jud« in Elsaß und Deutsch-Lothriugm bietm, an dess« hohe Bedeutung kein materieller Lortheil und keine äußerlich« Rücksicht heraureicht, ein« Gewinn könnm «ir unser« dorttg« GlaubenSbrüdenr in Aussicht stell«, dm sie mü Sicherheit erlangen werd» und den weder Neid noch Scheelsucht ihnen schmäle« kann, weil er so frei und «ngezwllngm sich ihn« darbietet wie die Lust, die wir eiuathm« — «ir meinen di« Theilnahme an dem Eulturleb« de» deutsch« Volke». Nicht al» ob wir dm Verth der ftauzösisch« Cultur herabsetzm und in dm widerlich« Ton jmer Tmtomanm verfall« wollten, der« Pa- *) Depo schlimmer aber für die tu Frankreich verbleibeobru Israeliten! <**».) von Deutschland und hauptsächlich von Berlin ihr« Auögang gmommm hat. Ja, auch die politisch« Erhebung; denn ist e» auch leider nicht zu läugnm, daß Dmtschland sich von allen Cultur-Rationm hat übertreffm lassen in der praktisch« Anerkennung der Jud« al» vollberechtigter Staatsbürger, so ist e» nicht minder wahr, daß von Berlin die erste Anregung zur Emancipation auSgrgang« ist. Unvergessen bleibe e», daß Dohm, ein königlich prmßifcher KriegSrath und ein Bewunderer MmdelSfohn», zuerst als Anwalt de» verachtet« Stamme» austrat; er erst weckte Mirabeau, »dm groß« Donnerer,' der durch di» Macht seine» Worte» dm Bau de» FmdaliSmu» zerbrach und auch d« Wall de» Vorurtheil» gegm die Juden erschütterte und «blich stürzte. Nicht in Pari», wo der judeufeiudliche Voltaire dm Ton angab, sondem in Berlin, wo Mendelssohn die philosophische Stimmung beherrschte, wnrde Mirabeao, der al» Gesandter Frankreichs im Jahre 1786 nach 'Preußen gekommen war, veranlaßt, die Rechte der Jud« unter die Obhut seiner siegreich« Beredsamkeit zu »ehm«. Aber wa» hätte d« Jud« die polttische Gleichberechtigung genützt, wmn sie nicht selbst au» dem Wust de» Mittelalter» sich herausgearbeitet, wmn sie nicht da» Ghetto, in welche» sie sich selbst gebannt halt«, durch die Verwilderung de» Jud«- thum» in seiner Wissenschaft, in sein« religiös« Bräuchm, in seiner äußem Erscheinung, geöffnet und de« Geist der Z«U ringelass« hätte«. E« ist ein tiefe« Wort von Zunz: »die Gleichstellung der Jud« in Sittm und Leb« muß au» der Gleichstellung de» Judenthum» hervorgehm.' Auch dieft Emauctpatton de» Judenthum» vom Wust der Jahrhunderte ging von Berlin au». Der' Culturverein, an luffm Spitz« Zuuz, Gan» und Moser