Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 2 (1871)
- Issue
- 1 (4.1.1871)
- Date
- 1871-01-04
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
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6 einer wissenschaftlichen jüdischen Theologie stehen, darf nur dieser allein da« Rnht zuerkennen, in religiös« Kragen eine mtfchei» dende Stimme abzugeben. Demzufolge hat sie sich nur unter die Fahne solcher Männer zu schaarm, die dagroße jüdische Schriftthum mit wissenschaftlicher Klarheit und Gründlichkeit aufzufassm versteh«; nicht aber kann ihr jeder Lamdan, Verein witzige- .Pschätl' zu faoricirm versteht, sonst aber baar jede» andern Wissenist, al- Repräsentant jüdischer Wissmschaft gelt«. Zn viel« unoarischm FortschrittSgemeindm zeigt sich ober daumgekehrte Verhältniß: sie kenn« ein wiffmschastliche» TalmuLstudium auch nicht dem Namen nach; alS groß« jüdische Lheologm gelten ihn« noch immer die Gelehrt«, die weder schreib« no<l> lesen könn«. Steht aber irgmd eine Person im Gerüche der Bildung, so wird ihr jedetalmudisch« Wiffm abgesprochen. Wir Hab« in Ungarn einige tüchtige wiffmfchastliche Rabbinm, die dabei talmudische Capacitätm find und im fortschrittlich« Geiste wirk«. Würden diese Männer in Deutschland leb«, wären sie datheologische Orakel der jüdisch« Gemeind«; in unserem Mazyarmlande jedoch werdm ihre theologisch« Gut.ichtm deshalb nicht anerkannt, weil darin mehr Spur« bon wiffenschaftlicher Bildung alwitziger Pschätlsprünge sich vorfind«. Za sogar ihr: rabbinische Ordination wird nicht leicht anerkannt; die Candidatm de- Rabbinatsind gehakt«, ihr« rabbinische Zkfähigung für da- RabbinatSamt in FortfchrittS» Gemeind« von orthodox« Rabbin« sich bescheinig« zu lass«. So bekomm: man oft Concurse zu Gesicht, de- Inhalt-: die FortschrittSz« meinte N. N. sucht ein« Rabbiner, der von drei orthodox« Rabbinm autorisirt sein muß. Ist diese Denk» und Handlungsweise nicht ein ArmuthS» Zeugniß für unsere sogenannt« aufgeklärt« Gemeind«? .Alle-, nur nicht orthodox/ ruf« sie, und am Ende läge« sie sich zu dm Füßm rer orthodox« Rabbinm, zoll« ihrer theologischen Weisheit allnu Anerkennung, während die Rabbinm ihrer eig nm Partei von ihn« als außerhalb des HeiligthumS talmudisch« Wiffmstehend betrachtet werden. Einzelne Herr«, die sehr oft dm Ton in der Gemeinde angeben und hvper aufgeklärt.sein wollm, auch Sitz und Stimme am grün« Tische Hab«, sind ganz und gar nicht gut auf die neuen d. h. gebildet« Rabbinm zu sprech«; da diese gewöhnlich eine selbstständige Meinung haben und nicht gefügig gmug dm Jntmtion« desich unfehlbar dünkendm Borstehernachhinkm, dah-:r find sie »Pfaffen*, Hab« »hierarchische Gelüste* und uützm außerdem der Gemeinde gar nicht. Unter Gemeinde versteht der H,rr Vorsteher seine höchsteigme Person, l'ötnt o'evt moi, und ec vindicirt sich alS Ruhm, weder von Mannheimer noch Sulzer erbaut Word« zu fein. Diese Herr« warm e-, die im Eongreß aupurer Fortschrittlichkeit geharnischt und gerüstet mtt thmer bezahlt« Red« geg« die Rabbinm auftrat« und ihrem Wirkungskreise die mgstm Greiz« zu zieh« bestrebt gewesm sind. Die Mahnung deS fel. 0r. Zipfer, in dem Rabbinm wenigst«» dm jüdisch« Gelehrt« zu ehr«, verhallte vor dm Ohrm der gesttmgm Herr«; auch Rabbiner Steinhardt mußte die ttaurige Erfahrung mach«, daß sein Rednertalmt gegmüber einem so erleuchtet« Auditcrium nichtauSrichtm könne. .Der Jude wird verbrannt/ man darf keine Hierarchie aufkommen lasten. ES war« wirklich keine angmehmm Tage» welche die fortschrittlich gffinnt« Rabbinm alS Kongreß-Deputirte verlebt«; von der eigenen Partei angefeindet zu werdm, ist wahrlich nicht ermuthigend. Diese anttrabbiuisch« Gesinnung vieler Vorsteher ist leider auch kein Segm für di« Gemeind«; sie wist« stet» die Aufnahme eine» Rabbiner» zu hintertreibm, und in der That giebt «» in Ungam viele Gemeind«, in welch« da» Rabbtnat-anit schon Jahre lang de-halb unbesetzt ist. Wie verhalt« sich nun unsere Fortschritt-»Gemeind« t» ihr« Fortschritts-Bestrebung«? Ein einziger Tempelbesuch läßt erkennen, wa» man bet un» .geregelt« Gottesdienst* nennt. Dir Choralgesang ertönt wohl in de» Tempel» Räum«, aber viele Lempelbesucher schein« sich mehr durch ihr ununterbrochen«» Plaudem al» durch Gebet erbau« zu wollm, unsere Chortempü verdienen «och immer die sprichwörttich gewordene Benennung .Judeaschule'; der modeme Choralgesang vermochte noch nicht die alt« Unart« zu bann«. Die Predigt al» integrirmd« Theil de» Gottesdienste» zu betracht«, zu dieser Erkenntaiß Hab« e» nur einige wmige Gemeind« gebracht, in den meist« Fort» schritt--Gemeind« will man weder erbaut noch belehrt werden. Wozu auch dieser Luxu»? lebt sich'» doch so bequemer! Wmn ich noch htnzufüze, daß unsere Fortschritt-Partei (Aut» nahm« abgerechnet, hier ist immer nur von der groß« Mehr» heit die Rede) wmig Sinn für jüdische- Wiffm hat, so hak« ich so ziemlich Alles vorgebracht, um dm Beweis zu liefe«, daß. ebei un» mit dem Fortschritt nicht weit her ist. Ja Dmtfch» land find sehr viele jüdische Gelehrte literarisch thätig, auch unsere jüdisch« Gelehrt« arbeit« mit vieler Einfigkeit auf dem Felde jüdischer Wiffmschaft, aber ihre Werke bleiben meiste»» Manuskript; französische Romane wohl, aber nicht jüdische wissen» schastliche Werke find« Käufer. Da« Erscheinen von 5—Ü jülü» sch« Zeitung« in Dmtschland, die alle gut bestehen können, währmd bei un» kaum eine aothdürstig ihr Leb« fristet, trotzdem sie da» ofsicielle Organ der Congreßpartei ist, beweist darb« Gesagte, da die jüdische Einwohnerzahl Ungamder Deuts,hland» wmig nachsteht. Frankreich. Lyon, 14. Decbr. (AuSzügliche Uebersetzung eine- Schreiben» von dem Grand Rabbin dedortig« Consistorium» an d« Herausgeber.) Die Gefühle der Nächstmliebe, welche allen unser« GlaubmSgmossen in der ganz« Welt anzeborm find, "2 rmo 'L2N1, könn« im Herz« der dmtfch« Israelit« gegmüber dm ftanzöfifchm, ungeachtet de- Kriege-, nicht erlosch« sein, noch wmiger bei dm dmtfch« Rabbinm, welch« Charafter und Wiffm gleichmäßig auSzeichnm. Ich empfehle daher meine Glaub«-- und LandeSgmoff«, welche in Ihrer Stadt gefang« gehalten werdm, Ihrer Liebe und geistlich« Fürsorge, wmn sie auch von den Militärbehörden gut behandelt werdm mözm. Da- Consistorium Hierselbst hat eine Subscription eröffnet, um Geld und warme Kleider für die Gefangmm send« zu könn«. Obgleich in Lyon und ande« nicht vom Feinde besetzl« Stadt« Somit»», auS all«' Cult« zusammengesetzt, besteh«, welche dm Gefangmm ohne Unterschied der Confessio« Hilfe angedeihm last« wollm, so Hab« wir e» doch für Pflicht ze» haltm, im Interest« der israelitischen Gefangmm ein für sie besonder» sorgmdeS ComitS zu^bildm. Wir hoff« ihnen dadurch nicht nur größere materielle Unterstützung gewähr« zu können, fondem ihn« auch dadurch einen besonder« Beweis der Th,ül» nahme, ein« Trost mehr zu gewähr«. Ich hoffe, daß Sie «in» Ihr« Beistand gewähr« werdm «. s. w. — E» ist auch von BalmcienneS au» eia JSraelite hier in Stettin gewesen, welcher dm Gefangenen, Juden und Christ«, Geld u. s. w. überbracht hat. Er kam im Auftrag« eine» gemischt« Comitö» daselbst. Unsere Antwort nach Lyon im nächst« Blatte.