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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1870-12-14 · 50 (14.12.1870) · p. Seite 410

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
1 (1870)
Issue
50 (14.12.1870)
Date
1870-12-14
Page
Seite 410 (sequence 4)
Language
German
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410 Anstelligkeit und ihrem Geld« wußten sie sich früher «I» dt« meist« ihrer Landsleute mit Waffm und anderweitiger Ausrüstung zu versorg«, und die Freischütz« der Vogesen, an der« Exercttim sie im Fried« nie thellgenommm, find durch fie plötzlich stark vermehrt worden. Ihre Anhänglichkeit an Frankreich ist übrigens motivtrt. Sie wissm, wafie der groß« Revolution schuld«, daß von Frankreich die Emancipation der Judm auSgegaag« und daß eS in Deutschland mit der sogmanntm Toleranz noch lange nicht so wett gekommen, als in dem Lande, das fie al» ihr gelobtes Land zu betracht« fich durch mehr als siebzig Jahre gewöhn: Hab«. Nur schade, daß dieser Patriotismus ein« bonapartistifch« Anstrich hat. Die Judm war« zu all« Zeit« und mehr oder wmiger iiberall große Verehrer Napoleon» L, besonder» aber im Elsaß, wo man ihn al» eine Art von MeffiaS betrachtete und ihm manche» Berdtmft, manche Erleichterung zuschrieb, die man etgmtlich der von ihm getödtetm Revolution schuldete. Mtt Stolz blickte man da auf die von Napoleon eingesetzt« Sanhedri» zurück, an d«« die Jud« eine unabhängige Vertretung ihrer besonder« Jntereffm besaß«, «nd di« viel« ihrer Glaoben-gmoffrn eia Bewußtsein gab«, al» wärm fie Smatorm. Die Tradition kam cmch dem Neff« zugute, und man muß gesteh«, daß dt« französisch« Jud«, abgefehm von seiner allgemein« Politik, alle Ursache halt« mit Lout- Napoleoa zufriedm zu sein, da sie unter ihm. trotz aller Koketterie mtt Papst und Kttche, nicht die geringste Beschränkung erlitt«, Handel und Gewerbe in Blüthe stand«, die Tarife ihn« zugute kam« und fie auf dem Fuße vollkommmster Gleichheit mit ihr« christlich« Mitbürgern erhalt« wmdm. Abgefehm von der Zunahme ihre» ReichthumeS, warm ihn« auch alle einttäglichm und Ehrmstellm in der Armee, der Registratur »nd Verwaltung ohne Htndemiß zugänglich und mtt Stalz sah« fie ihre Glauben»« gmoffm al» hohe Offiziere» al» ProeurmrS, al» Richter rc.» besonder« al» höchstgestellte Aerzte tu der Anne« thätig. Sie ahn«, daß e» ihn« unter ander« kirchlich gesinnt« Herrsche« nicht so wohl werden könnte, und fie wiffm sehr wohl, da fie mit dm dmtschm Jud« durch Handel und Hettath in beständiger Verbindung stehen, daß e« in Prmßm trotz aller Grundgesetze «ttd Verfassung« mtt der Gleichberechtigung der Eonfefstvue» sehr schief stehe. Sie «iss«, wc» et» Ministerium Euleuburg und Mühler zu bedmt« hat, fie halt« LiSmarck für ein« arg» junkerlich« Tyrann« und dm König von Prmßm für ein» Ptettstm, der ganz in dm Händm der protestantisch« Pfaff» sei. Daran ist zum Theü die Beschränktheit der preußische» Freimaurerei schuld, an der« Spitze der König steht und dttfie sehr wohl kmnm, da viele Elsässer Jud« Maurer find. Auch Hab« fie größere Abneigung gegm die protestanttsche Intoleranz, al» gegm die katholische, nachdem fie in dieser Beziehung tn de» gemischt« Lande Erfahrungen gemacht, die nicht zu« Vorthelle der Protestant« find, da fich diese ihn« gegenüber Immer schroffer »ad abwetsender verhielt«, al» die Katholiken. Auch die Köntzta Augusta steht im Rufe einer Piettstt», wa» wohl auf einer Verwechslung mtt der Königin-Wtttwe beruht, die doch katholisch ist. Der Kronprinz von Prmßm wttd nicht gefürchtet, aber vom Prinz« Friedrich Earl werd« nicht» wmiger al» schmetchelhaste Lharakterbtlder mtworf«. Man behauptet von ihm, er könne ein« Bürgerlich« zum Frühstück «ad ein« Judm zu» Mittagöeffm verspeis«. Mit einem Worte: die Judm von Elsaß und Lothringm sehm der Annexion mit großer vesorgntß, intt Zittern und Leb« entgegen. Ich weiß et gewiß, daß bereit» au» verschied«« Gemeind« «nd von viel« Privat« an Vorsteher, Rabbiner «nd andere Notabeln tu Deutschland Klaj^u und besorgte Anfrag« ergänz« find, wa» man von der Zukunft zu erwatt« «nd welch« Maßregel« zu drgreifeu sei«, um so rtel al» möglich dm drohmdm Hebeln vorzubmgm. E» steht auch fest, daß im Falle einer definittv« Annexion von Elsaß «nd Lothringm ein starker Exodu» der Judm au» dies« Provtqzeu in da» innere Frankreich stattfindm und daß dies« au Geld und gewerblicher Thättzkett viel verlier« «erden, letztere» umsomehr, al» gewiß auch viele Ehrist« «nd merkwürdigerwesse meist Pwtestantm au» dem ober« Elsaß, au» Mühlhausm und Umgegard, auöwandem werd« — wie große Verluste auch mtt dem Verlass« und Aufgebm großer industrieller Anlag« verbünd« fei« stand vergeblich fei... Noch ein Mittel war vorhandm, um dem Graf« zu entgehen, eia furchtbares Mittel, und der bloße Gedanke daran ließ ihr Blut erstarr«.... ihr« Glaub« ein» gesteh« .... und der Jnquifition aaheimfallm.... Da» unglückliche junge Mädch« war wieder furchtbar bleich gewordm, ein katter Schweiß perlte auf ihru Stirn, die Schattm des Tode» bedeckt« ihr Anttitz.... Sie blickte mechanisch um fich, in Mittm der edelu Herr« und Daoc« bemerkte sie plötzlich ein« Mönch, ein« Dominikaner au» dem Gefolge der Inquisitor«. Blitzschnell durchzuckte fie ein Gedanke: Enriquez, Enriquez konnte fie aus der Hand de» hei Hg« Officium» rett«; er hatte e» gesagt... Dieser Gedanke fiel wie ein HoffnungSsttahl in die Schreck«», die fie umlagett«. .Du sollst sagen, warum,' begann jetzt Herr von Tumo wieder, .warum?' Juanita war bleich, die ganz« Umgebung verschwamm vor ihr« Augen. .Warum?' sagte fie, mtt «nerhötter Anstrmgung die Worte hervorstohmd. Dann nahm fie ihre letzt« Kräfte zusammm und rief mit rauher gellender Stimme: .Well ich eine Maranna, weil ich eine Jüdin bin!' Bei dies« furchtbar« Wort« war die ganze Bersaminlung vor Schreck auSei-iander gefahren. Herr »on Tumo, die Gräfin und Alonzo warm dieser Bewegung gefolgt. Al» der Graf von Ramira die Früchte seine» Verbrechen» «nd seiner jahrelang« Jntrigum so plötzlich sein« Händm entschlüpf« sah, ließ er fich von der Heftigkett seine» Temperament» forrretßm und rief: .Glaubt e» nicht» «S ist nicht wahr!' Er hielt tnne, dmn er sah dm Großinquisitor Moltua de Medrano vor fich stehen. »Diese judaistrmde Ketzerin wird dem Tribunal der allerheiligsten Inquisition vorgeführt werd«,' sagte Molina langsam und abgemessen. »Wa» Euch angeht,' fügte er hinzu und w«rs auf d« Graf« ein« vernichtend« Blick, »so wttd da» hellige Officium darüber zu entscheid« Hab«, wie Euer Bettagm in dieser Aagelegmheit gewesm ist und ob ihr nicht wtflmtlich sein» Nachforschung« eine Ketzerin dadurch mtzogm habt, daß ihr derselbm ein Asyl in Eurem Hause öffnetet.' Der Graf blieb unter dm zerschmettemdm Blick« de» Großinquisitor» wie angedonnett stehen. Indessen hattm sich nach und »ach einige der anwesend« Herr« Juanita genähert, die erstaunt «nd erschreckt über ft« tollkühne That unbeweglich geblttbm war.... Diese Münver warm geheime Diener der Äquifition. Sie hatt« schnell ihr Oberkleid geöffnet, unter dem man nun ein filbeme» Schild mtt einem Ehrtstu», der in dm Flamm« eine» Scheiterhaufen» stand, erblickte. An diesem Zeichen erkannte mau ihr Lerhältntß zu« heilig« Officium. Ander« Dimer hott« schnell einige Unterbeamt« der Jnquifition bmachrtchttgt, und bald darauf ttatm mehrere dieser Trabant« tn dm Saal; fie bemächttgtm sich Juantta» und mtferntm fich mtt ihr. l (Fortsetzung folgt.)

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