Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 1 (1870)
- Issue
- 45 (9.11.1870)
- Date
- 1870-11-09
- Page
- Seite 370 (sequence 6)
- Language
- German
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870 und doch äußert sich gerade bei dies« der Mangel einer sorg, samen Erziehung in vielen Fälle» wett verderblicher »nd sollte fie in erster Reihe zum Gegenstand« unserer Fürsorge machen l Dieser längst gehegte Wunsch ist nun endlich in Erfüllung ge» gangen. Der hiesige kgl. Geh. Commerzim-Rath Herr Moritz Simon, ein Mann, der mit warmer Anhänglichkeit an die väter. liche Religion eine» selten« Edelsinn verbindet und fett Jahren ein wohlwollender Gönner de» israelitischen Waisenhauses ist, zu dessen Vorstande er gehört, hat der betreffenden Anstalt eine Summe von 10,000 Thlrn. überwiesen zu dem Zwecke, eine ge» sonderte Mädchen-Abtheilong zu eröffnen, waS demgemäß noch im Laufe diese» WinterS geschehen wird. Vor einiger Zeit starb in unserer Nachbarstadt Elbing ein gewisier Eisenstädt und hinterließ eine Wittwe nebst zwei Söhnen im Alter von 9 reip. 11 Jahren. Die Wittwe, ursprünglich eine Christin, kehrte nach dem Tode ihre» ersten Manne» wieder zu ihrer frühere« Religion zurück und verheirathete sich mit einem armen christlichen Arbeiter. Da» unter den obwaltenden Um» ständen ohnehin traurige LooS der beiden jüdisch« Stiefkinder im Hause ihrer nichtjüdischm Pflegeeltern gestaltete sich um so trüber, al» die letzter« e» nicht an Versuch« fehl« ließ«, ihre Pflezebefohl«« durch lleberredunz oder Drohung« in die Arme det ChristmthmnS zu führ«. Der schließlich« AuSgang dieser Sache war vorauSzusehm. Deshalb wendete sich der Vorstand der dortig« Gemeinde, Herr Stadtrath Lövinsohn, an da» hiesige Waisenhaus mit der Bitte, diese beidm Knaben gezm eine von der dortigen Gemeinde aufzubringmde JahreSpmfion von 150 biS200Thlr. aufzunehmen. Obwohl nun diese offerirte Summe die durch die Ausnahme zweier Zöglinge entstehmdm Au»» gab« nur zur Hälfte deckt — die Unterhaltung de» einzeln« Zögling» kostet durchschnittlich 160—170 Thlr. jährlich — die beidm Knaben auch nicht unserer Gemeinde, ja nicht einmal der Provinz Ostpreußen «gehöre», so trug der Vorstand de» WaisenhauseS dennoch kein« Augenblick Bedenk«, die Kinder ihrer traurig« und gefährdet« Lage zu entreiß«, und weil« diefelbm seit dem 1. Oktober im Schutz« der Anstalt. Diese Denk» und Handlungsweise ehrt in gleicher Weise die Elbinzer Gemeinde wie das hiesige WaismhauS, dessen gegmwärtigm Vorstand die Herr« Rabbiner vr. Bamberger, Jacob Berustein, vr. Friedländer» George Simon, Geh. Commerzim»Rath M. Simon, Jacob Theodor und der wohlverdimte Mitbegründer der Anstalt, M. S. Magnus, bilden. Von dm erwähnt« 12 Zögling« der Anstalt gehör« gegmwärtiz nur 7 unserer Stadt, die andern 5 verschieden« Gemeind« der Provinz an. Wie verhält sich aber Ostpreußen gegenüber dieser liberalen Handlungsweise des hiesigen, ausschließlich aus den Schenkungen und Beiträgen der hiesigen Gemeinde» Mitglieder errichteten und bis zur Stunde unter» haltenen Waisenhauses? Hierüber nächstens. -c- Königsberg, 1. November. (Original-Correfp) Der Kaufmann Bloch von hier, Gutsbesitzer Wedel-Absintscheim und Kaufmann Leop. Perl» aus Danzig (Bruder des hiesigen Privat- Docentcn) sind zu Offizier« ernannt. Die Soldaten Cohn und Bank von hier haben das eiseme Kreuz erhalten. Alle Gmaautm find Juden. Oesterreich. —y. Wie«, 20. Oktober. (Orig.-Corresp.) Die Feiertage find vorüber, nnd wmn auch die Art, wie sie bezangm wurden, nicht gerade in all« Einzelnheü« ein so glänzendes Bild darbot. wie Sie e» jüngst nach einem hiesig« »Feuilleton' dargestellt Hab«: so gewährt« fie doch immerhin den Anblick eine» religiös bewegt« Leben». Der Andrang zu dem Verkauf der BethauSfitzc war mächtig. Selbst in dem groß« Leopoldstädter Bethause war Allel »ausverkauft'. Nach glaubwürdiger Mittheilung ist fett dem Besteh« diese« Bethaufe« »och nie eia so hoher Ertrag durch ben Verkauf von Plätzen erzielt worden, wie i» diese« Jahre. Gleich« Zuspruch fand« die anderweitig bloß für die Feiertage von de« Gemeindevorstande und der »Privat» Industrie' hergerichtet» Betlokale. Die letztere bot auch für dies« heilig« Zwack alle unheiligen Mittel der Reklame «ad Marktschreierei aus, — eine Einrichtung, die wahrlich nicht ge» eignet ist u»S bei uusem nichtjüdischm Mitbürge« Ehre einzutrag«. So konnte man wochmlang unter dm Afstchm, welche zu dem Besuch de« »Sperl', von »Schwmder« Colosseum'; Deffort» »Anatomischem Musmm' u. s. w. eialudm, auch dt« riesmgroße Anzeige sehen, daß in einem gewiffm Lokale »ein fünfzehnjähriger polnischer Jüngling mit wunderbarer Coloratur abwechselnd mit einem «ohlgeschnl» ten Chor vortrage« werde.' E« fehlt eigentlich nur noch, daß man htnzufüzt, im »pn ruroi werde da« hohe 6 Vorkommen. — Die poltttsche Meinung» »Verschiedenheit» welche da« hiesige Publikum in ei« »ftanzöfische«' und ein »deutsches' Lager theilt, machte sich auch in d« Raum« der Andacht gettmd. Während vr. Jellinek gegen dm »kahlköpfigen und hohlherzigea' Bismarck polemifirte, feierte vr. Güdemann die deutsch« Siege. Sonst machte sich freilich die polttische Parteiung an heiliger Stätte wmiger schroff geltmd, al« drauß« im Leben, wo sie schon zur AuStheilung von Ohrfeig« u. dgl. geführt hat. Eine derattige Scene, welche sich nmlich in einem hiesig« Kaffeehaufe unter Mitgliedem einer jüdische« baronisirten Familie abspielte, erregte naliebsame« Auf» sehm. — Auch in dem Kreise de« BethauSvorstande« hat e< unliebsame Scmm gegebm, der« nähere Detail» wie ihre llr» fachen mir unbekannt sind; genug, e» sind mehrere Mitglieder auSzettetm und der BethauSvorstand erfchim zu dm Feiertag« in n«er Zufammmsetzuug. Friedlicher ist di« Thätigkeit de« GemeindevorstandeS, ob ersprießlicher — ist eine andere Frag«. Derselbe hat jüngst auf Andrängm von etwa achtzig gegen da« »Hebräische' eiagenommmm Gemeindemttgliedern dasselbe au« dem Unterrichtsplane so gnt wie beseittgt. WmigstmS ist der hebräische Unterricht auf ein solche» Minimum beschräntt ward«, daß man ihn jetzt bloß al« »symbolische Handlung' be» ttachtm kann. Man sieht, der »Fortschritt' macht Fortschritte, und voraussichtlich werden unsere Kinder bereit» so fortgeschriüm sein, daß fie von dm Quell« de» JudmthumS nicht» mehr wiffm werden. Am Ende ist ja auch, wie ich glaube, bei den Buddhist« da» »absolute Nichtwissen' daS Endziel der Religion und Phllo» sophie! Oder warum sollte nicht die gesammte Judmhett dermaleinst au» Solch« besteh«, wovon eS jetzt nur ein« Ordm giebt, nämlich aus störe» ignornntio»? Der Vorstand hat sich zwar bereit erklärt, für Solche, die e» begehr«, ein« »erweiterten' hebräischen Unterricht ertheilm zu lass«, — aber Wer wird ihn begehr«? Immerhin bleibt un» doch der Euleufptegel'fch« Trost, da da» Hebräische nicht wohl noch abnehmm kann, daß es einmal wieder zu nehmen wird. Al» Remplayant für dm hebräischen Unterricht soll mit dem n«m Schuljahr der Sabbat- Nachmittag -GotteSdimst für die Jugend eintreten. Hoff« wir gute Früchte davon! — Für da» Bliuden-Jnstitut ist bereit« der Platz angekaust. Er liegt außerhalb der Linie in einer lieblich« Gezmd. Bald wird da» Institut eingerichtet fein. E< fehl« dann nur — die Blind«!— Ein Waisenhaus gehört hingegen noch immer zu dm »ftommm Wünsch«', obwohl allerdings an Waism leider kein Mangel ist. Man will nun jetzt, wie ich höre, dm Versuch mach«, eine Anzahl Waism edlem geeigneten Privatmann« in Pmfio« zu geb«, statt daß «an, wie bisher geschehe«, nur ErziehuugSbeittäg«, die oft übel angw wendet wurdm, dm Müttern oder Verwandt« in die Hände giebt. Für diese Dinge zeigt immer noch der bejahrte Joseph von Wertheimer die unetgamützigste, opferwilligste Theilaahmei — Von der theologisch« Facultät werde ich Ihn» nicht eher