Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 1 (1870)
- Issue
- 41/42 (19.10.1870)
- Date
- 1870-10-19
- Page
- Seite 345 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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845 „Die Woche gehört de» Jude»! Es war die jüdische Charwoche mit Synagoge»- «ad Friedhofbesuch, mit Buhe und Kasteiung. Wenn eia Theil der Bevölkerung, der in manchen Dingen tonangebend geworden, sich von dem öffentlichen Leben seru hält, so merkt man dies der Stadt wohl an, und wer an dem „laugen Tage" eine Wanderung durch die Stadt antrat, dem muß diese Veränderung recht ausgefallen sein. Die Inden liefern an diesem Tage den praktischen Beweik, daß man wirklich dmch Abwesenheit glänzen könne. Die elegantesten Läden der Stadt waren geschloffen, der Stadtpark und Lolk-gartm waren verödet, die Geschäft»-Eafö» waren leer, und nun gar erst die Theater und die Börse. Die Intendanz, die sonst so rücksichtsvoll für die Juden ist, zu ihrem Weihnacht-feste Otto Ludwig- „Mackabäer" al- Gelegenheit-stück aufführen zu kaffen, scheint de» „langm Tag" völlig übersehen zu haben. Da war die Directton de- Hofburgthraterschon klüger, als sie die für diesen Abend angesetzt gewesene erste Aufführung von Kalisch „LiebeS- Proben deS Don Juan" wieder von dem Repertoire abfetzte und für einen spätem Abend verschob. Freilich war sie halb und halb dazu gezwungm, dmn auch unter dm Hofschauspielern stehm die Zudm in erster Reihe, und Herr Sonnenthal weigerte sich, aufzutreten und dm heiligm Tag durch profane- Spiel zu entweihen. Ein wahre- Glück, daß seine Glaubensgenossen an dm andem Bühnm minder scrupulösind, sonst hättm wir eS erlebt, daß in drei Theatem „dehohm jüdischm Feiertagewegm" nicht gespielt wordm wäre, denn die drei ersten Dorstadtbühnen habm Söhne deau-erwählten Volkezu Directorm; daß dasselbe nicht auch dem Hofburgthmter nachgesagt werdm könne, behauptet zwar deffen Direktor, Herr Wolff, allein gmealogische Forscher meinen, ewäre ihnm nicht schwer, da- Gegmtheil zu beweisen. Und nun vollmdS die Börse! ES hätte, waS doch zuweilm der Fall ist, eine Wählerversammlung in dem Börsen» saale stattfindm dürfm, so hätte eS nicht leerer in seinen Räumm fein könnm! Nur ein kleine- Häuflein Abtrünniger hatte sich eingefundm. Wie glänzmd war dagegm die Versammlung in dem altm Tempel in der Seitmstättergaffe! Dort habm sich die-mal, was die Ringsttaße an Rittem und Baronm aufzu» > weism hat, eingefundm, dm letzten der Barone, dm ftommen; Köllig-warter an der Spitze, der vom frühm Morgm bizum l spätm Abmd die Synagoge nicht verließ. Wie lange ist enoch her, daß Rothschild der einzige jüdische Baron in unserer Stadt war. Nun zählen wir derm bald ein Dutzend, die vielm Ritter gar nicht zu rechnm! Und nicht der Geldadel allein war diesmal in der Synagoge erschimen, auch der Kunstadel war ver» tretm. Da sahm wir neben Mosmthal den Darsteller seiner Stücke Sonnenthal, neben August Frankl Anton Ascher. Audem Herrmhause Winterstein, audem Abgeordnetmhause Kuranda und auch Berthold Auerbach, der jetzt in unserer Stadt weilt, will man gesehm habm. Kurz dajüdische Herz muß sich erftmt habm an der stattlichm Versammlung. Aber auch viele Nichtjuden waren herbeigekommm, um zu fehm und zu hören, dmn waman an diesem Tage in dem altm jüdischm Tempel WimS zu hören bekommt, ist ein Unikum, daman in der ganzm Welt nicht wieder hört, den Gesang Profeffor SulzerS, deersten Eantor» der Iudmgemeinde. Sulzer ist eine Specialttät und sei» Name hat mropäischm Ruf. Er ist der Schöpfer demodernm jüdischm Ritualgefange-, der in allm modemisirtm Synagogm eingeführt ist und, heute bereithoch in den Sech-zigm stehend, reißt Sulzer noch immer die Zuhörer mit seinem, selbst de- Texte- Unkundige erschütternden Gesänge hin. Wie», 21. Sept. Da» »R. W. Tageblatt« «zählt folgend« »mysteriöse Geschichte», welch« cheil« hier, theil» in Pest spielt. 9» mögen etwa drei Jahre sein, seitdem der Goldarbeiter I. Gchw., der sich in Anliegenheiten seine« Geschäfte« nach Wien begab, wie in Pest »Ilgewei» bekannt ist, spurlos verschwand. All« Nachforschungen, alle Necherchev der Polizei führten nur zu vagen vermuthnugen and die verzwei- > feite Gattin wartete vergeblich aus einen Strahl, der diese» geheimuißvolle Dunkel erhelle» sollte. Die widersprechendsten Versionen, di» sich bald zur Annahme eine» Unfall», bald eine« verbreche»» hinneigten, wurde» prr Zeit, al» der vorsall bekannt wurde, geltend gemacht, wie über viele wichtigere, so schieu auch über diefe« Ereigniß «ra» gewachsen »n sein, al« dies« Tage ein Fall «intrat, der geeignet ist di« »rinuerung an da» verschwinden de» Sch. wied« zu belebe». vor etwa acht Tage», so berichtet unser Gewährsmann, langte an da» Ose»« Oberraibiuat ei» recommaadirtr« Schreibe» au» Wie» an, dem ei» weiste» reiaensacktuch mtt de» Initialen I. S. und eine Factnra üb« gelieferte Goldwaare» vom Jahre 1866 beigelegt war. D« anonyme vrief. schreib« leitet sein« Mittheiluug mit de» Sorte» ein, daß «, der am Rande de« Grabe« stehe, nicht ruhig werde sterbe« können, wenn <x nicht ei» Ge» heiumit, da» ihn schwer »iederbeuge, d« Sel« kund thue. Im August de« Jahre« 1867, führt « dann fort, kam Jacob Schwarz Goldarbeit« au» Pest, den « fett sein« Jugendzeit kannte, »ach Sie», nm daselbst Goldabsülle zu verkaufe» und für d«ea Grlö» Edelsteine eiuzukanfeu. D« anonyme vrieflchrribcr wie» ihn an einen sich«eu R»senb«g. d« sich mit dem Ein- und verkauf von Edelsteine» befaßte. Die Beiden schloffen wirklich «in Geschäft im Betrage von 800 (L ab nnd begaben stch hi«auf mit dem Einseid« in eia Bierhau» auf dem Als«gr»ad. Heit« und gut« Dinge wurde dort gezecht vnd da e«, al» fie da« Bier hau« verließe», schon spät war, nahm Schwarz, d« nicht gerne in sei» Hotel zurllckkehren mochte, da» An- «bieten de« Roseaberg, bei ihm zu übernachten, an. D« Schreib« und Roseub«g ivollten sich eben auch zu Bett begeben — Schwarz hatte sich früh« nied«gelrgt — al» d« Letzt«« laut auffchrie. Sie eilten an sein Bett und fanden ihn — entseelt. Sie begaffen ihn mir Waff«, frottirtra ihn, wandten alle möglichen Wiederbelebungsversuche an, alle« umsonst — Schwarz war tobt. E« war 11 Uhr Nacht», Leide fremd in Wien, scheuten sich, d« Polizei Anzeige zu machen, um nicht deu naheliegenden B«dacht eine» Raubmorde« zu erwecken. I« ihr« rachlosen Angst «griffen fie d» Leiche, hüllten fie in Packpapier und grobe Leinwand nad banden fie mir Stricken, um ihr die Form eine» Waarenballen» zu geben; fie riefen hierauf einen Fiak« und bed«ateten ihm, fie aus die Fischerzeile zu führen; dort augelangt, ließen sie halten und warfen den Leichnam in die Donau. Dem Fiak« wollten fie 5 fi. bezahlen, dies« ab« wie» da» Geld mit den Worten zurück: »Ich sehe schon, daß hi« etwa» vrsoud«e» vorgeht; wenn mir die Herren nicht mindesten» 100 fl. geben, schlage ich Lärm und zeig« deu Vorfall d« Polizei an.» Rach längerem Unterhandeln gaben ihm die Beide» «0 fl. In die Wohnung de« I. Schwarz zurückgekehrt, zerschnitten fie die feinen schwarzen Kleider de« Schwarz in kleine Stücke und warfen fie in den Abort; in den Taschen fanden fie, nach d« Angabe de« Schreib«», eine brauulederne Brieftasche mit einem Inhalt von 4 fl. 36 kr., zwei Ringe und eine goldene Busennadel, welch« Gegenstände sich Rosenberg. d« mit dem Tod« abging, aueigutte; außerdem da« dem Brie» beigelegte Sacktuch nnd dir Factnra. D« unbekannte Eorrespondntt versichert noch, daß « e« fich habe angelegen sein laffeu zu erfahren, ob die Leiche etwa vom Waff« ausgeworfen wcrden sei, doch gelangte hierüber nicht» zu sein« Krnntniß. D« Briefschreib« meint, « werde sich vor seinem Gotte, vor dem « bald erscheiaen w«de, rechtfertigen nnd ermahm den Ob«rabbiu«, seine Pflicht zu erfüllen, da ein junge« Weib seit drei Jahren da« verschwinden ihre« Gatten betrauert und die Ungewißheit schmerzlich« sei, al« die schrecklichste Gewißheit. Zum Schluffe sagt der anonyme Briesschreib«, der Rabbin« w«de nicht «- warten, daß n ihm nach so drlicaten Mittheiluugen seinen Namen nennen w«de, thettr jedoch mit, daß sein Borname »Juda Leb» sei, daß sei» Vater Rießan hieß, d« fich eine läng«e Reihe von .Jahren in Alwfen aufhielt, und daß « selbst ein Jüng« de» berühmten Altofn« Rabbiner« Mose« Müne war. Soweit der Brief. Herr Ob«rabbin« Hirsch konnte nicht« Andere» thnn, al» da» Schreiben im Einxroehmen mtt dem Gemeiudevorstaude dem Vorstände der Pest« israelitischen Enlmrgemeind« zu übermitteln, da Schwarz in Pest zuständig war und auch seine Gattia nnd d«en Familie daselbst noch gegenwärtig ihr Domicil haben. In Amsterdam ist der RabbinatS-Affeffor (resp. Verireser) Hirsch nach 22 jähriger Amtsführung im 49. Lebensjahre gestorben. In Warschau ist der durch mehrere talmudische Werke berühmte R. Jak. Gesundheit an Stelle de» verstarb. Meisel« zum Oberrabviner gewählt nnd bestätigt worden. — Kurz vor Neujahr haben zahlreiche Synagogen-Einweihuugen stattgefunden. Außer de» von un« früher (S. 322) genannten Orten in Essen, worüber die „Effener Zeitung" eine schwung. voll gehaltene Beschreibung giebt und besonderder Predigt de- Lehrer« Blomenseld Anerkennung zollt; die katholischen und evangelischen Geistlichen haben stch an der Feier betheilizt; dann in