Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 1 (1870)
- Issue
- 41/42 (19.10.1870)
- Date
- 1870-10-19
- Page
- Seite 343 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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ich derselben mit einer gewiss« Spannung und verzeihliche» Neugierde entzezenfehe. — Sie haben mir gestattet meine unmaßgebliche Ansicht über dasielbe in Ihrem Blatte nieoerzulegm, und warm so freundlich einige Bemerkungen an dieselbe zu knüpfen. Für dieselbm meinm Dank! — Eine» aber kann ich trotz alledem und alledem nicht unterdrückm und fühle mich eben jetzt, inmittm der Eindrücke de» Echofarrauschm» und der »furchtbarm Tage', gedrängt, e» auszusprechen, so au-zusprechm, wie ich'» fühle im Innersten de» Herzen»: Ihre Behauptung, wir ungarischen Juden seim nicht »reif' für religiöse Ungebundmheit, hat mir wehe gethan. — Cie haben'» ja schon in den ersten Blättern d. Z. auSgesprochm, daß Sie im Principe da» Selbstbestimmung»recht de» Individuum» anerkennm; Sie haben'» ja erst neuerdings auSgesprochm, daß Sie die Secession in Berlin, in Frankfurt, in Mainz re. gerechtfertigt finden: und gerade wir ungarischen Juden wärm nicht »reif' für eine solche religiöse Ungebundenheit — denn eine solche und keine andere wollm wir — und gerade wir ungarischm Judm müssen un» Gemeinden anschließen, die wir nicht an« kennen? — Sie fragen dann weiter: »Aber für die Judm allein —?!* Und warum nicht? Habm wir ja lange gmug eine Sonderstellung eingmemmen zu unserem Nachtheile, und wenn e» un» einmal im Sonnenlichte de» freien Jahrhundert» gegönnt ist, eine Sonderstellung zu unserem Nutzen und Frommen einzunehmm, solltm wir'S nicht thun? Und ist'» dmn kein Triumph gerade diese» JudenthumeS, daß e» ihm gegönnt ist, währmd die Anhänger anderer Confef« sionm gezwungm zu dm Gemeind« zehörm, feinen Söhnm das Recht der Selbstbestimmung zu gewährm? — Doch ich mag nicht mehr fragm! Was weiter bei un» geschieht? — Sehr wenig! Ruhig ist'» ringsum, wie wenn der Orkan auSruhen wollte von seiner tobmdm Fahrt. Da» ist kein Friede, der unS die Segnongm de» Kampfe» gmießm läßt, da« ist ein kurze» Stillehaltm, um dann wieder wuchtig loSzuschlagm. — Kann und darf dmn ein »zethellte» Judmthum' bestehen, oder kann und darf dmn eine »Trennung von Tisch und Bett' durchgeführt werdm? — Ihr, die Ihr mch erlmchtet und fortgeschritten nmnet, wollt ihr dma keinm Schritt zur Lersöhnung machm? Und Ihr, die Ihr fromm und heilig zu sein vermeint, Ihr reicht dm Brüdem nicht die Hand? — ,O Menschen, wollt ihr dmn ewig Kinder bleibm?'- « Anm. der Red. Zu einer eingehend?»! Besprechung der ungarischm Wirren hat e» uns bisher an Zeit, Raum und — Lust gefehlt. ES wird ja niemand behaupten, daß sie erquicklich seim. Wir wollm jedoch eine Erklärung über unsere in vorstehmder Correspondmz besprochme Anmerkung gebm, indem wir dabei zugleich eine Bemerkung der neum Zeitschrift »DaS tradit. Judmthum' berückstchtigm. Diese» Blatt reproducirt nämlich unsere 2.'.-Correspondmz in Nr. 37 nebst unserer Anmerkung und fügt hinzu: »Wir können nicht umhin, unsere Berwunderung über die Bemerkung der löbl. Redaction der »2»rael. Wochmschrift' hier zum SuSdrucke zu bringen. Herr Rabbiner Treuenfel», der gegm die vollste Freihett de» Individuum« in religiösen Dingm im Principe (!) nicht» einzuwmdm hat, fragt: warum für diese Freiheit vor Allem die Juden etnstehm sollm? ... Abgcfehm davon, daß die Judm auch auf politischem Gebiete al» die Vorkämpfer der Freihett betrachtet werdm müssm, dürfm wir nicht vergessen, daß alle freihettlichm Errungenschaften der Judm ebm de« Umstande zu verdankm sind, daß dt« Idee vollkommmrr ReligionSfrethett in allm civilifirtm Staat« Europa» mindesten» »im Principe' angenommen wurde. Hat man gleich noch nicht überall dm Muth, die Religicnlfreiheit zur That werdm zu lassen, jo werdm die Eonfeqnenzen derfelbm — wie abnorm die» auch schein« mag — sich nicht länger zurückdrangm lassen. Ueberdie» findet die jüdische Otthodoxie Angesicht» der DergewalttgungSversuche der Neologm ebm nur in der vollkomme» nm Religionsfreiheit die Garantie gegm etwaige Absorption»- Bestrebungm.' Wir wollm auf eine Erörterung de» Prineip» der Religionsfreiheit nicht eiugehm, sondern roncrete Verhältnisse besprechm. In Amerika ist die Religionsfreiheit durchzcführt; der Staat überläßt e« einem Jeden, sich einer RelizionSgesellfchaft arzuschließm oder nicht,"er fördert, unterstützt und hindert keine der verschied«« Kirchen. Daß da» Judmthum bei dieser gleich« Bertheilung von »Sonne und Wind' ganz wohl fährt, zeigt G. 8. der Augmfchein. Wie würde e» aber in denjenigen Ländern sein, welche die christlichen Kirchen in jeder Weise bevorzugm und stützen und die« auch ferner thun würden? Wenn da plötzlich dm jüdisch« Gemeinden der Boden ihre» bisherig« Bestände» entgegen würde, und zu allm früheren Schwierigkeiten sich auch noch die gesellen würde, daß die Gemeinden sich in jedem Momente auflösen, neu bildm, in Atome zerstäuben könntm — wäre da» nicht eine äußerst gefährliche Situation? Wir habm in unserer Stellung al» Minorität schon der Opfer genug zu bring« und sollten diese Opfer erhöh« wollen, indem die Minorität sich noch zerklüftet? Wmn wir nun gesagt haben, daß ein solche» Experiment uns für die ungarischen Juden besonder» bedenklich erscheine, so haben wir nicht» Beleidigmde» auSgesprochm; wir habm Thatsachcn im Auge, an welchen die ungarischen Judm unschuldig sind. Zu einer vollständig autonomen Verwaltung (Selfgovemment) gehör« Geschick und Uebnng. Diese zunächst auf religiösem Gebiete erwerbm wollm, ist bedenklich. Ist denn die Religion da» oorpuv rile, an dem und mit dem man experimmtirt? Mehr noch: religiöse» und staatliche» Selfgovernmmt gehören zusammm; Länder, die dem Bürger in allen Dingm Selbstständigkeit gewährm, könnm ihn auch seine religiös« Angelegenheiten vollständig frei verwalt« lass«. Ist nun in Ungarn diese Autonomie schon in Fleisch und Blut übergegangen? Sind dort Bildung, Selbstverwaltungsgeschick, Unterordnm persönlicher Rücksicht« unter die allgemeinen Jntereffm so allgemein verbreitet? Woher dmn? Seit wann? Die Herren mögm selbst antworten! Italien. Iskorenz, 28. September. Unter den zahlreichen Jubel- und HuldigungS» Adressen, welche dem Könige unv der Regierung von Körperschaften und Privat« im Kirchmstaate zugehen, wollen wir einer Adresse erwähnm, welche die israelitische Gemeinde von Rom an dm Köniz gerichtet. Sie lautet: »Majestät l Nun, wo ein tapfere» Narionalheer Rom sich und der Freiheit zurückzezebm und Rom im Vereine mit Italien diese» glückliche Ereigr.iß feiert, fühl« die hiesig« Israeliten da» Bedürfnis, Eurer Majestät die Gefühle unmdlicher Dankbarkeit al» Italiener, al» Römer und al» JSraelitm zu Füßm zu legm. Al» Jtalimer frmm wir un», daß binnm Kurzem ein glänzmde» PlebiScit die national« Wünsche krönm und da» Königreich mit Rom seine Jntegrttät und immer größem Bestand erhalten wird. Al» Römer jubeln wir, indem wir fehm, mit welch' unmdlicher Liebe unsere befreite Vaterstadt der Umarmung der Schwesterstädte und dem Gmuffe der constitutimellen Freiheit« mtzegmeilt. Al» JSraelitm, bisher in einer schmerzhaften AuSnahmSstellung lebmd, ttetm wir jubelnd in die gemeinschaftlichen Rechte ein und begrüß« mtt Entzück« dm Tag, wo diese Rechte, die allgemein« Rechte der Mmschheit, auch in dieser Stadt ttiumphirm. Wir erinnem un» nun zum letzt« Male de» Ramm» JSraelitm, in dem Augenblicke, wo wir von dem Zustande de» Jmerdicte» zum heilig« Regime der bürgerlichm Gleichheit übergeh«. Nun unter dem Schutz Ihre» konstitutionell« Scepter« werdm »ir außerhalb unsere» Tempel»