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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1870-09-07 · 36 (7.9.1870) · p. Seite 298

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
1 (1870)
Issue
36 (7.9.1870)
Date
1870-09-07
Page
Seite 298 (sequence 6)
Language
German
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.298 Au« Prag liegen uns Artikel aas der „Politik" und verschiedene Wahlmaniseste vor, welche die am 524. d. M vollzogene Landtazswahl und die Stellung der Juden zu ihr zum Gegenstände haben. Es handelt sich um Deutsch oder Czechisch, oder nach den von der czechischen Partei an die Juden gerichteten A ifrufen um einen friedlichen Ausgleich zwischen beiden Nationalitäten. Als Vertreter dieses Programme« werdm den Wählern.vorgeschlagen „die beiten Candidaten der Fortschrittspartei, Herr Stadtroth Jos. B'Lha und Herr MDr. Siegfr. Kapper, in deren Wahl, so wie beide Eonfessionen in hnm vertreten sind, unsere Mitbürger auch den Austausch eines gegenseitigen Unterpfandes wohlmeinender und aufrichtig herzlicher Verständigung e> kennen mögen!" — wie es in einem Aufruf heißt. Von der anderen Seite scheint die Agitation ihren Sitz im „deutschen Casino" und ihre jüdischen Vertreter in den Herren Lodesco und vr. Wiener zu haben; es wird über einen gewaltigen Druck geklagt, den diese Männer auf einen großen Theil der jüdischen Wähler geübt haben sollen. Wie eS scheint, hat die Mehrzahl der letzteren nach dem Cafinoprogramme gewählt. Daß wir in diesen Fragen car kein Urthoil uns anmaßen, brauch n wir nicht zu wiederholen; daß wir im Allgemeinen keine V.-rliebe für die Czechen haben, wird Niemard wundern; gleichwohl sind wir in der „Gegenwart" auf's Heftigste in dieser Richtung angegriffen und geschmäht worden l siehe unsere „Bemerkung" am Schlüsse deS heutigen Blattes); wir haben nicht die mindeste Lust, darüber noch ein Wort zu verlieren. Einen Bericht über die, jüdische Interessen sehr ne he berührende Angelegenheit konnten wir gleichwohl in unserer Zeitung unS nicht versagen. Ueber die Vorgänge in Tarnow haben wir in oor. Woche kurz berichtet und geben heute eine andere Version über den An'aß der Excesse von einem unserer Correspondenten. Aehnlicher Ansicht ist nachstehender Artikel auS der „Post". Lemberg, 17. August. Die Stadt Ternow in Galizien schien an dem einen Krieg im Moselland nicht genug gehabt zu haben. DaS Gelichter dieses Handelsplatzes wollte auch eine Bataille bei sich sehen, eS lechzte nach einer Balgerei, verbunden mit Plünderung und Raub im eigenen HeimathSort. An einem Objecte für seine Heldenthaten konnte eS dem Straßenkehricht nicht fehlen, denn eS versteht sich von selbst, daß bei jedem Anlaß eine Hetze gegen die Jude» arrangirt werden muß. Diesmal kam aber der Feldzug gegen die Juden den Urhebern theuer zu stehen, denn diese letzteren vertheidigten sich gegen die Angreifer und Mancher von denen, die sich leichten Kaufs die Taschen füllen wollten, mußte seine Gier nach billiger Maare theuer bezahlen. Der Tarnower Correspondent deS „CzaS" erzählt nun über die Vorfälle in seinem Orte, daß hier schon seit einiger Zeit eine Spannung zwischen den Juden und Christen herrsche, weil die ersteren nicht heiß genug einen Sieg der Franzosen wünschten. Am 15. d. entstand nun auS einem äußerlich geringfügigen Anlaß ein Auflauf gegen die Juden, der von brr Masse als gute Gelegenheit angesehen wurde, sich ihr Müthchen zu kühlen. Der Pöbel und die einberufenen Urlauber warfen sich aus die Juden, diese wieder griffen zu den Eisenstanger, mit welchen sie ihie Laden sperren, jene bewarfen die Aniü wenden mit Ziegeln aaS den Häusern. Die Massen stürzten sich n die Judengasse, um hier die kleinen Krämer zu plündern, die Jiden empfingen sie ab<r in würdiger LZelse, und zwei der Angrilfenden sollen todt am Platz geblieben sein. Endlich schritt daS Militär ein, und zwar in ansehnlicher Zahl, und nahm mehrere Arretirungen vor. Bei der Säuberung der Sttaßen durch Jägerttuppen blieb ferner noch ein Mann au* dem Schlachtfeld. Es soll die« indeß ein Neugieriger gewesen sein, der seine Schaulust büßte. Bit gegen 10 Uhr Abend« wiederholten sich di« Tumulte, und fielen sogar Schüsse in den entfernten Gassen; den andern Tag herrschte jedoch wieder Ruhe. Hoffentlich werde» die Gerichtsbehörden energisch eiuschrettea, und bald darthuu, wer die eigentlichen Urheber dieser wüst« Exceffe gewesen find. — Einer Korrespondenz der „Presse entnehmen wir «och Folgende»: „Diese Judenhetze kann vermöge der Opfer, die fie forderte, jenen der finsterst« Epochen de« Mittelalter« würdig augereiht werden, und waS da« Beklagenswertheste dabei, ihr so recht de» Stempel der Barbarei aufdrückt, ist, daß, authentischen Mitthei» lungm zufolge, christliche Bewohner der besseren „gebildeten" Stände sich durch Aufmunterung de« PöbelS thatkräftiger Mitwirkung dabei mitschuldig machten. Diese sttafwürdigen Fanatiker verdienten an den Pranger der Oeffentlichkeit gestellt zu werden. Von einer ernsthaft gemeinten, energischen Untersuchung gegen die Schuldigen ist bis jetzt meine« Wissen« noch immer keine Rede, und sollten diese Elenden wieder straflos auSgehen, so kan» sich die Welt auf eine baldige Wiederholung diese« Schauspiel« gefaßt machen, denn die Gährung unter der dortigen Bevölkerung gegen die Juden ist unbeschreiblich." Hieran schließ« wir noch einige Zeilen au« dem „Jbri Anochi": „Der KreiShauptmann, an den die bedrängten Juden sich wandten, gab die menschenfreundliche Antwort, daß er keinen Grund habe, e« sei ja bi« dato kein Jude todtzeschlazen." Die „Gazeta Naroda" aber sagt: „Die Juden haben wieder Anlaß zu Schlägereien in Tarnow gegeben." — Die neuesten Zeitungsnachrichten in dieser traurigen Angelegenheit sind folgende: Tarnow, 30. August. (Tel. d. Wand.) Die fortgesetzten organisirten Judenhetzen in den benachbatten Ortschaften beunruhigen ernstlich die gesammte jüdische Bevölkerung. Schutzmaßregeln sind dringend. Krakau, 26. August. (Tel. d. Taz.-Pr.) Aebnlich wie t» Tarnow, sind auch in JaSio Judmhetzen auSzebrochen. Der Pöbel warf den Juden die Scheiben ein und wollte die Läde» der Kaufleute plüadem. Da in JaSlo kein Militär ist, so wird daS Aergste befürchtet. Auch in Bicz fanden Judenhetzm statt. Unsere Leser werden an diesen Mittheilungen übergenug haben, wir könnten sonst mehr Detail« au« verschiedenen Blätteru zusammentragen. — Wie der ,P. Naplo* meldet, haben die otthodoxea Jude» in Ungarn in allen ihren Tempeln Gebete für den Sieg der Franzosen angeordnet. — Der „Jbri Anochi" enthält weiter au» Rumiuien de» Brief eine« Kaufmann«, au« dem wir einige« wiedergeben: „Ich habe während dreier Monate, da ich Rumänien der Länge und Brette nach durchreiste, da« Eleich unserer Brüder gesehen, und muß gestehe«, daß die jüdischen Zeitung« nicht deu tausendsten Theil der schändlich« Grausamkeit« verzeichn«, die an uns-rn Brüdern verübt werden und der« ich viele in Dörfern uns Städten mit angesehen habe. In der Stadt.hörte ich laute« Schreien, ich eilte hinzu und wa» sah ich? Ein Jude, der am recht« Fuße lah« war und an Krücken ging, war auf der Sttaße einem Rumänen begegnet und konnte ihm nicht sogleich auSweichm. Der edle Rumäne stieß dm Judm nun immerfort, bi« er mdlich seine Krücken verlor, hinstürzte und sich am Kopfe schwer verletzte. Bei feinem Geschrei versammelt« sich einige Juden, und führt« den Rumänen vor den Richter, und dieser Mann de« Gesetze« fällte sein« weis« llrtheilöspruch mit d« Worten „fort, elmder Jude" und hiermit warf er d« arm« Gelähmt« au« der Thüre. An einem-anderm Orte sah ich. wie et« Jude mehrere Krüge Srdöl zum Verkaufe ttug und sie einem Rumün« an. bot. Dieser ließ jedoch seine Dimer au« dem Haus« komm«, die dem J»d« zuschrim,: „Nicht genug, daß du die Lust mit

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