Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 1 (1870)
- Issue
- 30 (27.7.1870)
- Date
- 1870-07-27
- Page
- Seite 246 (sequence 2)
- Language
- German
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* 24« Seitdem sind viele Jahre dahingegangen, wir haben noch «ich» von Strafe gesehen, im Gegentheil Triumphe über Triumphe; unsere Ui-berzeugnng bletbr doch unerschütterlich, denn „mag der Süickev hundertmal BösiS tfnin uud Nachsicht erfahren -" (»ob. 8, 12) npr K*? läßt nicht ungestraft". Lies auch JefaiaS 33, 1. — * Ja, wenn die Zetten ernst werden, kommt die alte WeiShett zu Ehrm. Sö>on ertönt wieder der Sang von dem Gott, der Eisen wachsen ließ, dem Gott der Schlachten, daS Wort von einem „Gott der Rache, der deS FnwlerS Haupt zerschmettert", klingt nicht mehr so finster und veraltet. Der flammende Zom treibt eS auf die Lippe, wir aber haben Gottes strafende Hand nie vergessen. Dafür weiden wir auch nie ein bethörteS und verblendete- Volk hassen, der thätizen Liebe nie vergessen; wir haben von jeher nur der BoShmt, nie den Bösen den Untergang gewünscht, wir baben gebetet, daß daS Regiment de- KrevelmutheS zerbrochen und zerschmettert wirken möge. Auch dahat man den Juden oft viwargt, jetzt abw töat'S von allen Lippen: Amen! » # » Die deutsche Presse aller Parteien ist einig. Auch diejenigen, welche einst in dem Cäfarenthum den Frieden gesehen und eS als eine Nothwerdigkett gepriesen oder doch gern anerkannt habev, find auf einmal zu der Erknmtniß gekommen, daß sie Unrecht gehabt (aber Unrecht g et Han!) haben. Und diejenigen, welche die Frage nach dem „Recht" abgewiesen und für die Völker nur daS „höhere" Recht der (ftistenz und der nothwendi« gen Machtentfaltung gekannt haben, appelliren auf einmal an daS Recht und fluchen der ruchlosen Gewaltthätigkeit. Nun, so find wir jetzt einig. Eine religiöse Erwägung der VölkerrechtSfragen, von der wir auSgehen, ist sie eine Albernheit?! Dieführt auf einen naheverwandten Gedanken. ES ist natürlich, daß die Erinnerungen von 1813—15 erwachen; auch wir wollen eine solche erwecken. Die echten Vaterland-freunde, die Männer deS Worte- und der That, die Männer der Ge» rechttgkeit, die Stein, Arndt, Fichte, haben damals ausgesprochen, daß die Zeit der Erniedrigung und der Schmach eine Sühne gewesen sei für die vorau-gezangene Zeit der Sittenlosigkeit, der Verhöhnung deS Hakigen, deS UebermuthS und der Verachtung der Menschenrechte. Die Zeit der Befreiungskriege war eine Zeit der inneren Läuterung, der religiöse Geist hob mächtig die Schwingen, sein rauschender Flügelschlaz umwehte, weihete die Häupter der Kämpfenden. DaS Unglück hatte, wie die Religion lehrt, seine heiligende Kraft bethätizt. (Welcher giftige Hauch die Blüthen damatt getödret hat, daS besprechen wir hier nicht.) Eine Zeit de- Unglück» kann wieder kommen. „Wenn Leiden über Dich ergehen, so prüDWein Thun", lehren die Weisen Israel»; da» gilt Völkem wie de« Sinzelnen, und eine Trauerzeit M aMh^eiae Bußzeit fein. Doch möge sie fern bleibe«, wir wol« «fff vorschnell fein, könnten auch nicht die Vergangenheit prüfen ohne Erörterung pKtOcher Verhältnisse, und diese hfl nicht unsere Sache. EÄchi«cher;hürfen und wollen wir aussprechen, die Frage: haben wir nichtselber verschuldet? Wer hat unsem jetzigen KriegSfeindm die Meinung beigebracht, daß sie berufen feien die Welt zu beherrschen, und daß eine ihrer Eitelkett zugefüzte vermeiottiche Beleidigung mit Strömen von Blut gesühnt werden müsse? Wer trägt die Schuld daran, daß man den einst so tief gehaßten „großen Kaiser" auch die-seitde- Strome» vec. götterte und jeden Anstotz'jjilm Fortschritt wieder von jenseit» erwartete? Wir gehen darauf nicht ein, eliegt schon um Jahrzehnte hinter unS und ijt politischer Natur. Aber ein Andere» gehört der Gegenwart a«, und A handelt sich dabei nur um die sittliche Auffassung. Wr«' hat a» geduldet, daß die sittliche Fäulntß un» zugefühot wotden mck «u» bi» in« Mark hinein anfressen durfte? Wer M Mosentgen langwellige Moralisten und unausstehliche Puritaner gescholten, die da laut gewarnt haben vor der Nachahmung der llnfittlichkett de» neuen, dem alten römischen durchau» ähnlichen Jmperatorenthum»? „Brod und Spiele", die alte Devise, hat man sie nicht von dort herüberbringen lassen? Aber unter „Brod" verstand man nicht da» Brod für da» Bolk, sondern die Kunst, Millionen im rasche», gewissenlosen Börsenspiel z« erwerben für die Beffergeftellto«, Verwegenen, Lüsternen! Spiele — immerhin! aber warum die keusche Muse unserer Dichter verdrängen lassen durch die Zucht- und Schamlosigkeit jener Schaustellungen, die andere in ihrer Art und nach ihrer Herkanft besser kennen, al» wir? Mußten nicht die Urheber und Erfinder mtt Recht glauben, daß sie die Wett beherrschen? Warum haben die Männer e» geduldet, warum haben die Jünglinge dem Allem Beifall zugejauchzt, warum haben ehrbare Frauen und Mädchen sich p*« Dirnen ihre Tracht vorschreiben lassen? Mußte die Stadt, die un» die» und noch viele» dergleichen gebietend vorschrieb, sich nicht für die Hauptstadt der Welt halten? Jetzt flucht man der Beherrscher?« jener Halbwelt, aber bi» jetzt —? Jetzt seufzt Ihr über da» Zusammenbrechen der Schwindelbauten; warum habt Ihr gierig gelernt, wie man sie aussührt? Mtt einem Worte: man nannte die- Alles Zeitgeist, Fortschritt, Civilisation, und jene mußten glauben an deren Spitze zu stehen und zu gehen — wir, im Feuilleton. Juanita. (Fortsetzung.) 3. Diego d'Almoca bewohnte mit seiner Tochter eines der unfcheirbarsten Häuser von Saragossa; Fernando, ein einziger Bediente und eine Diensttnagd bildeten daS ganze HauSperfonal, und außer der Mildthättgkeit gegen die Armen und der Freigebigkeit gegen die Kirchen verrieth nicht» in seinem Hause den Reickthum, den di: Welt ihm zuschrieb. Denn er lebte höchst einfach und bescheiden. Einige Tage aber nach der erzählten Unterredung Fernando'S mit Mateo gewährte fein sonst so stille» HauS einen belebteren und geräuschvollerm Anblick: die erwarteten Freunde waren anzekommen und da sämmtliche Gasthäuser der Stadt überfüllt waren, hatten fle die Gastfreundschaft Diego'S in Anspruch nehmen müssen. Dieser selbst aber ließ sich in seiner gewohnter Lebensweise nicht störe«. So war er denn auch eine» Morgen» seiner Gewohnheit gemäß mit Juanita zur Promenade in den Garten hinabgegangen. Von Zeit zu Zeit bettachtete er mit glücklichem Stolz die reinen und angenehmen Züge de» jungen Mädchens, denen die schwarzen Augen und da» üppige, wie Seide glänzende Haar einen eigrnthümlichen Reiz verliehen. In den Blicken de» Vater» lag eine solche Zärtlichkeit und Besorgniß, daß jeder, der ihn ansah, e» ahnte, daß er diese» Kind mit doppelter Hingebung liebte. Er mußte ihm die Mntter ersetzen, die Juanita ftüh verloren; er hatte sie allein erzogen mit all' der Aufopferung, mit all' der Liebe, deren ein Vaterherz fähig ist, wenn sich alle seine Gefühle in einem Wesm vereinen. Und Juantta — sie fühlte sich glücklich am Arme ihre« Vater», den sie wahrhaft verehrte, den sie, so zu sagen, anbetete. Für sie war er der erhabenst, Auidruck aller Tugenden und Vollkommenheiten; sie war stolz darauf, ihm anzugehören, und ihre Hochachtung für ihn war ohne Grenzen, ebenso wie die rührende« Herzeo»ergüsse, mit denen sie ihm immerfort ihre Liebe zu erkennen gab. Aber heute lag noch etwa» Durchdringendere», al» gewöhnlich, in Diego'» Blicken, wenn er seine Tochter ansah, noch ei» zärtlicherer Au»druck in seiner Stimme, »am er mtt ihr sprach.