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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1870-06-29 · 26 (29.6.1870) · p. Seite 218

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
1 (1870)
Issue
26 (29.6.1870)
Date
1870-06-29
Page
Seite 218 (sequence 6)
Language
German
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218 lichm Eollegm auf dem Gebiete der Phrase noch übettroffea. Da sieht mau einmal wieder, wie ohne tüchtige Bildung, Ernst und Fleiß eine gesunde fortschrittlich« Bildung nicht denkbar ist. Jedoch sei erwähnt, daß manche g'tte Lehrmittel, so ein Schreibapparat für Blinde u. a. m., von jüdische» Lehrern au-gestellt waren. — Herrn PrÄigrr vr. Jellinek hat der Vorstand zu seinem Jubiläum eine geldene Uhr und Kette, einige Freunde haben ihm einen Becher zeschentt. Auch Herr Cantor Fischer hat sein 25 jährigeS Jubiläum gefeiert. Aelgieu. lleber davon unS kurz erwähnte JudenverfolgungS- Jubiläum ttagen wir folgende Auszüge auS verschiedenen Blättern nach. ES gilt den 500. JahreStag deS „l'rtzs - 8nint- Snerswent cku Hirnele" zn feiern. Ein Jude von Enghiea, Namens JonathaS, soll nämlich im Jahre 1370 einen zum Katholizismus bekehrten Glaubensgenossen Jan von Löwen veranlaßt habe», Hostien auS der hiesigen Katharina-Kapelle zu entwenden. Der angebliche Dieb führte die entwendeten Gegenständ« nach Enzhien, wo er seinen Lohn von JonathaS erhielt. Dieser wurde von Sttaßenräubern ermordet. Seine Frau fühtte die Hostien nach Brüssel wo die Juden am „guten Freitag" die Hostien in der Synagoge mit Dolchen durchbohtten, was das eigentliche Mirakel vcranlaßte, da unmittelbar darauf daS Blut fo reichlich aus den Hostien hervorquoll, daß sämmtliche Anwesenden davon förmlich überströmt wurden. Die angebliche Schändung der Hostien endete — wie sämmtliche ähnliche Vorfälle deS Mittelalters. Die sogenannten Schuldigen wurden gerädert, lebend verbrannt und ihre sämmtliche» Glaubensgenossen ihrer Güter verlustig erflc:rt und aus dem Lande verwiesen. DaS Ganze erhält noch einm eigrnthümlichen Beigeschmack durch den Umstand, daß in jener Zeit der deutsche König Wenzel, der älteste Sohn des Kaisers Karl IV., dessen Geldgier geschichtlich feststeht, über Brabant reziette. Außerdem rühren die frühesten Mittheilunzen über den angeblichen Diebstahl erst vom Anfänge deS fünfzehnten JahrhundettS — also 50 Jahre nach dem Vorfälle — her, eine Quittung ausgenommen, laut welcher Wenzel 1413l/* Goldstücke, als Ertrag der Güter der vertriebenen Inden, einsteckte. Doch diese Quittung bi det nicht allein deS Pudels Kern, sie macht zugleich das ganze Wunder zu Wasser. Ein Gelehtter, Herr Charles Potoin, en deckte nämlich fo ebm, daß in derselben j nur der Entwendung und keineswegs der Schändung von Hostien Erwähnung gethan wird. Der Clerus von Brüssel will nun daß Jubiläum dieses „Wunders" durch großartige Prozessionen feiern. DaS „Fr. 3." berichtet hierüber: „Da die Freiheit, der Sonne gleich, Alles, Sinn und Unsinn, Tucend und Untugend, beleuchten soll und muß, fo versteht es sich von selbst, daß Niemand daran dentt, dieses empörende Schauspiel zu untersagen. Wohl aber hat dieses fanattsche Projekt bereits die imposantesten Protestattonen deS denkenden und freiheitlich gesinnten Theiles der Bevölkerung provorirt. Entsprechend der an den hiesigen Gemeinderath von zahlreichen Petenten ergangenen Aufforderung, hat der Bürgermeister, Herr Anspach, in der letzten Stadttathsfitzunz erklätt, in keiner Weife sich a i besagter Prozession, die am 2. Juli stattfinden soll, betheiligm zu wollen. Die Stadt wird mithin,! wie esonst üblich, weder die Musik noch ihre Pompiers der > Kirchenfabrik von Samt Gudula zur Verfügung stellen, und; höchstens die durch den Zusammenfluß bedeutender Volksmassen! nothwendigen Polizeimasiregeln ergreifen. Außerdem ist bereits! an allen Mauern ein Manifest der namhaftesten Bürger erschienen, welche gezm diese, allen Ideen der Toleranz, der Freihett und der Menschlichkeit hohnsprecheade Feier protestirea und ihre Mitbürger auffordein, sich derselben stillschweigend und mü Verachtung zu enthalten. Dabei wird eS aber die liberale Opposition nicht bewenden lassen. Da sie einmal weder verändern kann noch will, daß die Hauptstadt d«S freien konstitutionellen Belgien« durch eine derartige unerhötte kirchliche Orgie allgemeinen Anstoß und Serger geben soll, so ist sie daranf bedacht, theklS durch Flugschriften, theilS durch VolkSmeetintzS daS Ihrige zu thu», damit die Betheiligung eine möglichst geringe und dergestast die katholische Gedenkfeier der AutodafsS, die man nie gewagt in Spanien in Scene zu setzen, auf Jene zurückfällt, welche sie veranstaltet. Die Fanattker wollten in der Prozession eine Anzahl ihrer Betbrüder al- Judm costümireu und mtt Fesseln bleckt hinter sich herschlepppen! Dieser Theil deS Aufzuge« mußte aber auf die Weisung der Behörden unterbleiben, da letztere offiziös dem CleruS zu wissen gethan, daß, die« unter keiner Bedingung gestattet werde« könnte und man alSdann den ganzen Aufzug einfach untersagen würde. BemerkenSwerth ist^ daß die hiesigen Israeliten mit großem Takt jenm Protestatkonen fern geblieben sind und eS ihren Mitbürgern überlassen haben, gegen einen solchen Unfug zu remonstrireu. , Zrantlreich. im Juni. Die Herren JuleS Favre und Ersmieux find in Algier angekommen. Sie werden vor dem kaiserlichen GenchtShofe von Algetten, der Eine gegen dm Andern, eine« Proceß führen, durch dm die interessante Frage von der persönlichm Satzung und der Naturalisironz' der algerischm JSraelitm aufs Tapet gebracht wird. ES handelt sich um FolgmdeS: Ein reicher Israelit stirbt und hinterläßt ein bedeutmdeS Vermögm. Er hat vier Kinder: zwei Söhne und zwei hmte verheirathete Töchter. Auf Grund des mosaischen Gesetzes und ihrer persönlichen Satzung bemächtigm sich die beiden Söhne der Erbschaft und sazm: Alles gehött uns, da nach unserem ReligionSzesetze Töchter ihrm Vater nicht beerbm können. Einm Augenblick! sagen die Töchter; da unser Vater sich hat naturalisirm laffm und ein ftanzösischer Bürger geworden, so stehm wir unter dem französischen Gesetze und können wir erben. Herr JuleS Favre wird vor dem GenchtShofe die Argumente der Töchter» Herr Ersmieux die der Söhne vertheidigen. (Siecke.) Türkei. Ht«stsch«ck, 12. Juni. Mit dem vorgestern in Giurgewogelandeten Dampsschiffe kamen zwei österreichische JSraelitm NammS Weiß und Fischer an, welche die rumänische Behörde fofort verhaftete, weil den „Vagabunden und Judm" der Einlaß in Rumänim verwehrt sei. Da der österreichische General» konsul Freiherr von Pottmburg verreisen mußte, nahm sich der ftanzöfische Konsul der beidm Israeliten auf daS Energischeste an; er drohte mit einem allgemeinen europäischen Proteste und verlangte für die Reismben vollste Satisfaktton und eine Entschädigung von 1000 Franks. Beides wurde in der Thal gestem geleistet. (Nach der Ostd.-Z.) Notiz. Adrian Marx, eine sehr bekannte Specialilät de- Pariser Journalisten, thum«, gibt im Pariser „Figaro" eine Art Vorkatalog über die in der dieljLhrigeu Saison zur Aulftrlluag gelangenden Werke. Auseine» geistvollen Schilderungen wähle ich eia« kurze Skizze für di« Leser der „Wochenschrift". Der Maler Braudoa nämlich wird einen „Rabbiner in dem Gesetzbuche lesend, au-stellen. Die Specialität diese» Künstlerbesteht in Darstellung der Ce« remonie» de» jüdischen Lullu». „Al» ich", so erzählt Marx, „in da» zum i»raeliiisch«n Dempel umgeschaftene Atelier trat, hatte Brand»» zwei Thorknabeu Modell stehen. „Sind meine Leviten nicht reizend?" rief mir der Künstler entgegen, „nab sind Sie nicht erstaunt, in Pari» zwei so vollendete Exemplare von echt orientalischer Schönheit zu findend Di« Sitzung war bald beendigt, uud gingen di« Knabe» darauf hinter einen Schirm, um sich umzukleiden. Wenige Minuten später erschienen sie in ihrer gewöhnliche»

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