Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 1 (1870)
- Issue
- 26 (29.6.1870)
- Date
- 1870-06-29
- Page
- Seite 215 (sequence 3)
- Language
- German
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Dal Recht aber, daß jedem Einzeln« zusteht/ nach Belle!»«« «lß einer Religio« aus- und zu einer ander« überzutrete» — ein Recht, daß alS köstliche Krucht der Gewissensfreiheit in ketaer Weise auch nur auf daS Leiseste angetastet »ade» soll — dasselbe Recht muß doch auch da Gefammchelt zustehm — die darvba zu befinden hat: welches die unerläßlich« Bedingung« und Jfrfteri« find, unter welch« allein fie ein Mitglied fanettreit alS ihr augehörig betracht« will und kann, und durch welche Handlung« oder Untalaffungm da faktische Austritt aus ih:cm äkreffe bewirkt wird! Run ist die Beschnetduug fett Jahttausmd« von all« Ald« ohne Unterschied da religiös« Aaficht, alS daS geheiligte, von Gott eingesetzte LundeSzeichm betrachtet, dadie Aufnahme in daS Judenthum bedingt. Sie ist notorisch in da Bibel alS solches BundeSzeichm eingesetzt — sie ist allen Anfeindung« gegenüber mit eisana Consequenz, unta Gesal>rm und Lerfolgunz« jeda Art, alS solches aufrecht gehakt« wo-dm — und diefa notorischen Thatsache gegmüber können die Sophismen einzelner neolozcr Rabbiner ebensowmig inS Genncht fall«, als die vereinzelten gezm die unendlich überwiegende Majorität verschwindenden Fälle, die in jüngster Zeit, auS prinzipiellem Haß gegm jedes positive ReligionSgebot, dagegen vorgekommen sind. Schließlich hat doch die RelrgionSgememde alS solche zu entscheid«, waS sie als Grundlage ihra Religion und als Kriterium derselbm betrachtet; und wenn dieselbe in Ihra legal« Vertretung und im Einverständnis! mit ihrem religiös« Leiter erklärt, daß sie ein« auS principiellm Grund« nicht befchnittmen jüdischen Knaben nicht alS Judm bezw. nicht als Mitglied einer jüdisch« Gemeinde betracht« könne, so ivird die aufsichtSführmde nicht-jüdische Behörde ficha nicht in eine dogmatische Controverse, Untersuchung und Entscheidung üba die Dignität der Beschneidung sich etalaffm wollen und könnm. WaS dm Data deS unbeschnittmm Knab« betrifft, so liegt mir die Frage, ob auch diesa, so lange deffm Rmitmz dauert, alS auS da Gemeinde Israels auSgefchloffm zu betracht« fei. dm dmffch« Judmhaß nicht vertilgt (daS ist fchwa), doch gebändigt. WaS Heine mH bei der Erinnerung an die Hep-Hep- Tollheit sagte: > „Auch dergleichen kam, nicht wieder MifaOtn, bnm dir Prefe ist 1 eine Waffe, und rt giebt zwei Juden, welche deutschen Styl habe», der eine bi» ich, da aodae ist VSrnr", diese Prophezeiung hat sich auch so ziemlich erfüllt. So arge, rohe Ausbrüche gegm die Judm sind seit ihrem Auftretm licht «ieda vorgekommm. Die Judmfreffa, welche den Juden alle höhae Begabung absprechen, könnt« seit da Zeit nicht inehr ein« so hochfahrenden Ton anstimmm. Degabtae, kunstsinnigere, feinfühligere Schriftsteller als diese beidm Judm konnte Deutschland nicht aufweifm. Die närrische Deutschthümelei, die religionSschildande wie die urwäldliche, Hab« diele b>nden jüdisch« Kämpfa thatkrästiga bezwunzm, als die Mainz« Inquisition; ja, sie Hab« bewirkt, daß da Fluch gezm die Juden in Seg« verwandelt wurde. Manche Judmfreffa, wie Minzel, bekehrt« sich und redet« dm Judm da» Wort zur Gleichstellung. Aber mehr als die Judm hat Deutschland dies« sein« ftrmgen Erziehe« und Peinige« zu vadank«. Sie Hab« ein, wahres Füllho« von Gedankm, von praktisch« Gedankm, üba Dmtschland auSzeschüttet, wie zwei Könige, die auf ihra Fahrt Goldmünzm mit voll« Händen auSstreum. Sie habm den deutsch« Michel sehr respektwidrig an da Rase gezupft, um ihn auS dem Schlafe zu wnken; fie habm die Deutsch« von ihr« Unmündigkeit befteft, sie von ihr» Rohheit gehellt und ihre Reffe gefördert, ihn« eine elegante, gedankmhelle und formmglatte Sprache geschaff« und ihn« dm Tempel da ffretheit geöffnet. für jetzt atiht vor. Sich« wird aba eine hohe Behörde sich selbst sag« müff», wie wenig ei« Mann «och al» Jude zu betracht« ist» da sich nicht mtblödet eine Eingabe zu unterschreib«, worin feiue eigene Religio» auf da» Gröblichste und in ein« vielleicht dar Strafgesetze verfall»-« Weise geschmäht und rin« ihra gehelligtst« Jnstittttlonm al» „vaabscheurmgSwathaMolochSdimst" bezeichnet wird. Judeß ist da» vielgeschmähte Judmthum tolaaota al» scine abtrünnig« Kinda; eS hat unta GlaubmShaß und Birfolgung zu viel und zu lange gekittm, als daß eS nicht die gleich« Waffen verschmäh« und die Gewissensfreiheit irgendwie antastm sollte. Aba dieselbe GewiffmSfreiheit, die wir dem Einzelnen gönn«, dieselbe müff« wir auch für unS, für die Gej ammtheit den; Einzelnen - gegeuüba, in Anspruch nehm« — und kann eS eilte größere Baletzung derselbm geben, al» wma eine Gemeinde gezwungen wird, gegm ihr« Will« und gegm Me Entscheidung ihra Lehra ein« Knabm al» Mitglied aufzunehmen, da ihrer Uebazeugung nach nicht Mitglied eina jüdisch« Gemeinde sein kamt und darf? Mag Me Uebazeugung de» Renitent« eine andae sein — e» wird thin Niemand dieselbe streitig mach« oda dam Gewiffmhaftiz'eit bezweifeln — mag a eine ReligionSgesellschast oda eine E-ecte unbeschnittener Judm bildm — ich würde da letzte sei», da ein« Zwang dagegm auSübm oda gar, waS Gott verhüt« wolle, eine Intervention de» Staates dagegm anrm« würde; aba fo lange a will, daß fein Knabe Mttglied dies« bestimmt«, auf historischem Bod« stehmd« jüdisch« Gemeinde loade: so lange Muß a sich dm Grundbedingung« derselbm fugen und kann sicher nicht üba Gewissenszwang klagen, wma die Folg« eintretm, die a selbst haaufbeschworm hat." ES wurde daran da Antrag geknüpft, daß die Verfügung da Untabehörde aufgehobm werden möge. „W«n jedoch wider Vermuthm die Ansicht die höhere Billigung find« sollte, daß auch da getaufte Sohn eines Judm in die jüdisch« GeburtS-Listm einzutrazm DaS „unge Deutschland", welches den gegenwärtig« Cultur- : zustand begründet und da» BefteiungSjahr von 1848 geschaff« j hat, ist ein Kind diesa beiden jüdisch« Väta. Die Schmäh- ' sucht, dir Verläumdung und die Geheimpolizei war von einem richtigen Takt« geleitet, alS sie dir Führer deS „jung« Dmtschland" alS lZudm bezeichnete, weil fie allading» chne dm Einfluß deS jüdisch« Geiste» nicht Vorstürma für die Freiheit gewordm wärm. Die Judmfeinde glaubten d« Judm eine Schmach anzuthun, daß fie die hellblond« Kämpfa gaadezu Judm nanntm, sie Hab« ihn« damit hintaher eine Ehrmrettung gegebm und dem deuffchm Geiste ein ArmuthSzeuzniß ausgestellt. Aber daS erschöpft »och nicht die Vadimste Böme'S und Heine'S um Dmffchland. Sie habm dm Franzos« Hochachtung vor da Ke«Hastigkeit deS deuffchm Geiste» beigebracht und dm ewigen Spott zum Schweigen gebracht, in dem sich die westrheiniscien Nachbam üba die Tölpelhaftigkeit und traumhafte Nebe Hastigkeit da Dmffch« zu azehm pflegt«. Böme nnd Heine habm zuerst Frankreich und Deutschland einanda näha gebracht, die dmffche Gedankentiefe mit der französischen , Eleganz virmählt. Die Nebel, welche diese beidm Nation« ttenntm, baden fie zuerst gelichtet, die Franzos« zum Baganklimm« und die Dmffch« zum Bagabsteigm bewog«, damit fie einander aus halbem Wege bezezn« und üba ihre gegenseitigen Dcrurtheile und ihre Uutajocha'hinweg sich die Hände zum Bruderbünde reich« könnm. Diese messianische Zeü, wenn fie eiutrifft, würdm die beiden Juden, ihra nationalen Sendung zu Folge, ungebahnt habm.