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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1870-06-15 · 24 (15.6.1870) · p. Seite 202

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
1 (1870)
Issue
24 (15.6.1870)
Date
1870-06-15
Page
Seite 202 (sequence 6)
Language
German
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202 nicht gerechtfertigt erscheinen lasten; und doch —. Di« Schwüle, die seit langer Zeit unfo drückend ängstigte, ist im Begriffe in Sturm überzugehen; frische- Leb« kann und wird mit Gotte» Hülfe daraus entspringen. Wie Sie «iss«, ziehen seit dem 10. November 1861, dem Tage, au welchem dl« letzte Schranke vor Zion- Söhnen in Bayern gefallen ist, täglich so und so viele Vlaubm-zmossm in die große« Städte, und auch die Cultu-gemeinde München ist dadurch außerordentlich gewachsen. Die Nothwendigkeit einer zweiten Synagoge stellte sich denn auch bald heran», und Sie erinnern sich wohl noch dehumanen Beschlüsse» unsere» Magi» strate», welcher der Cultu-gemeinde die Ueberweifunz eine» Bau» platze», refp. einer Geldmtfchädizung dafür, in Aussicht stellte. Nun knüpften sich an da» Bauprojekt allerlei Wünsch«- und so ist e» nun endlich bei Gelegenhett eine» anderen An» laste» dahin gekommen, daß unser ebenso hochbejahtter al» hoch» verdienter Herr Rabbiner sich in den Ruhestand versetze« lieh, daß die konservative Minorität der Administration au» dem Collegium aurschied, daß die „Synode" eine offizielle Einladung resp. eine zusagende Artwort auf eine dahinzielende Anfrage erhielt, diese» Jahr hia zu tagen, und wa» da» Schlimmste ist, daß innerhalb der Gemeinde eine Spaltung zu entstehe« drcht. Soviel glaubte ich Ihnen mittheilen zu muffen, damit Sie auf Alle» vorbereitet sin»; die Einzelnheiten aber übergehe ich, theil» weil sie in der Feme weniger Jotereffe bieten, theil» um nicht durch ein unbedachies Wort Oel in da» Feuer zu gießen. Hoffen wir, daß e» unserer Administration gelinge« werde, den recht« Mann für da» Rabbinat zu finde«, der geeignet ist Frieden zu stifte« in unserer Gemeinde und da» religiöse Leben derselben in stet» frischer Bluthe zu erhaltm. X Au» Süddentschkaud, Ende Mai. (Orig.-Corresp.) So wäre denn der Verlust ersetzt, den Frankfutt a. M. von der Hauptstadt seine» Lande,! erlitten hat: Geizer hat dort eine» Nachfolger und zwar in der Person de» Herm vr. Brüll, gegenwärtig Rabbiners zu Bisenz (Mähre:,), erhaltm. Da mir die Person und die religiöse Richtung de« Herrn vr. Brüll bisher ganz'ich fremd waren, fo kann fich meine Ueberrafchung nur auf Bisenz beziehm, eine Gemeinde, die mir wohl bekannt, und von welcher ich daher mit gutem Gewiffm fagm kann, daß bei aller Liebe zum Forstchritt doch noch »iel religiöser Sinn und viel religiöse» Wiffm in ihr zu findm, die beide auftichttz gefördert und erhaltm zu habm die früheren Rabbiner daselbst al» hohe» -Verdienst für sich in Anspruch nehmen durften. Daß diese Gemeinde in dm letztm Jahrm eift einen so freisinnigm Rabbiner gewählt, daß er Geizer'» „neue»" Gebetbuch gutheißm und um da» Rabbinat eine» verfallenen, der Restitution geradezu unfähizm Gemeindewesens sich jeiual» bewerbm könnte, wird für derm Mitglieder nachträglich keine minder niederfchlazende Neuigkeit sein, al« sie e» für mich selber gewesen. ES wird Herm vr. Brüll sehr eigmthümlich and sehr schmerzlich berührm, statt vor der stet» gefüllt« und zahlreich besuchtm Synagoge Bismz', da» ganze lieb,: Jahr hindurch vor leerm Bänkm zu sprechm, und an dm heiligstm Tazm de» Jahre» selbst seine alle» jüdischen Ledm» mtftemdetm «Semeindezlieder auf höchsten» zwei Stündchen in dem nmerbantm „Tempel" fich einfindm zu sehen! — Grsterreich. 7#« der u«ter« |»#«a«, 30. Mai. (Orig-Corresp.) Du wirst mir es kaum verdmkm, ftmndlichw Leser! wohl gar e» mir Dank wiffm, wenn ich heute da» Terrain der gewohnt« Besprechungen über ungarische ausschließliche Rechtgläubigkett und ibre Gegmfüßlerin, die kieologie, verlasse, nachdem ich oft gmuz dem Parteihader und seinm bösm AuSerwählten Schach geboten habe. Ueberdteß mtfchuldtgt mein hmttge» Abschwetfm vom breitgetretmm Thema da« in einer früher« Korrespondenz ev> wähnte Interregnum, da» noch heute nicht zu Ende ist, und wohl noch geraume Zett währe» dürfte, vir hier tu Oesterreich „könnm wart«" nach dem bekannt« AuSspmche eine» ehemalig» Reich-minister». Da» kannst Du der Anzahl von 6, sage sech» Gutachtm leicht abmerken, die bi» zum 24 d. M. von Seite der HerrmRabbinm eingesmdet wordm find, an welche die vomPräfi« dmtm der t»raikttstch« Congreßcommtffion di« l« Nr. 20 dieser Wochmschrift angezebmm zwei Frag« gestellt wurdm. Ich kann, beiläufig bemerkt, sie Dir nammttich angebm, e» verstößt da» doch nicht gezm da» Jntereffe meiner Patteigmoff«: vr. Landau (Dre-dm), vr. Lmt (Fürth), vr. Rosmthal (Beuthm), Schmiedl (Fünfhau»), vr. Phtlippso« (Bonn), Brüll (Cojetein). Die Summe der versendet« Anfragm verrath« ich selbstverständlich nicht, um Niemand« bloßzustell«. Und mm zur Sache. Ich spreche von dem in jüngster Zett gegründet« Knabenwaismhaus« in Pest. 8» dürste nicht unbekannt sein, daß dieser Prachtbau in erster, in allererster Linie sein Entsteh« einem unbekannt «ad uagmannt bleib« wo lim dm jüdisch« Ehepaare verdankt, da» 1» die Hände de» alleinig« Mitwisser», de» dorttgm vielgeachtetm Gemeindmotar» Bamay, die Summe von 42,000 Fl. zu« Au» kaufe eine» bestimmt« Hause» in der Schwarzadlergaffe hinter» legte, eine Summe, die durch die bekannte Munifizenz de» Pester CnltuSvorstande» zum Behufe der vollständig« Adaptirung {«et Baulichkett auf 69,000 Fl. komplettrt wurde. Die Instandhaltung diese», nach der im Fremdmbuche schriftlich »rponittm AuSsage der kompetentest« Besucher, einzig dastehmdm Jnstttute» wttd durch GründungSbetträge in der Höhe von je 2000 Fl„ sowie durch anderweitige jährliche Zuschüsse und Tempelspmdm ermöglicht. Erlasse mir die Einzelheit«, gmeigter Leser! ich Hab« nicht die Absicht und nicht dm Raum, ei« Buch zu schreib«; nnb da» könnte ich und müßte ich, wollte ich Dir eia anschauliche» Bild der gesammten Au-stattung und Einrichtung diese» Asyl» liefe«, in weichem 24 Knabm — notabene al» interne Pfleglinge, dafür Ersatz stndm sollen, und thastächlich finden» wa» ihn« der kühle Ras« deckt. Ich reproduzire Dir hier lediglich die Summe de» Gesammteindrucke», dm jene» Hau» im Ganz« und Groß«, und dm da» Beschau« der Zöglinge und zwar jede» Ettizelnen auf dm dmkendm Beschauer macht. E» ist da» Hau» ein Esternhau» für 24 Wals« in der vollstm, buchstäblichst« Bedeutung de» großen, inhalt-schwer« Worte». Ich sah und sprach dm Letter dieser Anstalt, Herr« Rüzüffy und seine wackere Lebensgefährtin, und ich darf e», ohne dem speziell« Vaterthume de» Ebmzmaunt« irgendwie Eüttrag thun zu wollen, unverhohk« au-fprechm: er ist der Later aller dort untergebrachtm Waisen, sie ist die würdige Mutter Aller. So da» Hau». Und die Kinder? Suche mir mtt haarspaltmder Kleinlichkeitssucht, suche mit der skrupulösest« Gewiflmhastigkeit in den Zügen irzmd eine» jener Elternlos« dt« leiseste Andeutung de» Entbehren» dessm, wa» Deine und meineLeibe-fprossen al» da» größte Glück, al» da» allein Unersetzliche in ihrem jugendlich« Leb« mit vollem Rechte rühm« und betrachte»! Oder wolltest Du jene» blühmde AuSseh«, jenen, käst nächte ich sag«, selbstbewußten SuSdmck von Heiterkeit, Behäbtgkett, körperlichem und geistigem Wohlsein, jene ungebundme, von innm heran» üppig sproffmde, durchaus naturwüchsige Rührigkett und llnbefangmheit» jme» überall und bei jedem Einzeln« uuver» kmnbar zu Tage tretende laiuer aller, jene» „Sich zu Hause fühl«" — wolltest Du e» ebm nur auf da» schnelle Bergeffm de» Knabmalter» zurückführm, da» morgm verschmerzt, wa» e» heute eiugebüßt, und morgm nimmer weiß, wa» e» hatte verlor«? Nun denn, da muß ich Dich höflichst ersuch«, «einem diagnostisch« Talente und meiner psycholi^ischm Auffaffuug doch etwa» Wenige» zuzutrauen. Ander» sieht kindlicher Leichtsinn,

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