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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1870-06-15 · 24 (15.6.1870) · p. Seite 200

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
1 (1870)
Issue
24 (15.6.1870)
Date
1870-06-15
Page
Seite 200 (sequence 4)
Language
German
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200 öffentlich» werden, denn wenn die Mische Presse nicht mit lauter Stimme die barbarischen Handlungen brandmarkt und beklagt, wer soll e» dann für unS thun?" Wir haben meistenda» System de- „Educatore" befolgt, nehmen unS aber heut die Mahnung feine» und unsere- Freundesehr zu Herzen und reproduciren die von der „Alliance J-raölite üniv." veröffentlichte Note über neu« Judenverfolgungen, obgleich fie jetzt bereit» durch alle größeren Tage-blätter gegangen ist. Pari«, 31. Mai 1870. Meine Herren Redactort» I Wir empfangen nachstehend« Deprfche, welche wir zu veröffentliche» bitten: „Sereth, 30. Mai. An Herr» Lrömienr in Pari«. Bor gestern war »ie Stodl Botachan der Schauplatz einer schrecklichen. Judennetzelei. Di: au »geübten Srausamleite» hatten kam» um Mitternacht rin Lude. Sestern Morgen gab sich der Blutdurst der christliche» Bevölkerung durch neue Sewaltthätigkriteu kund. Di« Jude» und ibre Familien wurden auf der stittaße, in den Häuser» und in ihre» verstecke» angegriffe» und auf brutale Weise mißhandelt. Um 1 Uhr Nachmittag« ergriff ein« Anzahl der ilraelitischen Bevölkerung die Flucht. Man hörte von allen Seiten den Ruf: „Rieder mit ihnen! Rieder mit ihnen!" Di« Wuch der Bevölkerung ist furchtbar. Wir flehe» Ihre Hülfe an." Dagegen erscheint heut da» gewöhnliche offiziöse „»i fecisti nega“ in folgender Gestalt: Nachrichten au« Bukarest vom i. Jmi besagen, daß di« Judeuverfolguug zu Botachan, aber welch« die „Miancr Jlraeiite" in Pari« eine» so gewaltigen Lärm erhob«» bat, sich » Wirklichkeit daraus beschränkt, daß einige junge Leute einige Fensterscheiben e-ugeworseu haben. Daist jedoch in einem Punkte neu. Bisher hat man in der Regel eingestanden, daß etwavorgegangen fei, eine kleine Prügelei, die-mal sind ealso nur Fensterscheiben gewesen. Da- »st demnach der „Fortschritt" in Rumänien, eine Vervollkommnung im stechen Lügen. Doch nein, wir erinnern un», daß diese Art schon äberboten ist, man hat ja schon einmal „berichtigt", daß die Juden den S’treü angefangen und Christen mißhandelt haben. Immerhin ergibt sich ein-, waS steilich längst bekannt ist. Halbbarbarische Nation« nehmen immer zunächst die Fehler, die Laster der civilisirten an. Gilt eS schon in civilifirten Ländern al« Regel, daß ei» offiziöse« Dementi eine halbe Bestätigung ist, so ist eS in Rumänien eine volle. Natürlich zweifeln wir nicht, daß genaue rnd nicht abzuleugnende Beweise der Wahrheit die Lügen der rumänischen Behörden bloßstellen werden. Da» Maaß wird doch einmal überlaufen. Unter dm Israeliten in Paris circulirt eine Petition an dm Kaffer um Ernennung de» GroßrabbinerS Isidor zum Se«. nator, wodurch die Gleichheit der Culte eine neue Bestätigung erhalt« würde, da die katholffche Kirche durch die Cardtnäle im Smate vertret« ist. Ein nicht kleiner Theil unserer Leser wirst wahrscheinlich allwöchentlich ein« Blick in dm .Kladderadatsch". Seine diesmalige Nummer mst ihrem Spottartikel über dm Jefuiten-Bank» Skandal in Belgien geht auch un» an. Mr. Langrand gründete sein Untemehm« einer katholisch« Bank ostensibel und ««verhüllt, um dm Einfluß jüdischer Bankhäuser zu brech«. Daß e» von seiner Seite auf Schwindel abgesehen und die Religio« Borwand gewesm sein mag, ändert nicht» an der Sache. „Rev. 38t." reproduzirt jetzt ein« vom Papste an Langrand gerichtet« Brief, der bei dem Prozesse vorgelegt wurde. „Wir erlheilen dir, heißt e» darin, geliebter Sohn» und deiner Gesellschaft (der katholische Congreß zu Mecheln ist gemeint) wohlverdiente» Lob, weil da» Hauptziel «re» Unternehmm» dahin geht, katholische Familien von der Nothwmdigkett zu befreien, Anlehm zu mach«, welche — (der Siu» der dann folgende» Phrasm ist „bet Judm" man kann freilich auch „Ketzer"' darunter versteh«). So leitet denn «er Unternehmm in einem ganz katholisch« Geiste" «. — Da» Aktienkapital, circa IVO Million« Frank», ist — verloren, wohin e» gekommm, wird vielleicht der Prozeß ermitteln, in welch« mehrere Häupter der katholisch« Partei, sowie ein Exminister verwickelt find. Ob nun da» demnächst zu proklamirmde Dogma sich auch auf Bankunternehmungm erstreck«, oder ob „in Geldangelegenheit«" auch die päpstliche Unfehlbarkeit aufhörm wird? — Die neueste Nummer der „Revue JSraelite" bespricht die Eismacher Angelegmheit in einer Weise, die wir nicht al» adäquat zu bezeichn« vermögm. Nicht da» überrascht un», daß Herr Loeb gezm die von 0r. Lehmann erlasse«^ Erklärung, die er eine „Excommunication" nmnt, polemifirt; die Redaction de» „JSraelit" weiß, daß wir, solche» vorau»seh«nd» abgerathm Hab«, mit diesem über da» Ziel hinauSgehmdm Protest vorzugehm; aber e» überrascht un» da» Amhaarezthum, die erschreckende Unwissenheit, mit der da über die Angelegmheit gesprochen, und andere Dinge mst ihr in Parallele gestellt find. Und die» überrascht un» wiederum nicht an sich, auch die» hatt« wst, ganz wie ob« angegebm, vorausgesetzt, gerade die» gefürchtet, west dm Gott Israel'» hatte ihm da» ungläubige Zettalter und die! Philosophie de» Hierophant« Hegel wezgeklügelt, der da» von j ihm gefundene Maß von Wahrheit mst einer groß« Mmge Un» j Wahrheit« gemischt und die Jugend durch Sophisterei« gegängelt hatte. Aber Heine glaubte an da» Vergeltung-recht der Geschichte, ' an dm Geist der Vorsehung, der sich in ihr offenbart, und da» war der Zauber, der ihn zum Judmthum hinzog. Entschied« äußerte sich seine Anhäuglichkest an da» Judmthum unter dm Umstand« verzeihlich« Hasse» gegm dm Peiniger und Verächter seine» Stamme», gegm dm Erzfeind, welcher da» Heil vom Judmthume empfang« hatte und e» dafür einkerkerte und anfpie. Heine'» Antipathie gegm da» Ehrfftenthum und seine Ausgeburt« war tief und unversöhnlich. In da» Wort Edom hat er, im zuckmdm Nachemvsindm der alt« Schmerz«, welche die Judm von dem heidnisckien und christlich« Rom erduldet«, eine West von kochendem Ingrimm gepreßt. In einem Gedichte an Edom spottete er: . . . „Lin Jahrtausend schon und länger „Dulden wir uns britderlich; ,H>u, Du duldef, daß ich alhme, „Daß Du rase-, dulde ich. .Manchmal nur iu dunklen Zeiten ,Mard Dir wmlderlich zu Much, „Und di» liebefrvmtue» Lätzchen „Färbte- Du mit meinem Blut. »Letzt wird mftt Freundschaft fester, „Uni noch täglich nimmt fie zu; ,Dcna ich selbst begann zu rase», „Und ich werde fast wie Du." Noch mehr haßte Heine die Fahnenflüchtig«, die Ueber» läufer, die Judm, welche um Borthell» will« ihr« Leiden»- gmoffm dm Rücken kehrt« und sich zu dem Festide gesellt«. Emste Ueberzeugung konnte sich Heine bet einem getauft« Judm nicht dmkm; die Taufe sei Selbstbetrug, wo nicht gar Lüge. Da» Evangelium, da» dm Arm« Judäa'» vergebet«» gepredigt wordm, sei jetzt bei dm Reich« tu Flor. Diesem Haffe gab Heine eine poettsche Gestatt in einem dramatisch« Gedichte Almansor (vollendet 1823). Er fand e» aber unpassend, Judm auftret« zu lass«, welche in glühmdm Vers« ihr« Schmerz und ihre Verachtung auSsprächm; darum legte er fie Muselmännem in Granada in dm Mund, die durch teuflische Bosheit dasselbe herbe Geschick wie die Judm erfuhr«, zur Taufe gezwungm wordm warm und dadurch ein« klaffend« Riß in ihrem Herz« empfand«. Die Verse lass« nicht verkmnm, daß fie dm jüdisch« Schmerz auShauchm: „Sch »icht »ach Alp'» Schloß. Pest-Oerte» gleich „Flieh' jene» Haoä, wo «teuer Slouben leimt.

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