Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1870-06-15 · 24 (15.6.1870) · p. Seite 199

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
1 (1870)
Issue
24 (15.6.1870)
Date
1870-06-15
Page
Seite 199 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
85% known words query
IRI
…/5369809-5934980-5935204--0294-5370020
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

199 zum Erwerb ihre» dürftige» Lebenluntechaltes auferlegm müssen, rafft die Männer in ihre» beste» Jahre» hin. 8» gibt tsaam mt Familie, der» Lerforger nicht auch gleichzeitig zwei bet drei Wtttwen und ihre zahlreich« Waise» theilweife mit zi» er- »ährm hat, darunter auch viele „Mmonaus-ChajauS", bereu Mäiner sich Gott weiß wo? aufhalt«». Biele Wittwen und Waise« habe» auch gar kein» Lerforger und Ernährer; sie arbeiten uud betteln stch durch so gut ot geht. Unglücklich und elend fiud oft auch die Kinder, der» Eltern beide noch leben, der» Later aber, weil arbeitsunfähig, selbst der Fürsorge bedarf. >m »eisten jedoch rührt da- Elend derjenigen Kinder, die eine bessere Erziehung und Pflege genossen, deren Ellern noch vor wenig» Jahr« vielvermSgmde Geschäst-lente gewef«, jetzt aber so sehr veranut sind, daß sie dm Ihrig« nicht mehr Brot zu eff« und Kleider auzuziehm gebm könne»; und die Zahl dieser, theikweffe gründlich gebildeter Kinder ist eine sehr grobe. Mög« Zeit» uud Ernte noch so günstig stch gestalt«, solch ein Jammer und El«d bleibt davon unberührt. Der Rabbiner Hessel Eliassoh« auüSejny in Pol« schreibt in dieser Beziehung an mich: „Es ist wahr, die Ernte war in diese« Jahre gut, Brot ist Vorhand«, ab« nicht für uns«e Wittwen und Waisen, der« Zahl noch durch die unglücklich« Frau» uud Kind« vermehtt wird, der« Versorg« in Folge d« strmge gehandhabtm Reemtirung-gesetze zum Krieg»di«ste gezwuug« find, od« sich diesem durch die Flucht entzog« Hab«. Da Tod hat in uns«« Gegend in dm verfioffmm Jahre», besonders uni« dm Männern, eine reiche Ernte eingebracht. In einem nahegelezmm Dorfe wohnt« vi« Brüd«, die sind i« verfioffmm Wiuta sammt ihr« Frau« in einem und demselbm Monate gestorbm uud Hab« — Entsetz« «greift Jeden, d« es höet — fünfundzwanzig unmündige und unversorgte Wais« hioterlaff» Was nun da- Resuttat d« Erziehung betnfft, so weiß ich darüba auch schon ein Wort au» Erfahmng zu sprechen. Ich habe gegenwärtig hi« 24 Handwerkerlehrlinge untergebracht: 1 Buch bind«, 3 Goldarbeit«, 8 Kürschner, 1 Schneid«, 4 Klempum, 1 Ltthograph, 5 Schuhmach«, 1 Ciganmarbeit«, 1 Lisch!«, 1 Sattl«, 1 Hutmach« und 2 Mädchen, welche Schneiderin»« w«dm. E» hiett anfangs sehr schw«, die von d« Sttaße aufgelesm«, entsetzlich elend« Kind« unterzubrinzm. Bald ab« bewarb« sich um sie di« best« Reist« auf das . eifrigste. Die Knab« zeigt« sich fleißig. intMgent. lernbegierig, anstellig und reinlich. Jeden Sabbath Hab« sie Unterricht i« Hebräischen, dar.'» Manche» selbst im Talmud, nicht nnerfahr« find, und jedm Sonntag i« Dmtschm, zu welchem letzt«« llmerrichte sie sich wahrhaft dräng« und ttotz d« weaig« Stunden tüchtige Fortschritte machen. Trotz der vielfach« Unart« Manch« hat ihr ä«ß«e» und innere» 8öef« schon eine ganz and««, mmscheawürdig«e Gestalt angmommm. Am erfreulichste« ist das Streb« vieler uach Remlichleit, ja einer ge» wiffm Eleganz. Als ich am erst« Pesachabmd ,;«» Gottesdimst kam, fiel nrr sofort die bkmdend weiße Wäsche eines TheilS «einer Handiverkerlehrlinge in- Auge. Woh« diese, da ihn« bish« doch imr grobe ArlieitShcmdeu geliefert ward« warm? Es warm einfach Papieckrag« und Chemisett», welche sie sich für wenige Pfennige, was viele seitdem allsabbathlich thun, gekauft halt«. Welch eine gewalttge Wandlung bekundet dies« so trivial erscheinende Umstand! Wie wahr ist doch d« Spruch des Weis«: „die Tocht« J-raelS ist wohl schön, nur die Armuth ist es, welche sie verunstaltet", und welch eine Fülle von Kraft und Jutelligmz schlummert in dies« verwaist« und verwahrlost« Kinde«!" So w«t Dt. Rilf. Wir glauben, diese .Hitsschlich« An» gab« find leredte Fürsprech« d« Waismanwihme. W«it«e Mahnung körnte ihr« Einfluß nur abschwächm. Wochenbericht. Stettin, 9. Juni. »Aus Afrika hört macr imm« etwas Neu«»/ hieß eS im alt« Rom, für uns ist Nmnänie» an die Stelle Afrika'- getreten. Leider ist da» Nme fdwn alt, imm« dieselben Gränelscen« geg« Juden und uachh« immer daffelbe Jnabredestellm and dreiste Berläugnm. Das nmefte Heft des „Corriere JSraelittco" sagt: „Wir lass« dem „Educatore JSraelitteo" da» System „betrübende Berichte, welche uns«e Les« leicht in dm polittschm Blöttem auffindeu werdm, nicht zu wi^erholen"; wir dagegm halten eS für uns«e heilige Pflicht dahin zu wirk», daß die ttaurtgen Nachricht« wiederholt ver» Aufträge, um für die B«breitung und Stärkung deS B«einS thätig zu fein. Heine wäre mit seinem ganz« Wes« für da« Judenthum eingetretm, wmn es selbst, d. h. feine Söhne, Kraft bei Geiste« und CharafterS entfaltet, wenn eS, mit d« Würde feines hoh« Alt«», feine» Inhalte» und feine» B«ufe» Jugmdfrische und anziehend« Reiz v«bundm und d« gebildttm Welt hätte Achtung abgewinu« könn«. In sein« Ungeduld wünschte «, daß das Judenchum gleich dem in Rom gefeffett« Messias in d« Sag« plötzlich seine zerlnmpte Hülle, seine anssätztge Haut, seine gebeugte Knechtsgestalt abstreff« und sich in ein« reichgeschmückt«, blühend« und gebtttend« Jüngling verwandeln möge. Der Lerjüngnngsprozeß schim ihm zu langsam, die Mittel, die dazu angewendet wurd«, zu kleinlich, da« ganze Thun d««, welche dafür wirk« wollt«, namenttich ihr Äebäugeln mit d« herrschend« Kirche, schim ihm schwächlich, affmartig und unwürdig. „Jta Auftegmig der Kraft fehlt e» in Israel. Hühuercmgenooeratmre (David Friedläader und «enoffr») hed«, de» Körper de« Acdemhum« von seinem fatale» tzam-eschwür zu heile» geftuhc, o,d durch ihre U». geschictlichkeit »ad spmawebige «ermmftbaada-e muh Israel verbiete». Möge bald di« Berbleudmig «rfhöre», da» da« Herrlichste m der Ohnmacht, in der KntLuteruog aller Kraft, in der emfeitige» Verneinung bestehe.Wir haben nicht mehr die Kraft, eine» Bart z» trage«, z» faste», r« Haffen »nd an» Haß ,» dulde». Da» ist da» Motiv zu nuferer Reformation. Die einen, di» Lurch Komödianten ihre Aufklärung und Bildung c mpfangeu, wollen dem Judenchum« neue Dekorationen und Lonliffen geben, und der Souffleur soll «in weißt« vtffchen statt eine« Barre« tragen. Sie «ollen da« Weltmeer in ein nie »licht« vaffi» in Nippform giefen. .... Andere «ollen ei» evangelisch«« Lhristeuthmn »»ter jüdischer Finna.Auch ich habe »ich« die Kraft ei»ea Barr zu trage» und mir Judemnanschel nachncfe» zu lasse»." Die Rachifferei christlicher Kirchmgebräuche, wie sie in dem kurz vorher geschaffm« Reformtempel in Hamburg zu Tage ttat, widerte Heine ,m, dageg« imvonirte ihm die Trme geg« da» Althergebrachte. „Eine Borlieb« für da» konsequente und strmge Rabbinenthum lag schon vor viel« Jahr« in mir, als ein Resultat historischer Untersuchungen." In einem Anfalle von Empfindlichkeit über die Klatscherei einiger Anhänger de- Tempel» in Hamburg, die ihm in dm Augm feine» Oheim» Salomo« Heine schadete, lmgnete er geradezu, ein Enthofiast der jüdisch« Religion, vielnichr der geborene Feind aller positiv« Religion« zu sein. Im Inmuth nannte er da» Judmthum die Religion, welche zuerst tie Mmschmmäkelei aufgebracht habe, d. h. di« Seelenfängerei und Proselytenmachern, ohwohl Heine wohl wußte, daß dal» Judenthum nie darauf auSgiag. Al» er verhieß, für die bürgerliche Gleichstellung der Judm aufzuttetm, wollte er ei nicht au» Liebe zu dm Judm, sondern auS GemüthS» Weichheit, Staiwfinn und Borficht für Erhaltung eines Geg«» gifte» gethaa «iffea. Allein Heine tauschte sich selbst über die Natur seine» Gefühle» für Judm und Judmthum. Allerdings

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.