Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 1 (1870)
- Issue
- 23 (8.6.1870)
- Date
- 1870-06-08
- Page
- Seite 194 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/5369809-5934980-5935203--0288-5370015- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
-194 glauben, daß ihr wesentlicher Vorzug eben darin liegt, daß fie auS einem Eompromig verschiedener Ansichten und auS der Berücksichtigung der gerade in unserer Gemeinde obwaltenden Verhältnisse, nicht aus starrer Consequenz und ängstlichem Festhalten an einseitigen Principien hervorgezangen sind." I). Aus der Provinz Hannover, im Mai. (Orig.-Corresp.) Im Zusammenhänge mit den allgemeinen Bestrebungen zur Hebung deS Lehrerstandeö und Sicherung seiner Mitglieder, deren Wittwen und Waisen vor dem Herabsinken in die Lage deS Proletariers steht die schon auS den 50 er Jahren datirende Bewegung zur Errichtung einer UnterftützungSkasse für jüdische Lehrer, deren Witrwen und Waisen in Hannover. 1867 wurde ein provisorisches Ecinit«, bestehend aus den drei Landrabdinern der Provinz und einigen Mitgliedern d:S Lehrerstandeö, gebildet, welchem eS nun gelungen ist, zwar nicht die erhofften CorporationSrcchlc, jedoch die Bestätigung der Statuten seitens der Regierung zu erhalten. Ein Grundkapital von 500 Thlrn. ist von früher vorhanden. Am 1. Juli c. soll eie Kasse inS Leben treten, jedoch, um die Ansammlung der nöthizen Fonds zu ermöglichen, ihre Wirksamkeit erst nach 5 Jahren beginnen. Die Mittel sollen beschafft werden durch daS Eintrittsgeld, welchefür daö erste Jahr auf 3 Thlr, für später höher normirt -ft, durch Beiträge der Mitglieder ü l',t % (bei Eintritt vor dem 30. Lebensjahre), ii 2 % (vor dem 40.,, ü 21/, °/0 (bei späteren Lebensjahren) ron dem Diensteinkomnien, bei welchem jedoch nur ein Maximum von 600 Thalern zulässig ist. Außerdem werden, hoffentlich, Schenkungen und Legate zugewendet werden, wie nian auch einen Beitrag aus dem Provinzial-Fonds und von den Synagogengemeinden erwartet. Letzteres dürfte wohl in hohem Maße eintrcten. Denn da bei eintretender Dienstunfähizkeit die Kasse bis zu % des trüberen GehaltcS als Pension zu zahlen gewillt ist, können die Gemeinden, wenn sie durch reichliche Beiträge, sowie Verpflichtung ihrer Lehrer zum Eintritt dem Institute Lebensfähigkeit verleihen, stets definitiv anstellen und doch ohne Beforgniß vor einer Uebcrlastung ihres Budgets durch Pensionen bleiben. Daher wird eS sich auch empfehlen, die projcktirte Ausdehnung der Kasse auf die andern Angestellten der Gemeinden, als Schächter, Vorbeter :c., recht bald zu bewerkstelligen. Die Leitung des Institutes liegt in den Händen eines Ausschusses, dem die Landrabbiner anzehören müssen; die Verwaltung der Kasse fällt einem Direktorium zu, dessen Mitglieder nicht durchaus dem Verein angehören müssen und in Hannover oder in der Nähe dieser Stadt wohnen. Im Vergleiche mit den kärglichen Lehrerpensionen aus den staatlich ..eleiteten Kassen in unfern östlichen Provinzen, bietet dieie solch' große Vortheile, daß wir selbst die confessionelle Beschränkung — durch die die Vorzüge nur zu erreichen waren — von Herzen billigen. ^tipjig, 16. Mai. Das gestern erschienene Heft der Monatsschrift .Unsere Zeit' bringt einen Artikel auS der Feder Zehlike'S über die politischen und socialen Zustände GalizienS. Derselbe hebt besonders auch die Juden als die Träger und Verbreiter deutscher Eultur in Polen hervor. Di» Einwanderung derselben schildert rr folgendermaßen: „Al« die wilden Hansen der «renzfahrer sich am Rhein und im südlichen Deutschland auf ihrem Zuge «ach Palästina besanden, gaben sie ihrem christlichen Fana- «i«mu» auch dadurch Au«dr»ck, daß sie die Juden, welch« im Ruse ungeheuerer Reichthllmer standen, aus dal ruchloseste verfolgten. So stoben di« Juden wie ei« gehetzte» Wild nach Böhmen, und al« sie auch dort nicht sicher waren, suchten sie in Ungarn und Polen rin Asyl. Kasimir der Groß« (1333—70) nah« sich der Flüchtigen besonder« an. Ihm war e« sreilich nur um Geld und tzeute zu ihun, um sein« schwach bevölkerten Länder zu heben. Die zahlreich eiagewanderten Jade« bildete» bald di« Mitte zwischen Adel und Bauern und wurden nebst den deutschen Ansirdlern der eigentliche Bürgerstand Galizieu«." Genau« statistisch« Notizen Über die jetzige Stärke dieser Vorkämpfer für deutsch« Culeur waren Zehlike nicht zugänglich; rr weiß nur, daß sie über da« ganze Laad verbreitet stad und uameutlich eine« bedeutenden Prozennheil der städtischen Bevölkerung bilde«; ihr« Gesammtzahl wir» auf 450,000 angegeben, so daß sie als» gegen neu» Prozent der Grsammtbevölkeruug au« machen. „Da sich nun aber sämmtliche Jude» der deutschen Sprache — wenn auch in einem verdorbenen Jargon — al« ihrer Berkehr«« und Muttersprache bedienen, so bilden sie mit den eingeborenen Deutsche« zusammen 615,000 Seelen, da« stad als« zwölf Prozent der Gesammt« bevöllernug «ad jedrnsall« über die Hälfte der gesummten städtischen Bevölkerung galizieu«." □ Mannheim, 18. Mai. (Orig.-Cotresp.) I« meinem vorigen Briefe erwähnte ich der neuzuerrichteiiden confessionSlosen Volksschule in hiesiger Stadt. Heute bin ich nun in der Lage, Ihnen über die Eröffnung der genannten Anstalt Näheres mit» zutheilen. Am 12. d. M. versammelten sich auf Einladung deS Oberbürgermeisters die Mitglieder der seitherigen dreiconfessionellen OrtSfchulräthe, sowie sämmtliche Lehrer der evangelischen, katholi» schen und israelitischen Volksschule. Zuerst sprach der Oberbürgermeister, der in objektiver Weise den Gang der amtlichen Verhandlung und die damit verbundenen Kämpfe und Wider» wärtigkeiten von Seiten der ultramontanen Partei darstellte. Hierauf nahm der Vertreter der großh. Regierung, Herr KreiSschulrath Strube auS Heidelberg, daS Wort und gedachte der großartigen Liberalität der Stadt Mannheim, mit welcher dieselbe, durchdrungen von der wichtigen Bedeutung der Volksschule, kein Opfer für diese Anstalt gescheut habe. Er spricht seinen Dank den Ortischulräthen aus, die durch kein Hinderniß sich von der großen und schwierigen Aufgabe hätten zurückschrecken lassen und ihre beste Kraft für eine so schöne und wichtige Mission eingesetzt hätten. Herrliche Worte, voll Edelsinn und Wahrheit, richtete er an die versammelten Lehrer. U. A. will ich Ihnen nur folgenden PassuS mittheilen: „Die Gemeind« hat durch die Errichtung der gemischten Bolktschule die Absicht kund gethan, »aß neben drr Pflege eine» consesstoaell-religiöse» Bewußtsein« ein gemeinsamer Bode« geistiger und sittlicher Entwicklung und Erziehung für die Schuljugend geschafsea werde; daß die Heranwachsenden Generationen, au« den verschiedenen verhälmissen herkommend, sich auch nach dieser Richtung hin immermehr nähmt und ein gegenseitige« Jntrreff« an einander gewinnen, und da« klare Bewußtsein sorgsältig anerzogen «erde, daß religiöse und confesfiouellr Unterschiede nicht al« eine Drennung, sonder» al« eine berechtigte Mannigfaltigkeit aus dem Gebiete de« Geiste«leben» in der Einheit der Menschheit erscheinen. Und Sie, meine Herrn» find am allerunmittelbarsten dazu berufen, diese» Geist der Ihnen anvertrautea Jugend zu wecken und zu pflegen. E» kann Ihnen nicht schwer werden, in diese« Sinne einttächtig für die» große Ziel zusammenzuwirkeu» da Sie sich, wie wir All« wiffen, dessen bewußt find, daß di« Religion über der Lonfesfio» steht, die Religion aber in der Sittlichkeit und di« Sittlichkeit besonder« in der Lieb« zur Erscheinung komm» nur die Frücht« der übrigen Eardinaltugendcn de« Menschen, Arbeitsamkeit, Mäßigkeit und Wahrheit, zur Reife bringt." Wahrlich herrliche Worte auS dem Munde deS officiellen Vertreterder Regierung, und wie lange wird ebei Ihnen in Preußen, in dem Staate der Intelligenz und der reinen Vernunft, noch dauern, biein Schulrath audem Mühler'fchen Systeme, glattgescheitelten Haupte», solch' „fluchwürdige" Worte in den Mund nehmen wird! Nach dem KreiSschulrath sprach der Stadtpfarrer Dr. Schellenberg, der gewiß vielen Leser« Ihrer Zeitung in Norddeutschland von dem Protestantenverein her bekannt sein wird. ES ist derselbe Gchellenberg, der vorige» Jahr feine religiösen Betrachtungen in der Berliner Turnhalle anstellen mußte, weil der evangelische Oberkirchenrath, dessen Präsident ein Sohn de» Philosophen Hegel ist, dem Protestantenverein die Räume der Berliner Kirchen verweigert hatte, um nicht antichristlichen Geist in dieselben etnziehen zu lassen. Schellenberg erörterte in einer langm Rede seinen Standpunkt zur confessionSlosen Schule. Nachdem er die» in erschöpfender Weise gethan und namentlich die Stellung de« Ehristenthum» zu einer derartigen Anstalt beleuchtet, fährt er fort- „Unsere Kinder werden von heut« an auch in »er völk-schul« ,h« Unterschied drr Religion ihre Vorbildung für da« -eben gemeinsam empfange». Freuen wir uni diese« Fortschritte«; je weiter rückwärt« in »er Geschichte, um so mehr Hader, Dremmag und Verfolg»», der Religio» will«,- eine