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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1870-06-08 · 23 (8.6.1870) · p. Seite 195

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
1 (1870)
Issue
23 (8.6.1870)
Date
1870-06-08
Page
Seite 195 (sequence 7)
Language
German
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195 schöne Sonne ist «nserer Zeit anfgegangea; wir haben unt noch bei nligUtfm Unterschied«» vertragm nnd achten gelernt, nicht weil wir die Religion minder achten, sondern »eil wir llnierscheiden gelerm haben Mischen den äußeren Erscheinung« formen der Religion und derea innerem ewigeu Wese», »veil unr wissen, da« schönste mid allein wahre Kennzeichen der lichten Religiöfität ist der Charakter, dir Humanüät. Sie aber, geehrte Herren Lehrer, haben di« schone Ausgabe, unsere Stator in diesen «eist gegenseitiger Lieb« einzufllhren und ihnen zu zeigen, daß wir Alle nur Einen «tot und Vater haben; ich bitte Sie darum herzlich, in diesem «eiste zu wirken, ich bitte ta»b«sonder« di« Lehrer der beiden christlichen Consesftonm, die Kinder zu erinnern, wa« st« den ilraelitischen Kindern schuldig stad; ich bitte Sie Alle, morgen die erste Stund« dazu zu benützen, die Pflicht der Lieb« den Kinder» ernst und liebevoll an da« Herz zu legen." Zum Schlüsse sprach der Stadt- und Conferenz-Rabbiner vr. Fri7dmann, der in satyrischer Weise die Umtriebe der Ultramcntanen geißelte. „Nach meiner pädagogischen und humanistischen Uebrrzeugung," fuhr er sodann fort, „ist dir Vereinheitlichung »nserer volkäschule dringend geboten. Di« Lehre meiner Religion ruft mir zu: „Achtet «ns die Kinder der Ar»»«», denn von ihnen geht die Wissenschaft au«," und di« ««schichte der Inden hat dielen herrlichen Ersahrung«satz, seit Hillei, dem in Armuth geborene« vorchristlichen weisen, bi» aus Mose» Mendel«s»hu unzählige Mal bestätigt." Nachdem der Redner seinen Standpunkt zur einheitlichen Volksschule entwickelt, bespricht er da« Verhältnis der Religion zur Schule in folgender Weise: „Ein großer Mann hat behauptet, di« Göttlichkeit der Religio» fei zu erkennen au« ihrem dauernden Bestände trotz der schlechten Bedtenu»g, »velche ihre »fficiellen Vertreter ihr leisten. Ich sage ei» Aehnliche« von dem edlen Priactp der einheitlichen Boikaschule; e« wird sich realistre» und bestehen trotz der Fehler Derjenigen, die sich lärmend al« seine vorkämpser declariren. Meine Herren! Sie haben au« ton» Munde de« geehrten Vorredner« eindringliche Worte vernommen über die in der confesfi»n«loseu Schule unter den Lehrern und Kindern aller drei Lonsesfiouen zu pflegend« Liebe. Ich milchte Ihnen durch ein Beispiel meine Anschauung »orsührm. In mehreren deutschen Staaten ist in Folge der «ruudrechte die Eide«s»rmel eingesührt: „ich schwör« bei Gott, dem Allinächtige» «nd Allwissenden .... so wahr mir Gott helfe." Die« ist sie staatagesetzliche, allgemeine Formel für Alle; ei ist jedoch Jedem gestattet seine confesfitoielle Eigenthümlichkeit durch Hinzufügungea zu bekunden, und so sprechen, wie ich «ich erinnere, die Katholiken: „so wahr mir «ott helfe und sein heilige« Evangelium," und die Evangelischen: „so wahr mir «ott helfe durch Jesum Christum zur ewigen Seligkett." In diesem Veispiele, glaube ich, ist da» richtige Berhältniß für unsere Schule angedeutet. „Eta Vater ist un« Allen, Ein «ott hat un« geschaffen." Dieser Satz enlhält da« allen drei llonsessionen gemeinsame Bekenntniß, und auf diesem Boden de« reinsten Dei»mu« hat die gesammte Schule zu stehen. Sic kann und soll auch in dem allgemeinen Unterrichte von «otte« Dasein und Walten reden, sie soll und darf aber Nicht« hinzuftlgen. Dem Religion«unlerrichte, »vrlchen die Consesstonen, al« solch«, erlheilen, bleibt die Pflege der consesfionellen Dogmen ausschließlich überlassen. — Ta» Strebe« nach Wahrhett, die Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und Menschenliebe bilden ferner da» allen drei Eonsessionen Gemeinsame; zu diesem Ziele hat auch die Schule, al« solche, die Jugend zu bilden und zu erziehen. Der Eultu» und die Cerrrnonim hingegen müssen völlig unberührt und au«schließlich für den R«ligion»unterricht betvahrt bleiben. E« war mir bi«her nicht vergönnt mit Ihnen, meine Herrrn katholische und evaugelische Lehrer, in persönliche Beziehungen zu treten. Gestatten Sie mir daher noch ein Wort. Da» Judenthum kennt keinen Tleru» und Laien, keinen Priester im Gegensatz« zu Weltlichen. Ein Rabbiner ist eia Lehrer; die Itraelitea nennen ihre» „Rrligi»n«stister": „Mose«, unser Lehrer"; eine» Conflict zwischen Schule ond Kirche kennt die jüdische Geschichte nicht. Ich komme daher in der Eigenschaft eine« Mitglied«« de» gemischten Ort»schulrathe« zu Ihnen, al« ein Lehrer zu Lehrern. Meta« Herren, lassen »vir un» diese» lichten Augenblill nicht trüben. Wir stehen in einem geschichtlichen Moment; »vir führen eine Anstalt in'« I Leben, welch« gegründet aus Liebe und Verbrüderung, eine Pflanzstätte sei» ' wird für ächte Religiöfitär, «dl« «eflttung und Bildung." l Und in der That, ConfesstonSlosigkeit der Volksschulen hat noch lange nicht dieIrreliztösität im Gefolge; und r» steht zu hoffen, daß! die hiesige Schule dem Geiste, der sie errichtet, treu bleiben und i den deutlichsten Beweis liefern werde, wie häufig da» Gute in ■ seinem ersten Auftreten al» abstrakte Idee verkannt und bekämpft , wird, dennoch aber, einmal in» Leben getreten, durch sein Beispiel segensreich und mächtig wirkt. Oesterreich. Si«imd, Mai. Diese Woche, am TCin 2"S, hielt Herr Dr. 8. Sidon, Sohn de» wegen seiner Talmubgelehrsainkeit berühmten Rabbiners in Tyrnau, in der hiesigen Synagoge einen gottesdienstlichen Vortrag, der von dem zahlreich versammelten Publikum mit solch' ungetheiltem Beifalle aufgenommen ivurde, daß der Redner sofort zum Bezirksrabbiner gewählt wurde. (J»c.Közl.) Großbritannien. London, Mai. Die englische Judenbekehrungssucht schlägt immer neue Wege ein, sei eS um wirklich Profelylen zu machen, sei e» um auch nur ihre Traktätchen in jüdische Hände zu spielen. Neuerding» haben jüdische junge Damm Briefe ohne Unterschrift erhaltm, worin „eine alte Dame, welche Sie nie gesehen hat", die Empfängerin bittet und zu Gott betet, daß sie die inliegende» Schriften lesm möge. Die bekannten Phrasen sind in süßester Ueberzuckerung reichlich gebraucht, eindringliche Bittm, Schmeichelt teil sollm „die thmre Seele", den „süßen Darling", bewegen, doch zu lesm, rS gilt da» Heil der Seele u. f. w. (Rach Irw. Rer.) Literalurbericht. Mauduo, Emanuel, Rektor. Israelitische Glauben»» und Pflichtenlehre. In Katechesen bearbeitet. 2. verb. Aufl. BrcSlau 2870. Verlag der Schletter'fchm Luchhdl. 8. 72 S. Ja treffl cher Weis« wird in diesem Büchlein die fremde Form dem jüdischen Lehrnhal'r augepaßi. Pädagogische Erfahrung, vereint mit Lieb« zur Sache und Kmatuiß tot Judenthum«, haben den Herrn Vers, befähigt ein Werk zu liefern, »velche« besonder» für den Religi»n«uuterricht in den uatereu Klaffen höhere Schulanstaltea geeignet erscheint. Auch »vird die geschickt« Darstellung de» ceremoniellea jüdischen Leben« nicht verfehlen, dem Büchlein immer mehr Freunde zuzusührm. Aus die Wiedergabe der hebr. Worte nach der vnljärm Sprechweise, wie (S. 3) »chronim, (S. 45) muib, Schmoneßra, möchten wir den Herrn Vers, mit dem Ersucheu ausmerksam macheu, da» M einer dritten Auflage zu ändern. L. Kürst, Dr. I., Rabbiner der israelitischen Cultusgemeinde Bayreuth. Daü peinliche RechtSverfahrm im jüdischen Alter» thum. Ein Beitrag zur Entscheidung über Aufhebung der TodeSstraf:. Heidelberg. Fr. Bassemann. 1870. Die» Büchlein, zuerst erschiene« zur Zeit al« im preußischen Landtage über die Todesstrafe so lebhast debattirl wurde» zog die Aufmerksamkeit vieler auf sich. Die Leser der „volktzeilung" erinnern fich vielleicht noch eine« Leitartikel«, der überschrieben »var ,,Wa« Rabbi Wagener und Genossen von einem alten jüdische» Rabbi noch lernen können!" Darin wurde die Schrift de« Herrn vr. Fürst, meist wegen ihrer edlen humaner, Tendenz, sehr gelobt. In der „K. Z. d. I." hingegen wurde von einem strengeren Recensenten ein anderer Maßslab bei der Beurtheilung angelegt. Er beurcheilte die Schrift von Seiten ihrer wissenschaftlichen Bet-utung und der darin angewandten Methode und da sand er denn, daß «» vom Verfasser Unrecht gewesen sei, nirgend» die Ramm Frankel'» und Saalschutz'« genannt zu haben, die ja t« ihren da» jüdische Rechtlversahren behandelnden Schristeauch da« pein!iä>e Rechtäversahren gründlich besprochen haben. Herr 1)r. Fürst entgegne», daß er die Schriften geuaunter Autoren gar nicht benutzt habe uich in seiner D »rfiellung bloß dm ällcrm Quellen gefolgt sei. Da» ist denn sreiltch eben so inkviff-nschasttich wie unprac'isck, llderbebt un« aber der Müh«, einm vergleich dieser Schrift mir dm gründlicherm Arbeiten der genannten «elehrtm auzuselle». Trotz allidem verdient diese Schrift lvegm chrer «dlm Bestimmung, auch weilerm kkreism von der humanm «efiunung unserer alte« Lehrer Kunde zu bring m, wegen de» recht hübschm und leicht verständlichm Style«, so wie endlich «»gen der darin vorherrschendeu Klarheit und Uebersichtlichkeit besten« entpsohli n zu »erdm. . . . . z F.

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