Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 1 (1870)
- Issue
- 23 (8.6.1870)
- Date
- 1870-06-08
- Page
- Seite 190 (sequence 2)
- Language
- German
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ISO ei selbst nicht" oder „gen Amerika, nach Hamburg", oder „nach England", und auf die Frage: wohin denu nun zunächst? „schickt unS nach Berlin". Diese alle haben keine Legitimationen vom KönizSberzer Comitö, fte „laufen"; sie werden in Deutschland berumziehen und zum Herbst wieder hierherkommen, wieder durch die Straßen betteln, am Bollwerk kauern, bifte zurück nach Königsberg geschafft werden — ganz wie 1869. Soll daS so bleiben?! steigen von Jahr zu Jahr? Sollen wir'- erleben, daß — nothgedrunzen! — Polizeiverocdnunzen gegen vaga» bundirende russische Juden erlaffen weiden? Je klangvoller der Name ist, den Berlin in Rußland hat, desto mehr muß dahin getrachtet werden, daß man erfahre und lerne, daß eio Berlin für ziellos Umherstreifende nichts gibt, sondern dort und überall nur für diesenigeu, die zu bestimmten Zwecken dahin gesendet werden, und daß der Weg nach Amerika nicht über Berlin gehe. So möge, soll und wird — wer zweifelt daran? — die reiche und wohlthätige Berliner Gemeinde Geld, viel Geld zusammenbrinzen, aber dort sollte da- Geld nicht vertheilt, nicht verwendet werden (eS sei denn für solche, die dort verbleiben sollen), sondern centralisirt und zur Beifügung eine» EomitöS an der Grenze gestellt, damit daS Bagabundiren aufhöre. AuS Rülf'S Aufruf im nächstm Blatte. Iur Schulfragt. Hand in Hand mit den religiösen Bewegungen geht durch die gebildete Welt eine Agitation in Sache« de» Schulwesens, des niederen wie des höheren. I« Frankreich handelt eS sich dabei in erster Linie um Einführung deS Schulzwanges, deS obligatorischen Elementarunterrichts; in England um Unterricht durch den Staat und die Stellung der Staatsschulen zu der. StaatSkirche und ihren Lehren; in Amerika verhandelt man über die „Bibelfraze". Deutschland nimmt in Beziehung auf Schulwesen unbestritten den ersten Ranz ein und kann sich mit vollem Rechte rühmen, hier an der Spitze der Civilisatton zu gehen. Bei unS geht daher die Schulfrage tiefer auf dev Kern der Sache ein und dicht sich um die beiden Faktoren, welche überhaupt die Wurzeln der heutigen Cultur bilden, die Religion und die „klassische Bildung". Das aus der Vorzeit überlieferte Berhältniß ist dieses, daß der Unterricht i» der Volksschule hauptsächlich auf Religion gegründet ist, auf biblische Geschichte, Katechismus, Bibel, Gesangbuch — in den höheren Schulen dagegen auf die klassischen Sprachen, auf das griechischrömische Alterthum. Dies Berhältniß (und Mißverlülrniß) ist in der Hauptsache ein Erbtheil deS 16. Jahrhunderts, de» Zeitalters der Reformation, ist von den Protestanten auf die Katholiken übergegangeu, und daher ist auch, beiläufig gesagt, der Satz aufgekommen, daß die Kirche die Mutter der Schule sei, eine von jenen fable« convenues, die, zur Verherrlichung deS ChristenthumS erdacht, von Mund zu Mund gehen und doch, sobald man sie einen Augenblick in daS Licht der geschichtlichen Betrachtung stellt, sich in ihrer reinen Mährchenhaftigkeit zeigen. Mit dem Neuerwachen der Geister in der zweiten Hälfte de» 18. Jahrhundert« tritt ein Streben nach Reform de» überlieferten System« ein und wendet sich naturgemäß nach den beiden bezeichneten Richtungen. ES gilt für die Volksschule die Obmacht der Kirche, de» konfessionellen, zum reinen Mechanismus gewordenen Religionsunterrichts zu brechen und in den höheren Schulen die Alleinherrschaft der klassischen Sprachen, die ebmfallS zu todtem Formalismus geführt hatte, zu beseitigen. Beide» wurde lange Zeit siegreich und mit schönen Erfolgen durchgeführt, e« ttat damit eine gründliche Umgestaltung aller Unterrichtsmethodm, deS gefammten ErziehunzSwefenS ein; Engländer und Franzosen, sonst so schwer zur Anerkennung fremden Verdienste» zu bewegen, erkannten wohl und offen die Superiorität der deutsche» Schule an. Da brachte die Reaktionsperiode, deren Joch in dieser Hinsicht noch ganz ungebrochen auf unfern Schultern lastet, einen Stillstand und eine Umkehr zu Stande. Man hat die Volksschule vollständig in daS Geleise de» 16. Jahrhundert» zurückzudrängen versucht, und eS ist schon ziemlich gelungen, alle», wa» die Periode der Aufklärung Gute« geschaffen hatte, wieder zu beseitigen (denn die Gebildeten bekümmern sich nicht um die Volksschule!); in den höheren Schulen hat man die Realim freilich nicht wieder verdrängen können, aber man hat die Anforderungen in Beziehung auf die alten Sprachen enffprechend erhöht und dadurch eine Ueberbürdung der Schüler herbeigeführt, die an diesem Punkte einen Sturz deS Systems zu einer Naturnothwendizkcit macht. Vorläufig aber gehen drei mächttge Faktoren Hand in Hand: Orthodoxie, Feudalismus und Militarismus — der Kampf wird ein harter sein. In der Volksschule gilt eS die fteie GeisteSregung niederzuhalten, im Keime zu ersticken, eine gläubige Heerde, eine gegen die Prätentionen de« Pfaffen- und JunkerthumS unterwürfige Masse zu erziehen, die dann an der Wahlurne gegen die gebildeten Claffen gebraucht werden kann — für die höheren Schulen strebt man dahin, daS demokratische Element de» VolkSheereS dadurch zu schwächen, unschädlich zu machen, daß man nur die Eröme der Gesellschaft und von der Intelligenz, deren Gleichberechtigung nun einmal nicht mehr ausgestrichen werden kann. Feuilleton. Nester vorne und Heine. Bon Profeffor Dr. Ersetz. (Zorlsetzniig.) Heine war allerdings kein Tuzendspiegel; aber er war auch nicht ein solch arger Sünder, wie seine spitze Feder und Zunge vermuthen lassen. Er hat sein tiefes edles Gemüth, seinen Sinn für Hohes niemals aufgezeben; er wälzte sich auch nicht im Schlamme der Sinnlichkeit, wie er seine Leser glauben machen wollte. Er hat sich schlechter geschildert als er war. Empfindlich war er, und daS ist das LooS der Dichter, Schauspieler und Prediger, und hing bei Heine noch mit seinem tiefen Nervmleiden zusammen. I« feiner Empfindlichkeit konnte er Dinge schreiben, die er bei kalter Ueberlezunz mißbilligte, aber zu widerrufen sich schämte. Heine hatte daS vor Börne voraus, daß er in feinem Herzen > eine tire Liebe zu seiner Mutter ttug. Betty von Geldern, au» einer angesehenen, wie man sagt, geadelten jüdischen Familie, Tochter eines ArzteS, hat ihrem Sohne bis an sein Lebensende Verehrung und Bewunderung einzeflößt. Sie war religiös und gab ihren Kindern eine jüdische-religiöse Erziehung. Den religiösen Zwiespalt, der Börne vom Judenthum frühzeittz abwendig machte, kannte Heine nicht, und in seiner Jugend hütete er sich strenge vor der Verletzung der rituellen Vorschriften. Er lernte zwar nicht so viel hebräisch wie Börne, aber weil er daS Wenige mit Liebe in sein Innere» ausgenommen hatte, blieb e» ihm eingegossen, und er vergaß eS auch später nicht, während e« Börne auS seinem Gedächtntß gänzlich verwischte. Seine ttotz aller Spöttereien nie ganz erloschene Liebe zum Judenthum und besonders sein tiefe» Verständniß für dasselbe stammm au» den ttauten Jugenderinnerungen, die ihm wie süße, angenehme Träume unvergeßlich blieben. Auch der Zauber de» innigen jüdischen Familienlebens erfüllte seine Seele und befähigte ihn, de« richtige« Maßstab an daS anzulegen, was die Menschen Tugend und GÜck nennen. DaS, waS dem Dichter erst die rechte Weihe giebt, ein