Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 1 (1870)
- Issue
- 22 (1.6.1870)
- Date
- 1870-06-01
- Page
- Seite 182 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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182 hervorragende, algemein anerkannte Persönlichkeiten besitzen, in denen fick daS religiöse Bewußtsein der Gesammtheit maßgebend und mustergültig zusammenfaßt, wie dieS ncch zu Anfang unseres JahrbundertS der Fall war. Schon in der bloßen Thatsache deS Zusammenschlusses der gegenwärtig zerfvlitterten Theile liege eine zmaltize Tragweite, die jetzl so erschwerte Verständigung werde erleichtert, der Austausch und die Verwirklichung fruchtbarer Gedanken beschleunigt werden. Der Redner warnt nun die großen Gemeinden vor der Ueberhebunz, als bedürften fie dcr Mithülfe der kleineren nicht; ebensowenig dürfen diese mit schlecht angebrachter Bescheidenheit Vorschüßen, ihre Mitwirkung sei nickt von Nöthen. Ein großer Bau komme nur zu Stande, wenn die Urheber des Planes mit denen, die ihn mit Sachkunde auSsühren, bis hinab zu denen, die den Mörtel herbeitragen, einträchtig Zusammenwirken. Auch handle es sich ja gar nicht um ein bloßeS Ideal, sondern um ein durchaus praktische- Institut, das wirklich vorhandene Bedürfnisse befriedige. Der Redner führt hier an den Fragen der Lehrerausbildung und deS PensionSkonds sehr überzeugend aus, welch ein nützliches Institut der Gemeindeverband zu werden versvreche und wie es ein wahre- Glück sei, daß die hohen und reinen Ideen, richtig gefaßt, immer zugleich auch wahrhaft praktische Interessen sind. Ein deutschisraelitischer Gemeindebund als lebendiges Glied der die Juden aller Länder um, affenden All. ISr. Univ. werde nock eine ganz andere Stütze desselben fein, als eine größere oder kleinere Anzahl einzelner Mitglieder. Werde Israel so den W:g der Verständigung und der Solidarität wieder betreten, daim werde eS nicht mehr gleich dem „Sand am Meere", der keine Bindung bat und eben darum unfruchtbar ist und höchstens dann nnigen Halt und Einheit gewinnt, wenn die Wogen über ihn hingehen, nein Israel werde leuchten wie die „Sterne des HimmelS", die nach ewigen Gesetzm harmonisch ihre Bahnen ziehen. (Bravo!) Ein Vorschlag deS Herrn Calm (Bernburg), der den Herausforderungen deS EoncilS und der Mission mit scharfen, Protest entgegengetreten sehen will, ruft lebhaften Widerspruch fettendes Herrn Feigl (Prag, Mitglied de» AuSfchnffeS) hervor; der Gemeindetag habe lediglich administrattve Zwecke. In ähnlichem Sinne spricht sich Herr Advoeat Dr. Emil Lehmann (Dresden, AuSfchußmitglied) an«; daS Zustandekommen eines jüdischen Gemeindebundes werde der eindringlichste Protest gegm jeneprofelytmmacherischm Bestrebungen sein. Herr Kohner ist der Ansicht, daß die augeregte Angelegenheit zwar nicht zur Competenz deS Ausschusses deS GemeindetageS, wohl aber zu der de» zu gründenden Bunde» gehöre; gerade solche Anmaßungen lehrm recht deuttich, wie nöthig eS fei einen solchen zu schaffen. Im weiteren Verlaufe der Debatte weisen die Herren Feigl (Prag) und RechtSanwalt Josephthal (Nürnberg) die besonder» in Säddeutschland vielfach umlaufende Auffassung, als ob der Gemeindetag nur eine gewisse religiöse Richtung bevorzuge, andere aber (streng 'orthodoxe) in den Hintergrund drängen wolle, energisch zurück. Zweck und WftkungSkreiS deS Gemeindetazs seien völlig von denen der Syn>de verschieden. Herr Feigl constatirt, daß die Tbeilnahme Prags, dieser altehrwürdigen frommm Gemeinde, der anzugehören und die zu vertreten er die Ehre habe, an dem schönen Werke deS GemeindetagS eine unzweideutige Gewähr dafür sei, daß eS sich hier nicht um destructive Tendenzen, überhaupt nicht um religiöse und ceremonielle Controversen handle, daß vielmehr alle Richtungen in gleicher Weise in diesem lediglich organisatorischen und repräsentativen Zwecken gewidmeten Verbände Platz finden sollen. Herr Kohner betont, wie man bei dem zu ordnenden Pension»- wesen, bei Stipendien, bei der Armenpflege nicht erst nach der religiösm Richtung der betteffenden Beamten fragen, sondem jedem Verdienste beispringm werde. Auch diesmal ließ sich ein großer Theil der Anwesendm in die Mitgliederliste eintragen. Möge nun ein Jeder dieser neuen Freunde der guten Sache die begeisterte, opferfteudige und ver- Fcuilleton. j Kleber Körne und Keine.! Bon Prosrffor Dr. Braetz. I (Fottsetzung.) I Börne'S Geist konnte nicht in di-Tiefe der Dinge dringen;! strenge Prüfung war nickt seine Sache, er war zu träge dazu.! Sein Zerwürfniß mtt Heine, seinem langjährigen Kampfgenossen | und Freunde, entspann sich eben daraus, weil dikfer nicht an > die alleinseligmachende Freiheü deS Papstthums und an die Voll» ' kommenheit des deutschen Volkes geglaubt hat. Börne hätte ge-! wünscht, daß die Juden ihre tausendjährige Geschichte als einen! böien Traum vergäßen und deutsche Männer würden. Er hatte! nickt Heine'S Tiefblick. Heinrich (Harry) Heine (geb. Düsseldorf 1799 st. Paris 1 1854) war in den Tiefen seines Innern nnendlich mehr Jude! als Börne, ja er besaß alle Vorzüge und Unarten der Juden in einem hohen Grade. Wer ist im Stande, diese Chamäleon- Natur, diesen „ungezogenen Liebling der Grazien und Musen" (wie man ihn nannte), diesen spottenden Romantiker und lyrischen Philosophen zu schildem? Er allein wäre im Stande gewesen, ein zutteffendeS Bild von sich selbst zu geben, wenn er sich selbst im Spiegel seines Geistes hätte wckerstrahlm lassen können. Börne'» Geist glich durchsichtigem Qvellwasser, daS auf sauberem Kiesel dahinrieselt und nur auft'ckäumt, wenn Stürme e» peisschen; Heine'» Geist dagegen glich einem Wasserstrudel, auf dessen Fläche die Sonnenstrahlen spielen und Regenbogenfarben bilden, ber aber die sich nahenden Fahrzmge in seine brausenden Tiefen hineinreißt und sie zerschellt, wenn sie nicht starken Baue» sind. Denn Heine war ein eben so tiefer Denker, wie malerischer Dichter, eben so unerbittlicher Kritiker, wie liebenswürdiger Spötter, eben so voll von origininellen Gedanken wie von SangeSweisen. Börne hat in der That den Grundton von Heine'S Wesen nicht verstanden, wenn er von ihm behauptete: weil er nicht, gleich ihm, glaubte: wer da liebe und anbete, sei ein Christ, sei eS die Ehre, den Ruhm, den Muth, die Treue, Freiheit und Wahrheit; da» Christenthum fei daS Pantheon aller dieser Gottheiten — weil Heine diese Gedanken» und Gefühlsnebelbaftizkeit verspottete, sei er keiner ernsten Richtung, keiner Uederzeugung fähig gewesen, daß er sich selten im Jrrthum befunden, weil er selten die Wahrheit ge'ucht habe. Heine brauchte nicht die Wahrheit zu suchen, fie kam ihm von selbst zngeflogen, fie offenbarte sich ihm als ihrem Liebling, wie die Muse, tändelnd und schäkernd. Hinter seinem Spott lag öfter mehr Ernst der Ueberzmgung, als hinter der Lttanei eine» griesgrämigen Mo- .allsten. Heine sehnte sich nach Idealen, denen er mit seinem Geiste hätte einen Cultus weihen können; weil er fie nicht fand, verspottete er die Götzen, die sich al» Götter anbeten ließen. Die Räthsel der Geschichte hat er jedenfalls ttef gelöst. Er hat nie der Form zu Liebe dm Inhalt geopfert, wo jmer mehr Werth hatte, als diese. Er hat allerding» öfter seine Ansichtm gewechselt, aber nicht mit seinm Ueberzmgungm gespielt. Heine war durchaus nicht polittfcher Schriftsteller von Beruf, sondem nur politischer Dilettant, ihm stand die Kunst höher al» die Polittk. Damm kehrte er ihr dm Röckm zu, ehe noch der hauSbackme Liberalismus Echiffbruch erlitt. Dennoch erkannte er dessm Unhaltbarkett und Marksschreierei, ein Heilmittel für all« Wunden zu habm, früh genug. Luch feine religiösm An-