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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1870-05-25 · 21 (25.5.1870) · p. Seite 177

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
1 (1870)
Issue
21 (25.5.1870)
Date
1870-05-25
Page
Seite 177 (sequence 5)
Language
German
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177 Lheil der neuen Gemeindevertteter, dem praktisch-religiös« Lebe« vollständig mtftemdet, hat kam» verständntß für die Roth- Wendigkeit, eine jüdische Gemeinde ans der Grundlage ihrer religiös« Institutionen zu consolidtren und zu erhalten. Draußen im reichen Stadtviertel auf ihren Billen mit Allen, nur nicht mit jüdischen Männern Umgang pflegend, geben fl« sich gerne dem Wahne hin, ei habe, wie bei ihnen, so auch überall bereit» da» jüdisch« Leben aufgehört, sei höchst«» nur noch in einig« polnisch« Familtm aiqrttresfm. Rur so läßt sich die in d« Annalm der jüdisch« Geschichte beispiellose Rückficht»lofigkett erklär«, welche nachsteh«de Eingabe erfahr« mußte. E» trat nämlich eine Anzahl achtbarer Gemeiademitglieder zusamm«, welch« ftch durch die bestehend« Berhältnifle in ihrem Gewiss« beeinträchtigt fühlt«, um von d« Gemeindebehörden Gewissen»» freiheit zu fordern. Ich theile Ihn« die mit circa 1000Unterschrift« bedecfte Eingabe ihrem ganz« Wortlaute nach mtt. wohllöblicher Gemeinde-Vorstand I In Folge der letzten Wahlen find di» Gemeinde-vehörd» -»»mehr fast a»«schlirßlich an» Mllnnern >vsammeugesetzt, welch« di« weitgehendsten stieformen auf religiöse« Gebiete anstrebe». Grmangeln wir auch solchergestalt einer genügenden Vertretung unserer Ansichten in der Gemeiadever- »erwaltung, s, tau» in Religionlsachen di« Majorität doch nicht entscheiden, der Minorität nicht ihre Ansichten aufdräng»; e» würde die» za einem Gewiffenözwange der gewaltsamsten Art führen. von den Männer», welche di« Gemeinde - Behörden bilden, und als« die Gesammtheit der Gemeinde-Mitglieder vertreten, erwarten wir umsomehr, auch wenn sie persönlich eine» andern Standpunkt entnehmen, eine unparteiische Berücksichtigung der auf Gleichberechtigung und Gewissenlfreiheit gegründeten Forderung der Minorität, welche an Zahl nicht viel keiner ist, all die zeitige Majorität. Nachdem ei» Theil der Gemeinde-Mitglieder durch Einführung einet ^geänderte» Gonetdienfte« in der neuen Synagoge sein« Befriedigung gesunde» hat, müffen wir et alt ei» unverletzbare» Recht in Anspruch nehmen, daß auch dem andereu Theile, welcher den eingeführten Neuerungen nicht beiftimmt. Genüge geschehe. 9t müssen ferner diesem Theile der Gemeinde die nöthigeu Garantien geboten «erden, daß die religiösen Zwecken gewidmet« Institution« und die Lehranstalt« der Gemeinde im Geiste und Sinn« de« rraditiouellm Judenthumet geleitet werden. 9t erscheint demnach alt «in Gebot der Gerechtigkeit, daß die alte Syuagoge für di« Anhänger de» hiftorffch« Judenthumet mit unverändertem Ritut auch ferner bestimmt bleibe; daß nicht ein Prediger, welcher bm Standpunkt der entschieden« Reform einuimmt und rabbinffch« Satzung« öffentlich bekämpst, dort die Kanzel besteige und die heilige Schrift nach sein« reformireuden Ansicht», der» entschiedene Gegner seine Zuhörer find, deute. Wohllöblicher Gemeinde-Vorstands Der Tod hat in dem selig» Her» Rosenstein d» letzt» Vertreter de» traditionell» Judmthmn» im Rabbinate hinweggerasst; wir Mttra, diese schwer empfundene Lücke schl»nigst autzufüll». wir erwart» von dm Gemeindevehörd», daß sie baldmöglichst rin» Rabbiner herbeirufeu, welcher neb» gmügender Uuiverfitättbildung gründliche» talmudischet wifl» besitz», der durch sein bitherige« Leb» und wirk» e« dargethan hat, daß er sefthält an'der überliefert» Lehre; ein» Mann, dem auch die fromm» Mitglieder der Gemeinde die Beaufsichtigung der religiös» Gemeinde-Institutionen und der Lehranstalt» mit vertrau» übergeb», an d» sie sich nt rituelle» Frag» und bei Vollziehung religiöser Acte »hm Gewiffeutzwang wendm könnm; ein» begabt» Kanzelreduer, der die Lehr» der Religion verkünd« in dem Geiste, wie et von dem seeligm vr. Sacht so segentreich fast 20 Jahr« gescheh» ist. Et kann nicht die Absicht der Gemeinde-vehörd« fei», die Minorität zu Gnnsten der zeitig» Majorität in di« Stellung einer geduldet» Secte herabzudrückm; ein versuch in dieser Richtung würde auch nicht ohne die weitgeh«dft« Folg» für d» Fried» und dir Einheit der Gemeind« bleib». Dir an die Spitze der Gemeinde berufen» Minner «erd» — wir zweifeln »icht daran—dir Gerechtigkeit unserer Forderung» anerkeuu» und sie erfüll» I Bei der in der Gemeind« herrschend» Spannung, welche zur Entschekduag drängt, dürf» wir dieser wohl in kürzester Frist »tgegmfehm; di« Mittheüuug derselb« bittm wir z» Händ» de» mituwerzeichuet« Her« Hermann Lachmaun gelang» zu lassen. Eine mit dieser gleichlauteude Eingabe überreichen wir h»te der! wohllöblich» ReprLsmtaMm-versammluug u. s. w. Berlin, d« 19. Januar 1869." (Folg» die Unterschrift».) lleber da» Resultat, welche» die Eingabe hatte, theile ich Ihn« in meinem nächst« Briefe s. G. w. Nähere» mtt. -vfmbtn, 18. Mai. Unsere Gemeindeverttetung, die mtt regem Eifer auch «n d« allgemein« jüdisch« Frag« sich betheiltgt, hat sich dem Gemetndetage angeschloss«. Dieser Tage ist ein — dm Verhältnissen nach — beträchtlicher Beitrag für die paläftinmser von derselb« Hm. Alb. Cohn übermittelt Word«. II. A««ß«rß, 1k. Mai. (Orig.«Eorresp.) Die im Feuilleton der „Wochrnfchrist" Nr. IS erzählte, „Priesterwache" betttelte Geschichte, welche Sie der hiesig« „Reform" mtnommm Hab«, ist rein erfundm und ich glaube die» berichtig« zu soll«, well Dal« und Verhältnisse hier in Hamburg d«r Art sind, daß die ganz« Geschichte auch nicht e t n e n Anhaltspunkt ßtlt. Da« Bettel« wes« unter d« hiesigen Juden hat im Laufe der Zeit bedeutend abgmommm, so daß man jüdische Bettler von Präsesfion, mtt nur geringer Ausnahme, gar nicht kmnt; die hier in frühere, Zett herrschende Unsitte de» Bettelnam m hat z. B. ganz aufgehört; daß e» daher erst einer Hülfe der Polizei zum Schutz gegm derartige Belästigung« auf dem Friedhofe bedarf, braucht wohl nicht erst gesagt zu werdm. Die beidm hier von der Gemeinde angestellt« jüdisch« Armmbot«, vulgo Polizist« genannt, sind keine Abkömmlinge de» Stamme» Ahron. Die hiesige „Reform" ist überhaupt in Bericht« nicht sehr gmau. In der vorig« Woche z. B. erzählt sie, die Lübecker Gemeinde hätte dm früheren Direktor eincr hiesig« höher« i-raelittsch« Knabenschule, vr. Koref, zum Rabbiner erwähtt. Nun ist dort an Wähl« noch gar nicht gedacht Word« und sind nur einstweilen an dm beidm letzt« Tag« Pesach Probe- Predigt« von einem der Bewerber gehaltm Word«. A München, 16. Mai. (Orig. Corresp.) Bon dm religiös« Partei« der bayrischen Judm und von ihrer Stärke möchte ich Ihn« heute erzähl«; aber obwol alle Nüancm wie überall so auch hier vertretm sind, so kann ich doch strenggenommm nur über Eine Partei Bericht erstatt«: wa» nicht der Recht« an- | gehört, bildet keine geordnete Phalanx und nur die Orthodoxie ist organisirt, weshalb ich mtt ihr beginne. „Aber diese Partei ist ja in dies« Blättern schon öfter charafterifirt worden!" Mit Verlaub, die bayerische Orthodoxie ist eine eigenthümliche Unterart. Man ist nun einmal gewöhnt, in Deutschland bei dm Orthodox« Sinn für Bildung und Wissmschast zu such«, ein Punkt, der gerade die deutsche Otthodoxie von der polnisch-ungarischen unterscheidet, und Bayem liegt unseres Wissen» trotz der Bemühung« unserer Patriot« in Deutschland; ober unsere Fromm«? An ihrer Spitze steht der Herr Rabbiner Seligmann Bär Bamberger zu Würzburg, ein Mann, dessm glühende Liebe zum Judenthum und dessm edlen Charakter ich nicht zu schilvem vermag, der aber die Spur« seine» Ursprung» noch zusehr an sich trägt. Wie Cincinnatu» vom Pfluge zur höchst« Würde beruf« wurde, so erhielt er.in seinem Nein« Laden in einem Dorfe bei Würzburg die Diftatur über dm Würzburger Rabbinatsdistrift und über die Fromm« Bayem». ^-war hatte er sich bisher einzig und allein mtt dem Talmud beschäftigt, so daß e» mit feinem StaatSexam« nicht r-cht geh« wollte, aber da bewtttte ein vor nicht langer Zeit verstorbener Freund DiSpms von der Prüfung — und auch ich bitte um DiSpms wegen der gmaueren Detail» — um so mehr al» der Verewigte ^7 und fein Client sich auch vielfach um ihre Glaub«»-Gmosien verdimt gemacht Hab«. Die schnelle FassungSgabe und da» eifeme Gedächtniß de» neuen Rabbiner» ließ« ihn zwar manche Lücke einigermaßen auSfüll«; aber seine Verachtung der „profanen"Wissmschast hat er nach wievor beibehalten. Am deutlichstm zeigt sich die» darin, daß unter dm Jungem, die sich unter seiner Leitung zu Rabbinem auSbildm, nur äußerst seit« einer ist, der ein Gymnasium besucht hat. Wtt erinnem un» sogar, daß er einmal einem jung« Mann dm Besuch seiner talmudischen Vorträge einzig und allein au» dem Gmnde verbot, weil derselbe da» Gymnasium besuchte. Folgerichtig liebt er e» auch nicht, daß feine Jünger die Universität frequmtiren, obwohl

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