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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1870-05-25 · 21 (25.5.1870) · p. Seite 175

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
1 (1870)
Issue
21 (25.5.1870)
Date
1870-05-25
Page
Seite 175 (sequence 3)
Language
German
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‘175 ' Herr Dr. Goldschmidt weist hierauf den Lorwurf zurück, > «dl ob die Institution des Gemeindetag» eine lediglich auf Nachahmung beruhende Neuerung sei. Dieselbe i'et vielmehr eine «ltt auf dem Boden des Judenthuml gewachsene Einrichtung. Bor ea. 250 Zähren hätten zwei derartige Gemeindetag«, gleich» falls aus der freien Wahl der Gemeind« hervorgegangen und größtmtheil» aus Laien bestehend, über administrativ« Angelegenheiten getagt; die Verfammlunglorte seien merkwürdigerweise ebenfalls Meßplätze gewesen (Lublin und Jarosla«), die auf jenen Gemeindetag« gefaßt« Beschlüsse besitz« wir noch unter Dem Titel nun* jn-iK mpn (Satzung« der vier Länder). — Herr Keller (Köln) macht von einem jüngst in seiner Gemeinde eingelaufmm Schreib« der All. Jlr. Untv. Mittheilung, welches gur Aufnahme russisch «jüdischer Wais«kinder aufsordert, Parts fei mit der Aufnahme von 30 Waise» vorauszegangm, Köln »erde der« 10 aufnehmm. Der Gemeindttaz Hab« manch« Gegner gefunden, weil derselbe zu gleicher Zeit mit der Synode -«tagt, woraus man geschloss« habe, daß er auch der« reforma« torische Tendenzen theile. Die Herr« Holländer und Kohner erklär«, daß diese Auffassung auf einem bedauerlich« Mißverständniß beruhe, der Gemeindetag habe mst dem religiös« Leb« im «gern Sinne, mit Ritualfrag« u. s. «. nichts zu schaff«. Herr Kohner ertnnert daran, daß der Gedanke der Gemeindetags im Schooße des Leipziger Gemeindevorstandes angeregt wordm sei, lang« bevor man an eine Synode gedacht habe, nur aus Gründen der Opportunität sei das gleichzeitige Tag« beider Versammlung« »orgrnomm« Word«. Der Gemeindetag habe ausgesprochener Maß« nur administrative Zwecke und sei von der Synode gänzlich unabhängig, so daß dmn auch die Gemeinde» Prag, Hamburg und Hannover sich dem verband« angeschloss« hält« mit der ausdrücklich« Erklärung, daß sie nicht auch der Synode belträt«. ,_Nachdem noch einige Vertreter süd- und »oestdeutscher Gemeind« d« Beitritt thetls erklätt, theils in Aussicht gestellt 'hatt«, rotirt« Herr Olesheimer (Fürth) dem Vorsitzenden als dem Anreger des Gemeindetags dm Dank der Versammlung, in welch« alle Anwesend« lebhaft einstimmt«. Gegm dm Schluß der Sitzung wurdm die Statut« des Gemeindetages, der All. Jsr. Univ. und andere auf die Tagesordnung bezügliche Schriftstücke in großer Anzahl unter die Anwesend« verthetlt, von denen die meist« sich auf Grund des -3, nach welchem auch Einzelne mst einem Thaler jährlich bettlet« können, in die Mstgliederliste einttazen ließ«, (Schluß folgt.) Wochenbericht. Stettin, 18. Mai. Da wir über Werke der Wohlthätig» keit zunächst zu bericht« vorhab«, so beginnen wst mst dem größt« und umfassmdst« derselben, mit der Rettung der russisch« Juden, und dürfm, bei der hohm Wichtigkeit der Angelegenheit, wohl etwas ausführlicher fein. Wir red« zunächst von der Auswanderung derselben nach Amerika. Die Sache nimmt d« Verlauf, der dem jüdisch« Charakter angemeffm ist, und wir sind heute mehr d«n zuvor überzeugt, daß sie zu einem gut« Ziele gelang« wird. Wir Judm sind ein prakttsches Volk, dessm Herz nicht so leicht dem Regtmente des Kopfes mtschlüpft. Eine neue Idee, ein Vorschlag, besonders zu einem groß«, westausfehenden Unternehmen, findet Widersacher, man macht Einwmdungm, man ereifert sich dagegen, zankt und schreit; aber wenn es zur That kommt, wenn es heißt r „jetzt gieb, soll denn der Arme verhungern oder zu Grunde geh«?" dann hilft und gibt der Jude doch, der Eine thut's freudig, der Andere grollt „bade ich nicht gesagt, daß wir uns eine Last ausbürdm!" aber er xidt. Also als vor mehr dmn Jahrrsfttst die Idee austauchte, die in Rußland verkommend« Judm nach Amerika auswandern zu lass«, als der Schreiber dieses zuerst von geregelter Auswanderung, Aus» und Einwanderung»-Tomitö» sprach, da erhoben sich in Dmtschland stimmen dagegen, und von Amerika ertönte ein zomiges quo» ego! „wir werden die Vtttler nicht ans Laad lassen, wir «erden sie euch zurückschtck«!" Umsonst begann man zu verhandeln, verstchette von Europa aus, daß man nur gesunde, jünger«, arbeitsfähige Menschen hinübersenden «erde, daß von Belästtgung »ntwort darauf habe». Ihr Herren von Frankfurt, sagt mir: warum sollen nur vier jüdisch« tzlerzte, warum sollen gar feilte Juden Advokaten werde«? .... Roch vor zwanzig Jahren habt lhr i» eurer steten Stadt ebenso gegen Katholiken gewüthet, als lhr jetzt gegm Au dm wttthet .... glaubt ihr nicht, dah ein Tag kommm wird, der euch bestehlt, auch dl« Juden als mr« iDleichberechtigten aazusehm? Iber ihr «ollt gezwungen fetal Der Deutsch« ist taub, Freiwillig folgt ihr «ich«, da» Verhängnit mutz euch bet der vrufl packen und euch hter und dorthtn schleppen. Schsmt euch!" Zum Schlüsse brmerft Börne. „34 liebe nicht dm Judm, nicht »m Christen, ich liebe ft« nur »eil ft« Menschen find und zur Freiheit geboren. Freiheit ist di« Seel« meiner Feder dt» ft« ftumps gewordm, »der meine Hand gelllhmt. — Die neue Verfolgung, welch« dt« Judm im ungelehrtgm Deutschland erduldet, tft kein« frisch ausgelebt«, ft« hat sich uur ausgerafit im letzten Kampfe de« Dode». Dt« Flamme de» Halse» lodert „ch einmal hell aus, um ewig zu trllischm. Da» trdste dt« Leidende»." Börne war ein schlechter Prophet, wie er auch ein schlechter Philosoph und Geschichtskenner war. Sr, ein kühner Herold der -reihest, der mit Stegesmime ihr Blutzeuge gewordm wäre, bettachtete Alle» aus diesem einzig« Gesichtspunkte. Was mst brr Freiheit zusammmhtng, hatt« für ihn Werth; alle übrig« Bettachtungsweism blieb« ihm unverständlich. Hatte er sich Hoch am Ende seiner Tage noch von dem Farbmschimmer des neu« Freiheitsevangeltums von Lammnais blmdm lass« und im Katholicismus dm ewig« Hott der völkerftetheit verehrt! David Strauß' „Leb« Jesu" galt ihm fast als Gotteslästerung. Man saugt nicht ungestraft tu der Jugmd falsch« Lehren ein, und wer nicht stark« Geistes ist, verfällt im Alter in sie zurück. Di« ühttstelei und Deutschthümelei, die Börne in Berlin und Halle, im Hause seiner „Mutter" und im Umgänge mit Schleier» mach« und Steffms in sein« Geist aufzrnonmm hatte, wurdm in ihm in seinem Aster wieder ledendlg, und er wäre vielleicht auch ein „Apostat des Wissen» und Neophyt« de» Glaub«»" geworden, dir er veripotttt, wmn ihm dm Tod Zeit dazu ge» lass« hätte. (Fortsetzung folgt.) -1t Berliner Gesellschaft in den Jahren 1789-1815. von K. Hillebrand. (Nach der „Revue de« denx monde»".) «Fortsetzung.) In dm letztm Jahrm de» Jahrhundert» oerllrbertc der Selon Hmrlettm« sein «»«sehen: Der „Dugendbund" war de», „Lesezirkel" gewichen, der bi» nach dem Dode de« Nr. Herz (Januar ISIS) dauerte. Hmriett« la» merkwürdig gut und man htirte ste natürlich gem. Da« aristokratisch« Klemmt mischte stch mehr uab mehr in ihrm Krei«: Der Sras vernftorsf, vou de« obm in Verbindung mit Maria»« Meher di« Rede gewesn, Friedrich von Seng, de, Sras Dohna-Schlobttten, ei« Freuud Schleiermacher'«, nachmaliger Siaawmtntfter, der der Wittwi Herz sei« Hand aubot und einm Korb erhielt, der schwedische Edelmann Susta» von vriackmana, der nachmalige Minister de» Autwürtigen Avcillon, Adalbert von Khamtss», der Hmriett, nicht ander« dmn al« seine „Herrin' bqeichaete, und noch tausmd andere berühmt« Männer versammeltm sich bei ihr. Auch Jean Paul und Schiller verkehrten ger« bei ihr; aber alle «arm ihr »ich« ko» Schleiermacher war. (Fortsetzung folgt.)

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