Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 1 (1870)
- Issue
- 21 (25.5.1870)
- Date
- 1870-05-25
- Page
- Seite 174 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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174 jahraus jahrein von den östlichen Ländern über Deutschland hereinströmend. nicht nur eine lästige Landplage, sondern anch eine Schmach fürJ-rael sei und auf die glänzende Stellung, di« wir gegenwärtig in Europa einnehmen, einen finsteren Schatten werfe. Kein andere- Volk, die Zigeuner ausgenommen, mache in solchen Masien die Landstraßen und in neuester Zeit die Bahnhöfe unsicher, aldiese Hefe unsere- Stamme-. Wenn diesem Uebel nachhaltig gesteuert werden solle, so sei enicht mit sentimentalem Mitleid, sondern mit volkSwirthschaftlichem Auge zu betrachten. Wenn man diese Armen nicht systematisch zum Betteln erziehen wolle, so müsse man so geben, daß eS Irgend einen bleibendm Nutzen für sie habe, ihnen den Eintritt in die bürgerliche Gesellschaft ermögliche; esolle also nicht etwa weniger gegeben «erden alS bisher» sondern nur zweckmäßiger. WaS zunächst die Lage unserer unglücklichen GlaubenSbrüder in Westruhland betreffe, so könne dieselbe nicht durch vereinzelte Gaben gelindert werden, man müffe ihnen vielmehr zu Arbeit und Verdienst verhelfen. Da» beste und sicherste Mittel sei unter den jetzigen Umständen die Auswanderung, in der man kiese Leute durch eine möglichst praktische Organisatton unterstützen müsse. Der Redner theilt mit, daß der Gemeindetag im Verein mit der All. JSr. Univ. bereits in dieser Richtung vorgegangen sei und daß 350 russische Juden, theilS Familien, theilS auch alleinstehende arbeit-lustige und kräftige Männer, nach Amerika befördert seien. Diese Hilfe würde jedoch nur Stückwerk bleiben, wenn nicht dafür gesorgt werde, daß die Ankömmlinge auch in der neuen Welt von einem für dieselben Zwecke thätigm Comitö in Empfang genommen und für die erste Zeit mit Rath und That unterstützt würden. Di« Gründung einesolchen Eomitö sei im Gange. (Stehe Wochenbericht. Red.) Zur Hebung der Armenpflege in Deutschland selbst soll ein« Organisation nach Sprengeln und Bezirken mit gemeinschaftlicher Leitung und Kaffe geschaffen werden, «n die Lasten und Opfer gleichmäßig zu vertheilen. In ähnlicher Weise müffe da- Pension-wesen für die Gemeindebeamtm tRabbiner, Lehrer u. s. w.) geordnet werden. Et müffe auf dm erstm Blick wunderlich erscheinm, daß ein so pietät-volle- und wohlthättge- Volk wie die Judm btö auf dm heutigm Tag noch nicht daran gedacht habm, ein geordnete- Pmfion-wesm für diejmigm zu schaffm, die al- Gemeindebeamtm ihr Leb« oft unter schwerm Mühen und Opfem dem Dimste der Religion geweiht habm. Bei gmauerer Betrachtung sei diefteilich sehr erklärlich, da man bet unin früherm Zeitm diese Dimste über» Haupt ohne jede Enffchädigung verlangte und versah. Diese pattiachalischen Zeitm seim aber vorüber; die Laufbahn eine» jüdischm Gemeindebeamten sei ohnehin keine sehr verlockende; der gänzliche Mangel einegeregeltm Pmsion-wesensetz« der Unsicherheit einer derartigen Stellung die Krone auf und trage dazu bei die Talmte abzuschrecken und in andere Bahnm zu tteibm. Der Redner schließt diese klare Darlegung der Gesicht»» punfte, von dmm der Gemeindetag au»gehe, mit einer schwung» vollm Aufforderung an die Bersammeltm, sich sowohl diesem Untemehmm, al» auch der All. J»r. Univ. anzuschließm. Weft mtfemt, dm verdimtm Ruhm der letzterm schmälern zu wollm, werde e» vielmehr eine Hauptaufgabe de» Gemeindebundefein, ihre Wirksamkeit zu ergänzm, sie in der Erreichung ihrer Zwecke (Hebung de» socialm und polttischm Drucke-, unter dem unsere Brüder zur Zeit in vielm barbarischen und halbckvilifirtm Ländem noch schmachtm) zu unterstützen. Wie gegmwärtig die Nothftage der westrusstschm Judm, so solle auch künftighin jede aus» wärtige Angelegmhett nur im Bunde mit der All. J-r. Univ. angegriffen werdm, währmd der Gemeinhebund alsolcher sich vorwiegmd dm inneren Fragm der Gemeindeverfaffung und Verwaltung zuwendm werde, ein Feld, auf dem egleichfalls noch unmdlich viel zu wirkm gebe. Am 30. September habe e» in Deutschland nach dem letztm Bericht de- Prästdmtm Crömtmr nur ca. 1500 Mitglieder der Alliance gegebm — eine Zahl, die zu der dmtschm Judmhett in kleinem Verhältniß, zu der Größe und Bedmtsamkeit der Wirksamkeit aber in keinem verhältniß steht. Sobald die Organisation de-Gemeindebunde» vollmdet fein werde, werde solche der Alliance auch wirksam nützm könnm. Gegmwärtig möge jeder Anwesmde in seinem Kreise für Werbung von Mitgliedern und Errichtung von Zweig» vereinm der Alliance ebmso wie für dm Gemcindebund sorgm. (Anhaltmde- Bravo!) Feuilleton. jttrbrr Hörne und Keine. von Prosestor Dr. Sraetz. (Fortsetzung.) Im Hep-Hep-Jahre konnte er zu dm Tollheitm und Rohheitm nicht schweigen und schrieb „für die Judm" — „Für Recht und Freiheit sollte ich sagm; aber verstündm da» die Mmschm, dann wäre keine Noth, und e« bedürfte der Rede nicht." Er hat darin auf die Thorm mit Ftngem gewtefm und dm Bösewichtern in» Gesicht geleuchtet. „In dem Judmgemetzel der vergangmm Zeitm, meinte er, lag eine Art verhängnißvoller Nothvmdigkeit. 8« scheint au« einem dunklm, unerklärlichm Gefühl mtsprungm zu sein, welchedas Judmthum einflößt, dawie ein Gefpmst, wie der Geist einer erschlagmm Mutter, da- Ehristmthum von seiner Wiege an höhnmd und drohmd begleitete." Böme zerfaserte darauf dm dmtschm Judmhaß in seine Bestandtheile und zeigte hinter jedem derselbm eine Abgeschmacktheit. — Ein andere« Mal (1820) sagt,: er ihnen die derbe Wahrheit: „De« deutschen Volke verzeih« ich den Judenhaß, »eil e« einckindervolk ist, und darum, eben wie die Kinder, um einst fr,i aus deu Füße» stehen zu können, eiuer Lautbank bedars, damit e« au den Schranken der Freiheit die Schranken entbehren lerne. Da« deutsche Volt würde hundertmal t» Doge ums allen, wenn es ohne vorurtdeile teite. Aber den einfeinen erwachsenen Menschen kann ich den Judenhaß nicht verzeihen." Einm nm aufgetauchtm Judmfteffer, vr. Ludwig Holst aul Hamburg, der dm Judmhaß in ein philosophische- System gebracht oder, wie Böme sagte, „rin metaphysisches Hep-Hep", in einem dickleibigen, schalm, dummm Buche voll Gehässigkeit au-gestoßm hat, verhöhnte Börne mit Nasmstübernr „Der Judenhaß ist einer der polnischen Stlmpse, welch« da« schöne Frühltng»land unterer Freiheit vergiftet». Man steht dt« hofsnungstwllm Freunde de« Vaterland«» mit blrtchen Gesichtern hofsnung«lo« umherwandeln. Der deutsch« Seist wohnt auf Alpen höhen, aber da« deutsche Gemüth keucht in seuchte« Marschländern. Holst will di» gnd«n wdbschl-gen, und wenn st« sich zur Mehr setzen, w«nd»< er stch zum Kretse seiner Zuschauer mid spricht: „„Da sehen St», wie siech« ich haß«, wenn ich dt« Juden betspiello« ftech nenne; sie wollen nicht dulden, daß man ihnen noch so wenig den Kops abschlagr, und mucksen"".»Sind die Juden schlecht« vöter, verdorben« Söhne, verbuhlle Mütter, verritth «rische Freund«? Morden, rauben, stehlen sie? Kenne» st« den Ehebruch, die Drnnkenhet«, bi« Schwelgerei, die Sptelsncht, vertaumeln st« ihr Leben in Sinnenluft? Vlean fl« da» wären und t hä len, dann hätte «» der Verfasser sicher gesagt. Aber nein, st« berühren da« Master kaum mit dm Fingerspitzen, st« nehmm 20 Prozente, ste gewinnen aus 10 Ellm Maare V« >kil«, welche», bei einem jährlichen Absatz« von 10 Million Ellen, ein« betrügerischen Gewinnst von 100/100 Elle» machen — würde! .... Ihr haßt di« Juden, nicht «eil st««» verdienen, sondern «eil st« verdiene»..... Ma« ihr Menschenrechte nennt (die ihr den Juden alleasall» etaräumt), da» ftnd nur Dhierrechte. Da« siecht, seine Nahrung auszusnchea, sie zu esten, zu schlafen und stch sortzupstanzen, diese «echte genießt auch da» Mild aus de« Felde — bi» ihr e« erleg:, und diese wollt ihr anch de» JMen an gedeihe» laste«.Ihr Herren von Franksnrt, Hamburg, Lübeck und Bremen, antwortet mir: Ihr klagt, die Jude» ergebe» stch alle dem Schacher, und dennoch verhindert ihr dt« geistige Entwickelung derer, dt« stch vom Schacher lo« machen l Ich last« «ich nicht »bweisea, ich will