Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 1 (1870)
- Issue
- 20 (18.5.1870)
- Date
- 1870-05-18
- Page
- Seite 167 (sequence 3)
- Language
- German
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.167 fie auch diesem „Rabbiner" Stimme gewähren wird — besonderum über Ehesachen zu beschließen? ES würde ein sehr erbauliche- Schauspiel gewähren! Der Ausgleich von Soll und Haben. Jo der Einleitung zu 9. Freytag'» vielgepriesene» Buche „Cut Mathy" wird hervorgehobeu, welche Fortschritte Deutschland während der LebeuHeit Mathy'« gemacht, wie die nationale Macht nnd da» Ratioualgefühl gewachsen, wie Eisenbahnen nnd Telegraphen dir Entfernungen verkürzt, wie Me Eensur gefallen x. QRn» - aber hat der Verfasser hervorznheben vergtffm — wa» ihm persönlich doch so »ah gelegen IMe: den Fortschritt, he» dir tolerante Gefiuuuug gegen Audertgläubige »ad uameutlich gegen Jaden gemacht hat. Erinnert mau sich, daß e» »och keine zwei Decenuieu sind, seit derselbe Freytag seinen ebenso epochemachenden al» von Gehässigkeit gegen die Inden strotzenden Roman „Soll nnd Haben" geschrieben hat, so muß »an über den Fortschritt erstaunen, den er selbst in dieser Beziehung gemacht hat. Ja dem ganzen Buche überMathy, da» doch alle bedeutenden Krage» der Gegenwart berührt, wird der Juden kaum gedacht, ja deren Name kaum erwähnt. Und doch hätte e» an Beraulaffung nicht gefehlt, schon im Hinblick ans die langjährigen Cämpse aber die Judeüemauripatiou. die gerade iu der badischen Cammer auSgefochten worden, allerdings nicht zum Ruhme der damaligen Liberalen, aber »och von Jahr zu Jahr siegreicher. Dir Stellung, die Muchy zu dieser Fragt eingenommen, wird nicht präeisirt — dagegen wird mehrfach aus sein verhiltmß zu einzelnen hervorragenden Inden hiagewirsen — wobei ti aber Freytag sorgfältig vermeidet, deren Eigenschaft al» Juden zu betonen. Man sieht mit Freud«, daß die richtige Stellung der Jndensrage immer weiteren Raum gewinnt — auch bei den früh«' im Borurtheil Befangenen — daß in den soeialen und politischen Berhällniffeu dir Frage nach der Religion ei» „aberwnndener Standpunkt" ist. (?) Interessant find namentlich die Beziehnugrn ja verthold Auerbach, und könne» wir e» an« nicht versagen dieselben hier i» «rtauoo mitzM heilen — schon al» Urtheile eine» Mitstrebenden nnd al» auverwerfliche Zeugnisse für die hohe Stellung» die unser Auerbach iu der Achtung eine» so eminente» Raune» wie Mathy eingenommen hat. Die erste Beziehung beider wird folgendermaßen, S. 217 f., geschildert: ,3a btn ersten Wochen bedächtiger Erwägung und Atweifnng tlifang» 1848) gelang den Freunden (Mathy und Baffermauu) ein Serk für die neue Firma zu gewinnen, welche« aus viele Jahre ein Lieblingtbuch der Deutschen werden sollte, und rin fröhlich aufblüheude» Dichtertalent, da» der erzählenden Poesie ein neue» Gebiet von Stoffen zuftlhrte. Er waren die „Dorfgeschichten" und e» war Berthokd Auerbach, welche in da» Geschäft und in da» Leben der Familie Mathy traten. Daß dir Geschichten au» dem Schwarzwald deutsche Lerhälmiffe schilderten, daß sie keine politische und sociale Tendenz aus. drängten» daß sie liebevoll und sorgfältig von einem ächten Dichtergemttth geschaffen waren, die» erschien den Lesern al» eine Erlösung von dem modische» Salonkram der Literatur, von unwahren, unmöglichen und nichttuützigen Romangestatten, welche damal» durch deutsche Seelen mühsam mtter der Herrschaft französischen Geschmack» zusammeugedacht wurden. „Und daß der neue» Handlung die Freude wurde, gerade die» Buch von | guter und großer Wirkuug den Deutschen zu vermitteln, durste Mathy mit Recht für ein günstige» Lmeu halten" u. s. w. Daran« entwickelte sich mit der Zeit da» innigste Freundschafr»verhältniß der beiden Männer, und e« wird ein Brief mitgethrilt (S. 354), der am beste» Zeugniß davon oblegen kann. Mathy schreibt unterm 2. Rai 1854: „ . .. Entschuldige, lieber Brrthold, dir Berzögerung meiner Antwort, welche Dir, wie ich mir Kummer bemerke, Sorgen gemacht har. Schone Deine Gesundheit. Der holde Mai . . . wird sicher aus Dein Befinden und Deine Stimmung wohlthätig wirken. — ... Wenn Du zufällig hören solltest, daß eine honette Zeitung einen Eorrefpondenten in Süddrutschland such«, so könntest D» mich ihr empfehlen. Innerhalb de« Buchhandel» finde ich keine Lebensmittel mehr, und muß »ich daher außerhalb deffelden Umsehen— Die Freundschaft erbte sogar auch auf Mathy'» Sohn Karl fort, wrShalb Mathy nach dem Tod« diese« seine« letzten Sohne» eine Palme, die derselbe au» Palermo mitgebracht, bei Gelegenheit feiner Reift nach Loburg zu Auerbach nach Dresden brachte und iu dessen Arbeitszimmer trug (S. 375). Wichtiger aber ist, daß (S. 226) erzählt wird, wie Mathy für einige Jahre Förderer der deutsch-katholischen Bewegung w»rde, and er drängte sogar seine» lieben Auwr Auerbach (Rov. 1845): ,Zch habe die Hoffnung (die Gottlob nicht in Erfüllung gegangen. 8 ran. d. Lorresp.) einmal mit Ihnen in der freien deutschen Kirche zusammeuzutreffen. Helsen Sie mit au dem Vau, welcher alle wackern Deutschen in einer großen und freien Gemeinschaft zu versammeln bestimmt ist. Spinoza siegt iu Deutschland im IS. Jahrhundert." Man sieht, daß hierbei zwei Fattoren thätig waren: außer dem Gewissen auch die Politik. Aach eine» anderen Juden und zwar eine» Finanzmauue« (!) wird von Freytag ehrenvoll gedacht, ohne daß seine Religio» erwähnt wird. E» ist dieser der jetzige — iu Deutschland erste jüdisch« — Minister Ellftätter. San ihm heißt es: „Der junge Ellftätter, ein Badenser, schloß sich in Berlin a» Mathy warm am. Mathy fand m der Seele seine« Land«mann« denselben inneren, reinlichen Abscheu vor Wuchergeschäften und strenge Auffassung von geschäftlicher Ehre; er ließ sich gern von ihm uych Häuft begleiten . . . . " (S. 376.) — Wer so frühere» Unrecht gut macht, wie der Dichter von „Soll nnd Haben" — dem dürfen wir Groll rächt Nachträgen, wir müssen unt vielmehr de» Fortschritte« freuen — sicher rächt de« geringsten — den Deutschland auch aus geistigem Gebiete seit einem Menschenalter gemacht hat. I Berichte und Correspondenzen. Deutschland. B Briefe aus Aerk«, IV. (Oriz.-Eorresp.) Bevor ich beginne, Ihnen eine Darstellunz von dm verheerenden und zer» störendm Wirkunzm zu geben, welche die am Schluffe deS Jahre- 1868 stattzehabte Neuwahl der Gemeindevertreter bald zeigte, muß ich einer Broschüre gedenken, welche kurz vor der Wahl erschim, von einem gewiffm Hcppner geschrieben. Es ist derselbe, der jetzt im Dienste des „Volksstaates" in Leipzig steht und vor er durch die Aenhernng, daß er daS „Taufgeld bereute". Er! wollte de» Wurf seiner treffenden Geschosse nicht durch da» Borurtheil hemmen lasse», daß fie von einem jüdischen Schützm abgedrückt waren. Allein ohne innerm Kampf, wie ihn Heine bestand, die Fahne der Besiegten und Schwachen zu verlaffen, die doch jedenfalls der Schmerz der Erniedrigung in seinen Augen hätte adeln müssen, und noch dazu ein erlogene- Bekenntniß ab» znlegm, ist für einen lautern Charakter wie Börne schwer zu entschuldigen. — Alsbald erfuhr Deutschland, daß ihm ein Schriftsteller erstanden war, der an Lesfinz erinnerte, der aber mehr als Lejfing war, weil er die Konst nicht ans einsam eifige Höhen, sondern in die Ebene» de- Lebenverpflanzte. Börne hielt den Deutsche« einen treuen Spiegel vor, in dem ihnen die verzerrten Züge ihrer versteinerten Bcrurtbeile entgegenstarrten. Wie richtig hat er diesekernige Volk mit häßlicher Rinde gemalt, bald als „GeheimrathSwaise", bald als träumerischen Hamlet, der vor lauter Dichten und Denken nicht zur Thal gelangen kann oder gar in Ungeschicklichkeit Unschuldige verletzt oder tobtet! Börne'S Witz traf um so empfindlicher, alS man in jeder Wendung die Wahrheit des Gemälde- und die Aufrichtigkeit und | Unbestechlichkeit de- Malers erkannte. Man sah es ihm an, daß | I er mit seinem „Herzblute und seinem Nervensafte" schrieb, und darum machte sein Wort, wie sckwerwiegende Thaten, einen tiefen Eindruck. (Forts, folgt.) Me Berliner Gesellschaft in den Jahren 1789-1815. von C. Hillebraud. (Rach der „Revue de» den? raoude«".) (Forffetzuug.) Fast zur selben Zeit wie die beiden Baroninnen, geb. Meyer, vertausch, ten zwei andere junge Jüdinnen die User der Spree mit denen der Donau, nachdem auch sie glänzend« Heirathen mit adeligen Herren geschloffen. Der Bauqräer Jtzig war al« ein armer Handeltreibender nach Berlin gekommen und hatte hier großen Reichthum erworben, mit Hilfe dessen er seinen zwölf Kindern eine glänzende Erzfthung hatte geben lassen. Da er außerdem Mn< selben auch ein beträchtliche» vermögen zu übergeben im Staude war, fiel e» ihm nicht schwer, seine Kinder gut )u versorgen. Seine Tochter Fanny wurde Frau von Arnstein und ihre jüngere Schwester Eäcilie wurde Frau von ESkrle«. Al» jene Wittwe geworden war, bot ihr der Fürst Earl ». Lichtenstein seine Hand, seinen Titel und sein ungeheuere« Vermögen au. und stellte gleichzeitig da» dringende verlangen, sie möge sich taufeu lassen. — Die schöne Jüdin lehme ab-). Ader dabei blftb e» nicht: ein Baron Weich» ») Der Bers. macht hier folgende Betrachtung: „Dir Barurtheile gegen