Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 1 (1870)
- Issue
- 20 (18.5.1870)
- Date
- 1870-05-18
- Page
- Seite 166 (sequence 2)
- Language
- German
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166 Der Talmud sagt: „Die Israeliten der Vorzeit wuhtm wohl, daß die Gehen nichtig seien, sie dienren ihnen nur, damit sie offen und unzescheut Unzucht und Blutschande treibe« könnten." (Sanbedr. 63, d.) So ist eS auch hier: Heß weiß «nd jenes Pärchen weiß, daß eine solche Trauung nichtig ist; gewährt und verlangt wurde sie nur, um dem Verbreche» ein Mäntelchen umzuhängen. Wie hat den» Heß die „rabbinische Einsegnung" vollzogen, in welcher Form? jinp, Heiligung — i-Xiei ntre ITC „Rach dem Gesetze Moses und Israels"?! „Nach dem Gesetze Gottes"?! „Zm Namm der Religion"?! Jedensalls doch als eine« reli» giösen Act (bürgerlich war ja alles schon in Ordnung). Welch' ein Hohn! Ist das nicht, wie wenn einer das Schächtmesier „stellt", den „Segen" spricht und so auf „rituelle" Weise ein — Schwein schlachtet?! Aber warum machen wir von diei'er Geschichte so viel 8ns« Hebens und ereifern uns darübw mehr, als über hundert andere flagrante Uebertretnngen klar ausgesprochener biblischer Gesetze? Weil es sich um das Höchste und Heiligste, um die Heiligkeit der Ehe und der Familie handelt. In seinem Sendschreiben über die Synode hat Prof. Grätz davor gewarnt, daß man an die Ehezesctze rühre, weil das zu einem Schisma führen müsse. Nichts kann klarer sein; und doch — wir wiederholen es, ohne auf Details eingehen zu können — ist da von solchen Attentaten, wie das von Heß begangene, gar keine Rede gewesen. Sehen wir denn einmal die Gründe an, die nicht-würdigen Phrasen, durch welche in dem Schreiben, welches wir abgedruckt haben, das Attentat, die reim, beschönigt werden soll, heben wir den dünnen Schleier von dem >171 UTK TOD. Heß nennt das betreffende Verbot ein „Ritualzesetz, an welches das Judmthum der Gegenwart nicht mehr — gebunden ist". Steht daS Verbot nicht auf demselben Blatte mit den andem „Ritualgesehen" über die verbotenen Ehen, z. B. in Kap. 18 zwischen Schwiegertochter und Stieftochter? Was sollte Heß hindern, jemanden mit der Tochter seiner Frau oder der Witnve seines Sohnes zu trauen? Oder mit seiner Stiefmutter? Es sind ja so romantische Verhältnisse nicht nur denkbar, sondern auch vorhanden, in denen ihm eine solche Verbindung einseznenswerth erscheinen wird. Mit dem Staatszesetz kommt man schon zurecht, findet schon ein Pförtchen. Welch' ein Fortschritt, welch' ein Triumph freier Anschauungen, wenn beute der Vater die zu jugendliche Gattin dem Sohne abtritt, morgen das Umgekehrte v. v. stattfindet, heut eine Mutter der Tochter gegenüber dem Gatten entsagt, morgen umgekehrt, und sie wallen nach Eisenach und Heß segnet die Herzensbündniffe! . „Diese mosaische« Bestimmungen^ faßt Heß, „müssen kritisch und geschichtlich aufgefaßt »erd«". Kritisch? Ist der Bert Mzeschoben, uutcht? Wcäum nicht das ganze Kapitel? Hinweg mit dem ganzen Plunder, herunter mit der Fessel, frei wie-. Und „geschichtlich" ließe sich das so schön darthun. In der Urzeit (da doch Heß die Geschichte von Ada« und Eva gewiß für Fabel hält) gar kein Eheband, dann einige Beschränkungen, aber bei Persern, Egyptern, Griechen noch so vieles erlaubt, dann die strengen Gesetze MofeS, dazu die „zweiten Grade" der Rabbiner, die katholische Kirche verbietet noch weit mehr, seit der Reformation geht die Entwickelung wieder vorwärts, die Ehehinderniffe werden allmählich gehoben und gemindert, bis — wir wieder in den glücklich« Zustand komm«, den Maimonides im ersten § der Hil. Jschuth zeichnet, und daS Fleisch emancipirt ist. Große, starke Geister haben längst daS erstrebt, und Heß „hat gezm die rabbknssche Einsegnung fest» Bedenken", nur — daß eben rabbinische Einsegnung nöthig ist. Form muß gewahrt werden. Ordnung muß sein, und dann die Gebühr«! — Aber er redet auch von „unsem hmtigm sittlich« Anschauung«". Sie find in der That sehr streng in Beziehung auf das siebente Gebot! „Unsere Ansichten" — wessen? de- Publikums, welches jedm Morgen zum Frühstück SmsationSnachrichten aus der hohen, mittler« und nieder« Sphäre mit Behagen liest? Gehört Heß auch dazu? Wenn eine Meffalina von ihm rabbinisch ringesegnet sein will, es widerspricht wohl nicht „unfern heutig« :c. x.“ Er wird sie ohne Zweifel ttanm und recht salbungsvoll „meine Schwester" anreden. Und man preist den greis« höchstfreisinnigm Landrabbiner von Essmach! Heß ist der erste bestallte Rabbiner in Europa gewes« (wir irren wohl nicht), der ttNNittl ,11122 >H1p wissentlich, OVZrb getraut hat; er ist ein alter Mann, er hat dem GotteSgefetz auch noch diesen Schlag ins Gesicht gegeben, er hat wahrscheinlich Freude empfundm, daß ihm Gelegmheit geword«, auch das noch zu erleben und zu thun. „Nicht jeden Tag ereignet sich ein Wunder." Heß ist der erste gewesen! ES gibt Namen, die HWI1S1 pi2 sind. Fragt nach in Fr., da könnt ihr hören von rücksichtslosem Zerstörer, auch von >121N1 *)JOO. Oie Leute find dem Namen nach wenigstms an die rechte Adresse gekommen. — Wir müssen unS mit dies« Hieroglyphm begnügen, es leben noch gmug Person«, die sie ohne Mähe d«tm können. — Wenn aber wieder eine Synode Zusammentritt, ob Feuilleton. Arber Körne und Heine. Bon Professor Dr. Graetz. (Fortsetzung.) Was in Börne in d« Jahren der immer steigmL« Reaktion geg« die Jud« gewogt hat, legt er einem jüdisch« Offizier in einem Roman in dm Mund: „Ihr habet wir die Spiele der Kindheit gestohlen, ihr schlechten Schelme! Ihr habet mir Salz geworfen in den süßen Becher der Jugend, ihr habet die tückisch« Lerlämndnnz und den albernen Spott hiugestelll auf den Weg des Mannes, — abhalten kenntet ihr mich nicht, aber müde, verdrossen und ohne Freudigkeit erreichte .<f> das Ziel.Daß mir die Rache nicht einmal geblieben, baß ich rickt Kraft habe zu vergebt», und nicht Ohnmacht genug sie zu züchtigen: Ich kann sie nicht erreichen iu ihrer Fuch-höhlc. ... Du fragst mich, warum ich mein Baterlaud fliehe? Ich habe keine-, ich habe die Fremde noch nicht gesehen. Wo Kerker sind, erkenne ich meine Heimath, wo ich Berfolgung find«, athme ich di« kost meiner Kindheit. Der Mond ist mir so nah wie Deutschland." Anstatt Rache zu nehmm für die Wunden, welche der deutsche Judmbaß ihm und sein« Stanimzenossm schlug«, unterzog sich Böme der schwer« Aufgabe, dies« Haß verschwind« zu mach«, indem er an die Veredlung des dmtschm Volke- Hand anlegte, lkr erkannte richtig, daß der deussche Judenhaß nicht etwa- Zufälliges und Vorübergehendes sei, nicht vom Glaub« oder Bortheil abhange, sondem in dem Wes« des Volkes begründet sei. „Er zeugt von bös« Säften" in dem sonst gesund« Wes« des Volksorganismus. Alle die groß« Kehler, welche die Vorzüge der Deutsch« verdunkeln und msstellm, wollte Böme ttlgm oder wmizstmß milde«. Ja, der Jude untemahm nichtweniger, als das deutsche Volk zu erzieh«. Er wollte ihn« die Unart« abgewöbnen und Gefühl für Freiheit, ManneSwürde und Selbstachtung einflößm, mit einem Worte, eS mündig mach«. In der „Waage", seinem Organ, stellte er Ideale auf und maß daran die kleinlichen Zustände und Vorgänge der Dmtschm, ihr« eng« Gesichtskreis, ihre Pedanterie. Lachend sagte er ihn« Wahrheit«, wie sie sie noch nie vemommm. Ehe Louis Baruch dm Kriezszug geg« die dmtschm Fehler und Vomttheile untemahm oder, richttger, ihre Erziehung übernahm, ttat er auS dem Judmthum auS, ließ sich in Offmbach tauf« und nahm dm Nam« Karl Ludwig Böme au (5. Juni 1818). Wie wenig ihm das christliche Bekmntniß war, bekundete