Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 1 (1870)
- Issue
- 18 (4.5.1870)
- Date
- 1870-05-04
- Page
- Seite 154 (sequence 6)
- Language
- German
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(M«meinb«n selbst sich Stimme» für dal Auteinaaderfall« erheben würden—. Aber — di« Rückwirkung auf die ähnliche», ja noch wettergehende» Einrichtungen anderer ReligtonSgenoflenschaften dürste nicht ausl leiben, :md dal hieße doch bei jenen Herren in ihr eigene» Fleisch schneiden. Wa» wir also nicht von ihrem Wohlwollen, dürfen mir wohl von ihrer Klugheit erwarten. □ Mannheit», 24 April. (Orig.-Corresp.) Sie haben schon mehrere Mal der jüdischen Wirren in Baden gedacht, die in Folge de» bekannte» Beschlüsse« de» großherzoglichen Der» «altung»hofe« herbeigefühtt wurden. Dem unsern Berhältniss« Fernstehenden dürsten die Zustände der badischen Juden indeß dunkler erscheine», al» fie e» in der Thar sind. Wer die Zustände der badischen Juden nach der politischen und socialen Serie betrachtet, der bat vollauf Grund sich von Herzen zu freuen. Bei ua» find dst durch die Verfassung verbürgten Rechte der Juden kein leere» Stück Papier, noch können dieselben durch die Umtriebe der llltramoiitanm, die in Baden ihr permanente» Lager aufgeschlagen haben, in Frage gestellt werden. Al» vor einigen Jahren die Regierung zum ersten Male einen Gesetze»- entwurr vorlegte, der die volle Gleichberechtigung der Juden bezweckte, und dieser fast einstimmig von den Kammern genehmigt wurde — auf dem PetitirnSweze wurde dieselbe seit 30 Jahren vergeben» angestrebt — und al» die Regierung in aufrichtiger Weife die Emanzipation durchzuführen begann, da schrie die katholische Bevölkerung, die fast zwei Drittheile de» Lande» au»- macht, daß da» Ende der Welt nahe sei. Und wie steht e» heute? Bei Ernennung der Julien zu hohen StaatSämtera wundert fich Niemand mehr, denn man hat fich allmählich an die Sache gewöhnt. Außer dem Finanzmunster Eüstätter — fö viel wir wissen dem ersten jüdische i Minister im freie» Deutschland — giebt e» bei uns jüdische Staatsanwälte, Krei»- und Hofgericht»rätbe; kurz in allen Chargen de» öffentliche» Staat»- leben» find« Sie jüdische Beamte die da» volle Verstauen der Regierung und de» Volke» besitz m. Al» nach Mathy'S Tod Ellftätter an dessen Stelle kam, dc erlebt« wir die gewiß noch nie dagewesene Erscheinung, daß ein hoher katholischer Beamter aub Freiburz ein offenes Sendfch eiben an diesen richtete und ibn um Schutz und Beistand bat für die nach seiner Meinung unterdrückte katholssche Kirche. Ja dieser Broschüre findet fich u. A. folgender Satz: „Vergessen Sie, hochgeehrter Herr, der Unterdrückungen, die unsere Kstche den Bekennern Ihrer Religion in früheren Jahrhundert« zufügte, nehmen Sie Sich derselben als unparteiischer Mann an und lassen Sie das als Sühne für da» begangene Unrecht gelten, daß Ihnen heute ein Katholik flehentlichst naht und von Ihnen Schutz für seine Kirche fordert." Gewiß wird mancher Leier denken: Wie haben fich doch die Zeiten geäudert, wie find die Rcl en gewechselt! — Die bürgerliche Gleichstellung hat im Volke gute Früchte getragen; die Vorurtheile, die fich hie und da noch bei diesem fanden, find verschwunden und dü Uebereiastimiaunz des Volke» mit den Bestrebungen der Rezienmg fand ihre» schönsten Ausdruck in der Errichtung konfessionsloser Volksschulen, bei deren Verwaltung und Leitung die Juden in demselben Verhältnisse betheilizt find, als die übrigen Confesfionen. Hier wird gegenwärttg eine derartige Schule für 3000 Kinder eingerichtet, an welcher 6 — 8 jüdische Lehrer anzcstellt werden, die — Herr v. Mühler würde fich entsetzen — in Geographie, Geschichte, Naturwissenschaft und Mathematik unterrichten. Für den Religionsunterricht sorgt jede Coufe sion. Die Lycem und Gymnasien unsere» Landes waren bis jetzt confesfionelle Anstalten, da sie zum größten Theil au» kirchlichen SttstungSgeldern gegründet wurden. Um den dadurch ensstaudenen Widerspruch mü den Volksschulen auSzugleichen, nakm die Kammer in ihrer letzten Session ein Gesetz an, nach weichem die Anstellung an den Hähern Lehranstalten Jedermann ohne Unterschieb der Eonfeffio« ena»glicht ist. Auf unserer Hochschule in Hetbelberq doetr« 6 jüdische Professoren, darunter zwei ordentliche sowie «ehr« jüdisch« Prtvatdocmt«. Sie sehe» also, daß wst i» vergleich mit den Verhältnisse« der Jude» in Preußen um mehrere Decennten voran» find, obgleich Ihr Premierminister di« Behauptung ausgestellt hat, daß Preußen den Süddeutsch«» zu liberal sei. — Aber auch in religiöser Hiuficht liegt kei» Grund zur Klage vor. So sehr auch der bekannte Beschluß de» LerwaltungShofe» mit seine» Eousequenzen nach einer Geste zu beklagen ist, so hat er auch wieder da» Gute für fich, daß er den Gemeinde« die volle Autonomie gewährt, die ihnen bisher durch die jüdische Eenstalbehörd« verkürzt wurde. Der Stand der jüdischen Gemeind« de» Lande» ist «in durchaus befriedigender. Wst haben hier eine Mustergemeinde, die weder Ssteit noch religiöse Parieisucht kennt. E» exsststt hier eine groß« Gemeinde- Synagoge, die alle Mitglieder vereint. Der Rabbiner der Gemeinde, vr. Friedmann, versteht e» sowohl durch sei» persönliche» Auftreten al» durch seine Predigte«, die fich durch die Gediegenheit de» Jnhast» und Schönheit der Form auSzeichnens die Einheit der Gemeinde zu stärken und den Sion für alle» Rckigtöse zu wecken. Wa» dst zahlreichen jüdischen DohllhättgkeÜSanstalte«» der« unsere Stadt viele besitzt, betrifft, sowst nähere Detall» über dst Zustände unserer Landgemeinden, darüber werde ich Ihn«, fall» Sie mir in Ihrem werthm Blatte ein genci'g-cS Ohr schenken*), in meinem nächsten Briefe berichten. 6 Au» der Provinz Hfose«, April. (Orig.-Corresp.) Nach langem Widerstreben hat endlich der CultuSminister der freier« Zeitströmung und unserem gut« Rechte seine Anschauung besteff» der Jnspektstn über jüdische Schul« zum Opfer bring« müssm. (Wir Hab« über da» Reskript berett» berichtet. Red.) — Ihre Correspondenten au» der Provinz Hab« unsere Zustände viel zu schwarz geschildert. Ueberall nämlich, in klein« «st iu groß« Gemeind«, blicht sich dst bessere Anschauung Bahn und sofern die Geldmitstl der Gemeinde e» irgendwie gestatt«, strebt man zeitgemäße Rabbiner und Cantorm anzustelstu, Verbesserung« de» Cultu» einzuführm und Mißbräuche abznstellm. Allerdings muß in unserer Provinz, wo die Bildung nicht allgemein, sehr besonnen vorgegangen werdm, da» Bessere verlangt Zeit zu seine« Gedeih«, im Sturmschritt erreich« wir gar Nicht» oder stürz« dst Gemeinde in Zerrüttung und Zersplitterung. Ein größerer Grad von Cultm bei dm Alt« und größere Fürsorge für d« Juzmdunterricht, da» wärm dst Mittel, durch wckche wir rascher vorwärts komm« könnten. Oesterreich. Zkrng, 24. April. Vergangen« Donnerstag starb plötzlich der zum Besuch in Wien anwesmde bekannte RechtSlehrer Hr. Wolfgang Wessely, Professor an der hiesig« Universität. Sr ist zu Trebitsch ia Mähren im Jahre 1801 geboren, der Sohn eine« Arrendator», der fßr den jungen Solfgang di« RabbinerLanfbahu bestimmte. Nachdem W. die jüdischen Studie» vollendet hatte, ging er al» I »jähriger ltnabe nach Prag, absolvirte da» Gymnasium, die philosophische» und RechtSstudieu uud wurde 1828 zum Doctor der Philosophie und der Rechte promovirt. Bald darauf erlangt« er die Stellung eine» jüdischen ReligiouS-Profeffor» iu Prag, die er bi» zum Jahre 1859 betleidete. I« Jahre 1848 reiste er im Aufträge der österreichischen Regierung nach Deutschland uud Belgien, um die Einrichtungen der Schwurgerichte zu ftndiren und darüber zu berichten. Rach Weffely'» Borschlägen wurden damal» dir ersten Schwurgerichte in Oesterreich eingeführt. In derselben Zeit lehrte er al» Privatdocent am Earolinum Recht»philosophi« uud österreichssche» Strafrecht, erhielt daun im Jahre 1852 da» Decret al» außerordeullicher Profeffor der Prager Universität und wurde im Jahre 1858 zum ordentlichen Profeffor de« Strafrecht«, Strasprozesse» uud der Recht»philosophie an dieser Universität ernannt. Weffely war der erst« und bi» ia die neueste Zeit der einzige Jude, welcher in Oesterreich zur ordentlichen Profeffnr an der Univerfität gelangte. Seiner Zeit machte di« Ernennung Weffely'» (Red.) •) Mit Vergnügen