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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1870-05-04 · 18 (4.5.1870) · p. Seite 150

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
1 (1870)
Issue
18 (4.5.1870)
Date
1870-05-04
Page
Seite 150 (sequence 2)
Language
German
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\. .»a >?f den veberftürzende» zugerufen haben: „haltet ein, ihr arbeitet einem Säbelregttnent, der Reaktion in die Hände"^^ h<,i man (wir könne» nur »icht gleich wörtlich «>h n«nentlichMren) denjenigen, welch» neue Religionen oder Klrch« »ihn« Pde positiv« Grundlage schaßen wsllten, so hat nt« den Negir«« aller Religion zugerufen: „ihr arbeitet für die kirchliche Reaktion und für die Jesuiten!" Den» dir Religion bleibt dcch ewig Bedürfntß d« Herzen- und Erfordernih de» G>üsteim Menschen; der Einzelne mag sich damit nach Belieben abfinden, da» Volk aber will und braucht Religio» und zwar im guten echten Sinn, nicht al- Schreckbild, Fefiel oder Gängelband — und daraus folgt, daß. wenn man dem Volke sagt, zeigt', oder sagen und zeigen kann: „seht, man will euch <8ott, Religio», Gebet, gottesdienstliche Form, Glaube an das Höhere, Hoffnung für )ie Ewigkeit rauben" — so wird es sich ab-, sc wird e» sich gegen ne Gegner der Religion wenden und dm Priestern in die Arme stürzen. Daß nun die streitende und triumphirende Kirche, daß daS Uebermaß der Orthodoxie wieder die Keindfeligkeit gegm die Religion, Materialismus und Atheismus weckt und fördert, ist natürlich. ES ist, wie wenn zwei elastische Bälle auf einander tteffm: je kräftiger der Stoß, desto Wetter prallen sie zurück; man kann nicht ent-! scheiden, wer da treibt und wer getrieben wird.! Die Anwendung dieser Erörterungen auf die Verhältnisse I de» JudenthumS und m demselien liegt nahe. ES gilt, die \ Macht der dem Judenthum in erbitterter Feindschaft gegenüber- > stehenden Parteim ««der zu unterschätzen noch zu übersehm, eS | gilt die Erkenntniß, daß nur Religion, nicht Unglaube dm | ultramontanen Fanatismus und das prctestanttsch« Muckerthum j bekämpfen kann» eS gilt die Parallele, daß auch in unserer Mtte j ein Extrem da» andere bervorgerufm hat, daß mancher Fcrtschrttt ' längst ohme Kampf und Widerstand geschehen, manche» veraltete! beseitigt und manche verbeffermig in allfertigem Einverständniß durchgeführt wäre, wenn nicht daS Ueberstürzen fanattschm Widerstand geweckt hätte. Doch alles dieS sagt sich der Leser selbst, und noch manches andere daran sich Knüpfmde überlafsm wir seinem eigmm Nachdenken; eS lam unS vernehmlich darauf an zu zeigm, daß die Frage: wie find die Rückf worden? nicht so vorüber Hand gewhlfm vielsitch'gcsGtht. .ckschrittt ritte möglich ge» darf, wie e» Was will man van uns? von vr. Cohn-Bielitz. ,D>ie Zeiten Lodern sich und wir mit chnen" «einte edi alter Römer. In Rom aber auch? wäre man geneigt fragen, in der „ewigen Stadt", in deren Mauern »vr wenigen Lagen ein neuer »Ewiger Jude" unter dem Bilde eine» „israelitischen Brüderpaaret" erstandet»? FaMle Ironie! Die Finna Lemann leeren, vielleicht stolz darauf, mit dem Jndenthume abgerechnet zn habe«, macht seit Jahre» nnr in „Lonvertirteü" ond muß sich nun von dem »bersten Borgesetzten „ihrer fftrtbt" ans einen vermeintlich längst überwundene» Standpunkt zorückdräage» lasten, an welchea es sich von einem ehemaligm Blaubensbrnder ohne heftige Entgegnung wohl nicht einmal erinnern lasten möchte:-„Siehe da, die beiden israelitische» Brüder!" Nllerdiog», wer auch mir einigermaßen zwischen de» Zeilen z» lesen versteh«, fühlt an» dieser gewählten päpstlichen Lnrrde noch eia ganz Andere» heran«; sie ist gleichsam «in »ppell an da» gesammte JudeMhum, um beste» Bekenner» an dem gegebenen Beispiele zu demoastrirra: Reh« nur den Karholizi»mu» an, Ihr könM ja dennoch Israeliten bleibe»! «ott sei Dank! da» heutige Judeuthum steht auf einer genügend hohe» Linse geistiger Entwickelung und wissenschaftlicher Bildung, um zu gewistea Texten sich selbst Jnterlinearverstoueu machen z» können. Aber gleichwohl dürste e» in diesen Tagen gerade an der Zeit sein, gewiffermaßen al« ein« Illustration zn dem gegeuwärtigen Borgeheu Rom« ei» bezügliche« «tat au» eine» Buche de« römischen Alterthum» zur allgemeine» Kenntniß zu bringen, um an ihm zu zeigen, wa» man nicht schon Alle» in dem »och jetzt alter« thümliche» Rom von den Juden gewollt und wa« man ihnen, wenn auch in Widersprüche verfallend, augedichtet hat, ehe *» noch ein eigentliche« Papstchnm gab, ehe noch di» Seseroth« u»d Goluthbriese de« Mittelalter« d»S« jeui ge Bolk in seiner Existenz bedrohtr», von welchem e» unter obvermel» deten Umstände» kia IX beliebt seine» eigenen Ursprung abzuleiteu. Horaz, unter den altrömischm Dichtern derjenige, der nicht »ine irv et »todio die Juden zur Zielscheibe ganz unberechtigter und, wett nämlich an den Haare» herbeigezogener, ungehöriger Witzeleien macht, zeiht st» in de» letzte« Versen feiner 4. Satpre — außerordentlicher Bekehrungäsucht. - Run, daß an chnen zu allen Zeiten nicht» weniger al» Prost lptenmacherei zu radeln, weiß wohl Jeder, der mit unbefangenem Blick» J«rael'« Religion»« gesetz und seine national« Geschichte betrachtet. Aber — jene Beschuldigung Feuilleton. Heber Körnr und Heine. Bon Proseffor vr. Graetz. - (Fortsetzung.) Börne'S GeburtSstadt Krerkfurt mit ihre» schmachvollen Judenstättigkeitsgesetzen war die bette Schule für ihn gewesen, die Freiheü lieben zu lernen. A!S er noch als Knabe auf feinen Spaziergängen in Frankfurt den Fußweg nicht betteten durfte, sondern den staubigen Fahrweg «»halten mußte, jeder zerlumpte christliche Bettler oder Trunkenbold ihm zurufen durfte: »Mach MoreS. Jud!' und er hatte gehorchen müssen, um nicht in entwürdigende Strafen zu verfallen, da mag der Gedanke über ihn gekommen sein, daß Unfreiheit Terdammniß und Freiheit Seligkeit sei. »Weil ich als Knecht geboren, darum liebe ich die Freibeit mehr als ihr, ja weil ich die Sklaverei gelernt, darum liebe ick die Freiheit besser als ihr', das wiederholte er oft. Auch sein vielbewunderter Styl, die fesselnde Darstellungsweise, die er zur Vollendung brachte, dic sich in tiefsinnigen und abgerundeten Sentenzen zuspipt, erimiert an biblische und talmudische Spruchweisheit. Kurz, die Lichtseiten in Börne's Wesen hat er dem Jutentbum zu verdanken. Er n>ar aber nicht dankbar dafür, er vertannte es und stellte es -den so niedrig, wie seine Berliner Freunde. Er sprach es zwar eirmal auS: „Ich wäre nicht wetth da» Licht der Sonne zu genießen, wenn ich die große Gnade, die mir Gott erzeigt, mich zugleich ein Dru^cher und eia Jude werden zu lasten, mit schnöden. Undanke bezahlen würde, »ege» eine» Spotte«, den ich immer verachtet. Den» ich weiß da» unverdiente Glück za schätzen, zugleich ein Deutscher and ein Jude zu sein, nach alle» Tugenden der Deutschen streben zu könnm, und doch keinen ihrer Fehler zu «heilen." Er fügte auch noch, die Deutsclten anredend, hinzu: „3$ bitte Euch, verachtet mir meine Juden nicht. Wäret ihr nur wie sie, so wäret ihr bester. Ihr habt den Jut en die Lust genommen, aber da» hat sie vor Fäulniß geschützt, ihr Hab: ihnen da» Salz de» Haffe» in'» Herz gestreut, aber da« hat ihr Herz frisch erhallen. Ihr habet sie de» ganzen langen Winter in einen lkeller gesperrt and da» Kellerloch mit Mist verstopst, aber ihr, frei dem Frol blobgestellt, seid halb erfroren. Wenn der Frühling kommt, wollen wir sehen, wer früher grünt, der Jade oder der Ehrist." Allein Börne glaubte selbst nicht an die Kernhastigkeit der Juden und sprach jene Worte nur im Aerger oder zum Aerger der Deutschen aik.s Zur selben Zeit sagte er auch ironisch: »Sie wissen, wie mein Herz für die Juden schlägt!' Wiewohl mit einem Feingefühl für Wahrheit begabt, hatte Börne doch nur einen beschränkten Gesichtskreis. Sein Blick reichte nur für das Zunächstliegeude und Praktische und vermochte nicht immer Schein von Wesen zu ilnterscheiden. Die Erkenntl niß floß seinem Geiste nicht übersttöinend zu, wie Heine, sondern er mußte sie aufsuchen, und was außerhalb seines Herzens lag, war für ihn nicht vorhanden. (Fottsetzung folgt)

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