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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1870-04-13 · 15/16 (13.4.1870) · p. Seite 130

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
1 (1870)
Issue
15/16 (13.4.1870)
Date
1870-04-13
Page
Seite 130 (sequence 6)
Language
German
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130 geklagt. Darum müssen mir endlich aafangen, bei Beurtheilung der Aacheraoge» über Inden imd Iudenthnm aicht von unserer Cmpfindlichkeft aa* leite» zu lassen, sondern nach de» genannten Kriterien t» unterscheide». Wen» ei» Manu wie vircho« gegen da« ssudenthum als solche« eine» ungerechtfertigte» Borwurs erhebt, der geeignet ist dasselbe in der Lchtuug der Uokandige» — und bol sind in diesem Falle nicht die Ungebildete» — herabzusetze», so find »ir »rrpsüchte«, den Borwurs dnrch tdatsächlich« Widerlegung zurückzuweiser. obgleich sehr Biele» bei diesem Manne da« Rischu* und die Absicht, da» Judenthum herabzusetze», zweifelhaft erscheinen dürste. — Wenn Herr o. Mühler de» Juden ihr verfassungsmäßige* Recht verkürzt, wenn Richard Wagner und die Kreuzzeitung über Berjüdelnng der Musik und de« Preußische» Staare* klage», so ist da« Rischu« «nßer Frage, denn in de» meisten Fälle» ist der »niwu, vorhanden, während dir Wahrheit fehlt. Wen» dagegen Herr Hugo Müller in einem qnaai- I Leben«bilde einen harmlosen Witz über den Handel«judr», der in seinem : Liser ei» Geschäft zu machen Le» Handel mehr betont al» da« Recht, sich gestattet, so holte» wir die« nicht für Rischu«, denn -« dürste Niemandem gelinge», hier.die klbsicht zu kränken uachzuweisen »der den Bewei« der i völlige» Unwahrh-it zu liefern. IS« wird ebensowenig Jemandem eiusalleu, | Rath«» de» Weise» wie diese» Handel« uden de« Müllersche» Couplet*! al» Bild der Gesammtjodenheit zu betrachten. Weit bedenklicher aber erscheutt die Beruuglimpfung de» jüdische» Ramen« i» der heutige» Belletristik. Biele modern« Romanschriftsteller betrachte» de» Juden uämüch al« eine pikante Znthat, Lurch welch« sie ihre Machwerke eiuigermaßeu schmackhaft zu machen versuche», womit sie fteilich dem Geschmack« ihre« V Llikum» lei» Compliment machen. Zn den Ungehenerlichkeite» and wehr al« romanhaften Unmöglichkeiten, an welchen dieser Zweig der modernen Literatur leidet, gehört auch di« Charakteristik der Inden. G» ist ein« eigenthümliche Grscheiaung, daß jene Herren von den Zustände» Indien» und dem Charakter seiner Bewohner ein« größere «enutniß entwick-lu, al» von de» neben und mit ihnen lebende» Jude», wenn mau nicht eben anuehmeu will, daß ihr« Darstellung aui absichtlicher Berte, mag beruht. — Wir müsse» un» fteilich auch hier vor allzugroßer Lmpfinolichkeit hüte». Di« Jude» bilde» einen aicht zu iguorireude» Theil »er moderne» Gesellschaft, e« giebt fast kein Gebiet de» öfiemlchen Lebe»«, an welchem sie mcht einen zu berücksichtigenden LutheU hätte»; sie gehören darum in va« Bild der Gegenwart und müssen et sich gefallen lasse» in demselben zu erscheine», wie sie an Leib und Lebe» sind, wen» «* dem Photographen, dem Charakter- »der Geuremaler geftlllt et» solche« z» «ntwechW. Aber auch nur wie sie in Wahrheit sind, »nt lebeu«tr«uer Berthrilaug von Licht and Schatten I Die Herren Romaaschriststeller aber, auch di« vom schöne» Geschlecht, tauche» ihre Feder, sobald dieselbe mit de» j Jude» sich befassen soll, in dt» duukelstr» Tinten, suchen die Fehler nud Schwäche» derselbe», die wahre» und di« angedichtet«», an« de» entlegensten Winkeln hervor und übertreibe» dieselbe» ans di« widerwirtigsi« Art z» Karrikatnre», welch« jede» gerecht«» Sin» «mpöre» müsse», während sie für die gute» und löblichen Ligeuschaftea keine» Ranm in dem Rahme» ihre« Gemälde« finde». — Mörder, Räuber nab Spitzbuben könne» sie nicht an« ihnen mach«», da« würde essektlo« sei», den» »ich» bloß die Statistik »ad die Zuchthäuser beweise» es, sonder» auch die unerfahrenste» Romanleser wissen daß ei» jüdischer Räuber »der Mörder zu de» äußerst seltene» *»*• nahmen gehört und daß die jüdischen Diebe ein« gering« Minorität bilde». Sa« thuu sie denn? Sie bemächtige» sich de« eine» Gebiete«, wtlchem di« Achillesferse der Inden ihre Spure» eingedrückt hat: de« Handel«, mit Allem, na* damit im Zusammenhänge steht. I» unzähligen Variationen wird von den verschiedeustea Romancier« immer dasselbe Thema bi« zum Ekel «iedergeiäut. Immer wieder der Handel und der Wucher und der au« demselben gewonnene Reichthum »ad der mit diesem getriebene Lnzn« und die auf demselben beruhend« Ansdringlichkeit »nd Prätensio» mit alle» Lächerlichkeiten und Gemeinheit«» de« Parvenüeuthum». iS« ist ja bekannt und wir habe» Alle so viel Selbsterkenntniß, um <« einzusehe», aab genügende» Freimnth, um e« eiuzugeftehen, daß die freiere politisch« Stellung, deren wir un» sei« mehrere» Deceanie» erfteur», auch manche« Karrikatnreuhafte iu unserer Mitte erzeugt und au da« Licht der Oessentlichkrit gebracht har. Da ist in erster Reih« die Sucht i» äußerlichem Prunk z» glänzen und sich vorzudrängea, um überall dabei zu sein und wo möglich eine Rolle in aichtjüdischeu streifen zu spiele». Dir Geschichte bezeug», daß übertriebener Luzu« und die Sucht, öffentlich mit dem Reichthum z» prnnkrn, den Juden die bitterste« Verfolgungen zngezogeu. Tritt dann zn diesem Bestrebe» nach össeutlicher Geltung der Mangel an der hierzu unentbehrlichen Bildung und gesellschaftliche» Gewandtheit, so entsteht ein« Di»harmonie, di« an sich starrikatur ist. — Aber di« Geschichte »nd di« Grfahrnng unserer Tage befugt ebenso unwiderleglich, daß di« jüdische» Reiche» trotz aller dieser Schwäche» dennoch da« Herz oük der rechten Stell« habe», daß sie mit drrselbe» luxuriösen Splendiditä« Wohlthätigkeit übe», und trotz ihrer hochfliegenden Pläne in Bezug auf gesellschaftlich« Stellung ihre» Urspruug und ihre arme» Brüder nicht verleugne». — Wal thuu nun aber di« Herren Rvmanschreiber? Sie zeichne» mir viele« Behage» und wenig Witz «ine reiche Judenfta», di« an jedem Finger ei» hälbe« Dutzend Ring« trägt, ihre» Reichthnm an» jeder Falte ihrer kostbare», aber höchst geschmacklose» Toilette schillern läßt, in jeder Minute zehnmal dt« reich« Fra» hervorkehrt und dabei die ärgste» Verstöße gegen di« Grammatik »nd die gesellschaftliche» Forme» begeht. Daß aber Lieft reich« Fra», die, wen» sie wahr geschildert ist, doch jedenfall« hentzntage zn de» seltene» Au«»ahme» Trotz dieser ziemlich rechtlosen Stellung nimmt ihr Wohlstand von Jahr zu Jahr zu. Während Maltzan 1852 als Verkäufer iu de» BazarS noch lauter MoSlim sah, fand er sie jetzt durch Juden vertreten. Auch au Zahl nehmen sie zu» während die Araber abnehmm, und so dürfte» sie allmälig daS arabische Element überwachsen (?). Seit die Regierung die Juden nicht mehr zwingt, sich auf ihr eigenes schmutziges Stadtviertel, die HLra, zu beschränken, haben sie sich zahlreich in allen anderen Stadttheilm niedergelt.,fto. Die Regierung selbst verwerthei sie bei allen finanziellen Operationen mit Vorliebe, denn die Araber zeige» sich im administrativen Fach« von einer völligen Unfähigkeit, und Europäer will der Bey zu solchen Aemtern nicht nehmen, weil sie nicht unter seiner Gerichtsbarkeit stehe«. Bei Maltzan'S Anwesenheit bekleidete ein Jude den hohen Posten eines FinanzverwalterS, ein Amt, das den Titel Kayid gewährt, welcher in keinem andern arabischen Lande von einem Jude« geführt wird. Die Juden zeigen sich (nach Malyan's Schilderung) civili» fationSfähiger, als die Araber. WaS sie sich von Wissen anzu» eignen vermögen, daS lasse» sie gewiß nicht unbenutzt. Der deutlichste Beweis dafür ist der zahlreiche Besuch der Schule, welche der anglikanische Judeamissionär in Tum« gegründet hat. Ueber zweihundert arme Judenkinder, sowohl Knaben wie Mädchen, werden hier unentgeltlich unterrichtet, und zwar nicht nur in der Religion, sondern auch iu allen möglichen Elementar» Wissenschaften. No« ist aber dafl Merkwürdige, daß diese Kinder, »,» sie von nützlichen Elementargegenständrn lernen, begressen und auch behalten, alletu waS sie von Katechismus und neu» testamentlichm Sprüchen mitlernen mußten, vergeffm sie. Bekehrt ist noch kein Kind audieser Schule hervorgeganzen. In den religiöse« Eeremonieu folgen die tunifischeu Juden dem spanischen oder portugififchm RituS und sprechen auch demgemäß da» Hebräische auS. - Bon dem Gottesdienst in dm verschiedmm tunifischm Sy» nagogm gibt unser Reifender eine Schilderung, welche auf eium gänzlichen Mangel au Feierlichkeit schließ« läßt. „So lange die Gesänge dauern, erlaub« sich die Knabm allerlei Schabernack im Tempel, ohne daß e» Jemand rügt; die Säuger selbst sind zerstreut und scheinm ihr« Geist Gott weiß wo zu haben, nur nicht in dm heiligm Büchern, der« Inhalt sie in näselndem Singsang vorttazen. Höchst eigenthümlich kam mir auch die Art «nd Weise de» Predigers vor. Der Oberrabbiner, mtt einem rothen FeS (ohne dm Turban), jmem Respectzeichm im Orimt, und einem sehr bunt« "Anzug geschmückt, saß vor einem Tisch» auf dm er beide Ellmbogm und auf diese sein Haupt gestützt hatte, und hielt in dieser Stellung einm Dorttag, welcher mehr der scherzhaft« Deklamation eine» unserer Humorist« glich, als einer Predigt. Er sprach arabssch, und zwar mit einer ganz außerordmtlichm Volubilität. Er sprach von MoseS «nd Aron, aber die Art und Weise, wie er von ihn« sprach, fchim diese» erhabmm Gegenstände» durchaus unwürdig. Er liebte e» besonder» polemssche Anspielung« zu mach«, und legte dm Gegnern feiner Ansicht so seltsame Paradoxen in dm Mund, daß sie die ganze Gemeinde zum Lach« htnrtssm. Überhaupt glich die ganze Predigt mehr einer scherzhaft« DiSrussion, zu welcher jeder der Anwesmdm sein Scherflei« beittagm konnte, ein Vorrecht, von dem auch

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