Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 1 (1870)
- Issue
- 15/16 (13.4.1870)
- Date
- 1870-04-13
- Page
- Seite 129 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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12« Pt« «sderie Kifchu». Boa Rabbiner vr. Bnchholz. Herr vr. Sallerstein hat in Rr. S Ihr»« geschätzten Blatt» Kl«-» erhoben gegen da« Leben» bild „So, «Stnfe |n ®tnfe" mm Hugo Mtllti, »eil i» be»feiben eia Ccnpiet «bet b<« Thema „Inf de, Xsn kömmt'« an* ge fronen arM, in welch»» von den leiden Warten: „Handle recht" der jüdische Händeltmann da» Erft», während der chriftlich» Schalerer da» Zmeite betont. Herr vr. S. »eint, da» sei kränken» für an«, nab c« könnte derartigen anzntgemäßen Jnvi^tiven -egen die Jaden lecht »»r. gebeagt werden ,chrrch die Preffe, darh Rücksprache mit den Theaterdirektaren n. dergl." — Zunächst müssen »ir constatirra, daß diese klhatsach» nicht vereinzelt besieh«, sondern nar ein Sympw»' der aeaen Phase ist, ra welche da« Rische« seit einigen Deren men getreten. „Uageitgemöß" können wir darum diese« Gebahren der Herrei» Poffenfabrikaaten and Maler sogenannter „Lebensbilder" nicht nennen. Da«. Rischn« ist vielmehr immer iasosera zeitgemäß, al« e« ftch die Können, den Charakter und die Strömung ater Zeiten zn feinen Zwecken dienstbar «acht. Stt der beschränkte Aanati«ma« eine« Peter ». Rmira« die christliche Welt de« Westen« zu eine« Kreazzage gegen die Ungläubigen entstammte, bediente sich da» Risha» der günstigen Gelegenhiit, am vor Allem die Jaden zn morden, sowie später der zeitgemäßen Inquisition and de« zeitgemäßen Kaustrecht«. Eil ist ein treffende« SoN de« Sohar: Israel ist unter den Nationen, am« la« Herz unter den Wieben, de» Leibe»; wen, diese krank str,d, fühl» jene« <« zuerst und zumeist. Unsere Zeit ist nun ater die der publicistischen Anarchie. Alle Jutereffeu der Gesammtheit wt: de« Einzelnen »erden ilffeutlich besprochen. Meinnngtverschiedeuheiten and Privatzänkereien der politischen und religiösen Partien bi« hinab zu dm Berbaliujurien der Säsöterinnen treten heutzutage in Broschüren, Pamphleten nnd Zeitungöinseraten ml de» Dunkel der Berbor; enheit an die Oberstäche der Oeffentlichkeit. Wat Wunder daher, daß die Hydra dc« Rischu« jetzt einen mit Druckerschwilrze angestrichenen Papierkops trägt? Sir Ijaben schon vor mehreren Jahren an eine« andern CWe ans diese« moderne Rischn», wie e« sich bifonder« in der sogenannten schönen Literatur breit »acht, hingewiesen. M>« kam, kau» einen Roman in die Hand nehnun, oder ein Feuilleton ronumhasten Inhalt« auch nur rate* Winkelb lättchen» lesen, ohne darin den trnialften Witzen über „spekulttwe Inden", „Berthrer de« goldenen Kalbe«"» „jüdische Wucherseelen" und ähnliche Titulaturen der Inden zu begegnen. — Die Lrenzzeitnug, Richard Wagner, selbst Proseffor Birchow solgm Alle demselben Zuge der Zeit, 'indem sie ihren Antipathien gegen Inten und Jndenthn« „anf tiefen nicht mehr ung ewöhnlichen Wege'" der Pref e An«, druck geben. — Sind wir um» überall, ro» mir tu der Tagedliterat« Schil» eme Anzahl von 30 unbescholten« Bürgern solche« wünscht, so wird derselbe tntemirt, d. h/e« wird ihm in dem fernenInnern de« Reich« ein »wer Heimathöort angewiesen. Sage, lieber Leser, der Du in wohlgeordnete« staatlich« und gesellschaftlichen Verhältnissen und unter gebildeten wohl» gefinntm Mensch«« lebst, hättest Du eine solche Beschull>igunz und ein solche« Verfahr« dabei noch für möglich gehakt«'• Und wir find kein« Lag sicher, daß ein solcher Fall in Rußland nicht wieder vorkomme; defs« aber kannst Du Dich auch veisichert halt«, man wird eine solche Sache nicht mehr todtschweigen, die Kunde davon wird durch die ganze civilifirte Welt dringe» und jeder gebüdete, wohlgesinnte Mensch wird voll Scham und Zorn seine Stimme erheb« gegen solch' unsinnige, barbarische Beschuldigung und gegen solch' unwürdige- und ungerechte« Verfahren. Leftfrüchle für jüdische Leser. Bon vr. M. itzahmer. Me Jude» in -»«1». Mehr al« irgend ein anderer Reismder der Begmwatt hat der Freiherr Heinrich von Maltzan, der Nordafrika von der marokkanischen Küste bizum roth« Meer durchwandert hat, zur Kenntniß dieser Gebiete beigettagm. Sein n«este« Werk „Reise in den Regentschaften Tuni« und Tripolis" emhält die Ergebnisse mehrjähriger Forschung«, die sich theil» auf die Altetthünier, theil« auf die heuttgm Verhältnisse dieser ehemalig« Raubstaatm erstrecken. Wir woll«au« diesem Werke die auf die dorttge jüdische Einwohnerschaft Bezug baleadm dernngen von Inden «der Anspielnngen ans Charakteqllge derselben, die nn« nicht behagen, antreffen, berechtigt über Rischn« an« zu bekUgen? Wer viel gelitten hat, «st leicht empfindlich, nnd «er hätte eis: begründetere« Recht empfindlich zn sein all die Inden? Allein allzu große SersiNlität , ist eine schlimme Krankheit, ans welche Gesunde nicht immer Rücklicht ne pnen können, Weil sie oft da znsammenschrickl, wo e« Niemand beabsichtigt noch begreift. — Offenbar kommen hier zwei Kriterien in Betracht: znerk die Wahrheit oder Unwahrheit der Darstellung und zweiten« der animn« injorändi. — Sa« da« Erste re betrifft, so nnterliegt e» keinem Zweiftl, doi wir e« nn« gefallen lasten müssen, ebensogut wie unsere nichtjüdischen Mitbürger» in Romanen, Leben«bildern geschildert und beschrieben zu werden, wi, wir sind, mit «isern Tugenden und Fehlern; ja, wenn da« nicht der Fall l otre, so könnten wir nn« über Zurücksetzung, Jgnorirnng beklagen, daß die H>rren Schriftsteller nn» nicht al» gleichberechtigt" in ihrer poetischen Welt ans, he». — Allein, «a» wir verlangen können und müffen, da» ist Wahrheit, daß man nn« nach de« Leben zeichne, nicht willkürlich karrikire. Nrn ift e« aber eine unleugbare Thaksache, deren Ursachen hinlänglich erörtert und bekannt sind, daß die Inden seit ihrer Zerstrennag unter die Böller von allen bürgerlichen Beschäftigungen am «eisten dem Handel sich zuzewechet, und daß e» unter ihnen hochachtbare, ftrer.z reelle, wie betrügerische, mit Redlichkeit und Rechtschaffenheit e« nicht allzn genau nehmende Haideltreibende gab und giebt. Dazu kommt, daß der Handelöjade nicht ,lo« da» Bild de» jüdischen'Kaufmann», sondern der Handelöwelt überh<mpt ist, und in ihm daher diese zumeist ohne Unterschied der Consefston gege ße»t wird. Kein jüdischer Kanfmann von einiger Bildung wird sich al«!inde beleidigt fühlen von diesem Couplet de« Herrn Müller, wenn er stch nicht getroffen fühlt, ja er wird im Gegentheil nicht bloß äußerlich Iber den Witz lächeln, sondern denselben wirklich billigen, denn bekanntlich ind die Inden selbst die strengsten Richter über von ihren Glanbenügenoisen begangene« Unrecht, «eil sie die Solidarität ihrer moralischen Interessen empfinden nnd »eil sie nicht« so sehr verabscheuen al« Chiilul hiachia. — Fühlt sich aber ein Kaufmann, gleichviel ob jüdisch oder christlich, »an dieser Betonung de« Handeln« nnd der Zurücksetzung de« Recht« ze trvffen, nun dann hat die Comödie ihren sittlichen Zweck erreicht, die Anüwüchse der Gesellschaft zu geißeln und dem allgemeinen Spott und Gelächter Prei« zu geh«; hüte sich Jeder, daß er ihr keinen Stoff böte! Die «tfterbllchen Komstdien de« Aristophanet scheuten sich nicht, ihre zerlichon nnd doch so «nchtigen Schläge gegen Männer wie Enripide« und Softate« zu richten, und Letzterer ging selbst in« Theater, al« die ans ihn genkünzren „Wolken" anfgeführ« wurden, und lachte weidlich mit. Wär, er ein Jude gewesen, «an hätte vielleicht über da« Rischn« de« Aristopha ie« Notizen und Schilderungen an dieser Stelle zusammmtragm, die de« Interessanten Mancherlei bieten. Die Juden in Tuni«, deren Zahl sich a>ck 30,000 städttsche Mttglieder beläuft, werden in Eingeborne und Grana'S (vielleicht von dem hebräischen CPU „Fremdlinge") getheilt, mit welchem letzterm Name« man alle später eingewandertm Juden bezeichr et, hauptsächlich die Nachkommen derjenigen, die unter Ferdincnd und Jsabella au« Spanien vertrieben wurden. Sie waren wem zer zahlreich al« die eingebornrn J-raeliten, hatten aber» sonderba:er Weise, vor diesen mehrere Privilegien voran«, wie z. B. eigine Oberhäupter, so daß sie nicht direct unter der Willkürherrsch >st der Dey« und vey« standen. Dann trug« sie noch nn Ja!ne 1852 eine besondere Kopfbedeckung, nämlich eine Art weijier baumwollener Nachtmützen, während ihre unprivilegirtm Glaubensgenossen in schwarzem Fe« und Turban einhergiagen. Dikse Unterscheidung hat jedoch aufgehört, seitdem die tuniser Judm gleich dm orimtalischm Raja'« die Erlaubniß erhalt« habin, dm Kopfschmuck der MoSlim, da« rothe Fe«, zu ttagm. Dageg m habm die Grana fast durchgängig trotz der langm Verjährung ihr AbstammuugSrecht al« Europäer wieder geltend zu machm gewußt, und sich unter den Schutz der verschieden« Konsuln gestellt. Sie gmießm dadurch alle Rechte der Europäer, namentlich dm auSnahmtweism Gerichtsstand. Ihnen kann die Justiz de« Bey'S nicht« anhabm, um so schutzloser befinden sich die übrig« Judm, welche derselben noch unterworfm sind. „(!'« scheint unglaublich", sagt Freiherr v. Maltzan, „ist aber walir und durch ein in meinem Besitz befindliche« coasularische« Acten» stück erhärtet, daß im Jahre 1868 allein 27 tunifische Juden ungestraft ermordet werdm konntm."