Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1870-03-23 · 12 (23.3.1870) · p. Seite 102

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
1 (1870)
Issue
12 (23.3.1870)
Date
1870-03-23
Page
Seite 102 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/5369809-5934980-5935152--0186-5369923
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Erst bie letzten Jahrhuadette '), die Zeiten der „Letzten »ater den Letzten", haben diesen Standpunkt in bedenklicher Orif« verrückt und Verwirrung in die sonst klare Sachlage gebracht. Ans die Gründe, die die» hmbeigefühtt haben, können wir hier nicht eingeh« und wollen nur bemerken, daß der Umstand viel gut Mehrung der Verwirrung bettragen mnßte, daß sich zu derTalmud- und Midrasch-Agada auch noch der Sohar und die von ihm ausgehende» tibbalistischm Schriften und Anfichten mischt«. E» gilt da« Gesagte auch nicht von dm hervorragmdstm Rabbiam de» vorigm und vorvongm Jahrhundert», die sich ihre geistige Selbstständigkeit bewahrt habm, wohl aber von dem Gro» der Gelehrtm »ad Ungelehrten. , So entstand denn eine Art von Togmatik des Judenthum», welche sich au» agadischm und kabbalistisch« Ansicht« zusammmiügtr, mehr und mehr wurde ein Kanon der Rechtgläubigkeit aufgestellt, man wendete sich folgerichtig von dem Studium der ReligionSphilofophie ab, man betrachtete die Bibelerklärer, < welche um Agadoth unbekümmert selbstständig ihrm Weg giagm» die Jbn Ekra, Gersonüe» u. A., ja selbst die symbolisch« Deuter der Agada, mit Mißtrau«, azadische Sätze, die man sonst nm i in der Predigt homiletisch benutzt hatte — wie da» noch jetzt jeder von un» thut — wurdm als Beweise anzefühtt, und we: dergleichm Sätze cid Privataufichtm ihrer Urheber bezeichnet oder für unannehmbar erklärt hätte, wiirde in d« Verdacht eine» „Leugner»" gekommm sein. Ja die Verwirrrung gedieh zuletzt so wett, daß man selbst auf halachischem Gebiete, in Entscheidung« über wichtige relizionSgefetzlich: Frag« (n"&), sich auf Agadastell« berief und auf sie stützte; ein Verfahr«, welche» die älter« Lehrer al» ganz unzulässig bezeichnet habm würd». tcaangtocifr für Halacha mb »gada gm, verschiede»; «iw DiScusfioa über letzter«, um Grund mb Richtigkeit sestmsteller, finde« in der Weife wie bei der Halacha nicht fiat», «ul» wenn die» jnisrtai geschieht, so ist e» Geifiefil spiel, hat kein« Folgen. *) Freilich hat schon, sekrsamerroeise, gerade Maimonide« einig« »gadasLtz« r» Halecha'« gestrmve-t. 1* läßt sich danhun, wie gerade er, von dem man e» am wenigsten vrrinuthen sollte, dap, gelang« ist, doch ist diese Zeitschrift nicht filr solch« E«Eiterungen bestimmt. Feuilleton. Die fiixzfte (ob ciuch die letzte?) Diutbeschuldigong ,;egen die Iu )en. Rach authkntischen Berichten Largetellt von vr. Rülf. (Fortsetzung.) E« wurd« ihm nun hauptsächlich folgmde Frag« vorgelegt: 1) £6 er am 25. Januar, da da» Kind verschwundm sei, zu Hause sich befunden? — Der Rabbiner antwortete, daß er selbig« Trge» abweserd und zwar in Rosoin gewesm, wie bereit» erwähnt. 2) £b er ein Bette im obern Stocke gehabt? Der Sohn de» Schotnik» Jtzigsohn habe nämlich auSgesagt, «eg« eines religiös« Vergeh«» zu drei Tage Sttafarbett beim Rabbiner verutthettt, habe ihn dieser eine» Tag,.-» auf dm Bodm geschickt um Holz herabzuhol«, und da habe er gesehm, wie das Kind Dorothe tobt auf dem Bette gekegen; er habe sich nicht halt« laffm und sofort Anzeige davon mach« wollm, obgleich der Rabbiner ihn flehentlich gebet«, nichts zu sag«; allein da habe man ein paar starke Männer komm« laffm, die hättm ihn gebundm und geschlazm, bis er veriprochm habe, nicht» verrathm zu wollm. Der Rabbiner stellte Alles fammt und sonders in Abrede und wie» darauf hin, wie diese Aussage die Zeichen der Lüge an der Stim trage. Da» ist die eine Seite der Sach« und da» eine Kmnzetchm der „Otthodoxm", welche sonach, wi« wir tkm gesagt habm, dies« Ram« nicht »»passend gewählt hat«. Doch ist die «reigentliche, d«m Dozmenwes» durch«» abgeneigte Natur de» Judmthum« so mächtig, daß wir diejenige», Mich« ttotzdem eine agadtfche oder agadisch-kahbaltstische Dogmatik formulirm wollm, gewähr« laffm können. Die Lehr- und Glaub«»freihett de» Judenthum« muß und kan» ja auch da» duld«. Erklttt ihr also immerhin die Bibel nm »ach dem Vorgänge de» Midrasch) haltet «ch in der Chronologie strmg an Seder Olam, weist die' Forschung nach dem Verfasser diese» oder jmr» Psalm» al» dmchau» unzulässig ab, erklärt e» für unanfechtbare Wahrheit, daß David dm 137. Psalm prophettsch verfaßt, dmn e» steht ja so in der Agada de» Perek sppri, werft dmjmigm, der da» Buch Secharjah zwei Verfaffem zuschreibt, mtt dem, welcher da» Grundprinzip der own p rmn, der Gotte-offmbarung bemängelt, und den» \ jenigm, welcher die Wunderlegendm de» Talmud für Legmdm erklätt, mtt dem, welcher Wunder und Prophette lmgnet, „in ein« Topf", nehmt'», um ein in dieser Woche zeitgemäße» Beispiel anzuführm, al« buchstäblich wahr, daß Esther eine unschöne Farbe gehabt habe — wir sag« einfach: dnbennt Bibi, Drb rca laßt sie gewähr«. Aber wesentlich ist der Punkt, daß diese Pattei auch in der Praxi» de« religiös« Leben» eine „Otthodoxie" edigeschmugzett hat, ,^>on der die Väter nicht» geahnt haben." Sie Hab« da» Judmthum mtt einem n«m Dogma, der unverbrüchlichen Autorität de» Schulchan Bruch, brreichett. WaS im Schulchan Aruch steht, wa» durch dm Berfaffer und die Gloffatorm darin Aufnahme gesund« hat, ist festgestellt al» Halacha für alle Zeit, und zwar, wohlverstanden! nicht bloß al» Norm, wonach der einzelne Rabbiner in sein« Entscheidung« sich zu richten hat, sondem al» unantastbare» Heiltgrhom, so daß auch die auf gründlichste Forschung in dm Quell« gestützte abweichmde Ansicht keine Berechtigung hat'). Daß *) Freilich neue Erschwerungen nach eignem Ermeffen einjofiihre» ist mm weniger bedenklich gewesen, da hat di« srstgestelltefie Ueberliesernng, 3) Ob er am darauffolgend« Sonnabend vor dem Thora» vorlesm die gesammte Gemeinde auSgeschottm, weil man ihn in solche Gefahr bringe, indem man da» todte Kind ihm auf dem Halse und nicht sottschaffm lasse? Der ebmgmannte Zeuge habe da» mtt angehött. Der Rabbiner erwidrtte: wie man ihm, selbst w«n die Sache wahr wäre, solch« Dummheit zutraum könne, sich und die Gemeinde durch solche Veröffentlichung der Sache in so große Gefahr zu bttng«. 4) Ob er, der Rabbiner, am 7. März in Gemeinschaft mit Israel Bloch in da« Hau» de» Jacob Jtzigsohn sich begeh« und demselbm befohlen, sein« Sohn zu tödt«, damit er seine Drohung nicht wahr mach« und die Ermordung de» Kinde» zur Anzeige bring« könne? Ob e» wahr sei, daß Israel Bloch diesem zuerst ein« Schlag uiit einem großen Holzstucke versetzt, und der Vater darauf sich angeschickt habe, da» Werk zu vollende», und daß der Mißhandelte dann entflohen sei» um am Hofe von Allem die Anzeige zu mach«? — Der Rabbiner erwiderte, daß da» Stück Holz, womtt Israel Bloch'dem Verläumder d« Schlag versetzt, wohl fünf Mett« lang gewesm sein muffe, denn Israel Bloch habe sich mit ihm am genannten Tage in Schau!« be» fundm. — Da» Verhör, welches mtt dem Rabbiner und dm übrig« beschuldigt« Person« veranstslttt worden, dauerte die ganze Nacht und dm folgmdm Tag; hierauf entließ man sie alle» fammt mit der Drohung sofottiger Verhaftung, wenn einer dm Versuch mach« würde die Stadt zu verlassen. Während dieser Zeit hattm die JSraelttm der Stadt und Umgegend entsetzliche Mißhandlung« zu erdulden. Mehrere

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.