Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 1 (1870)
- Issue
- 11 (16.3.1870)
- Date
- 1870-03-16
- Page
- Seite 95 (sequence 3)
- Language
- German
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95 Hieran knüpfen wir daS uni von unserem Correspondenten l aui Hannover auSzüglich mstgethellte, „unaufgefordert gegebene" Gutachten eines christlichen Sachverständigen. „Die tlzel ist lei« ursprünglich vorzugsweise entsprecht geftmdene« und erwählte», sonder« «tu «i» üdrrkonnnene» nab erst «ach vielem «»d gegründet«« Löiderspruch der christlich« Kirche anbeqnemte» Instrument; l heilt weU ,«r Zeit de» Auft»>nm«s derseld« ei« Orchester «ichr so leicht zusannuenzubring« war; theil» «»eil damal» di« vlastnstrunrent« «och sehr n «vollkommen und von hart««, nnbiegsamem Tone, daher d« Pseis« nch« vorznzieh« war»; theil» »eil dir Orgel n«r eine« Spieler bestimmt anznftellen verlangt« und ein „Orgclschläger", wie «an «< hieß, leicht Jeder sein koante, der etwa» Gehör hatte. Die Orgel hat, al» Surrogat eine» Orchester», in ringeln« Stimme» eine schwache Sehnlichkeit mit einzelnen Orchesterinstrument«; in der Znsammensetzunz aber nicht die Klangsarbe eine« gemischt« Orchester», sendern d« «ein oder weniger braas«d«, allgemein« windton, d« sonst kein Instrument so fühlbar hat (al« etwa da» Fagott, unschön in der Höh«, und di« Aevl «Harfe). Die Orgel ist anödrmttlo«, noch ausdrucklloser al» da» Pianofortr, da» doch weniastrn» ein Lrrtcenüo und Diminuendo znläßt; wa» auf der Orgel, wen» zu gewum«, ein ertünstelte« und steife» sein würde; abgeseh« davon, daß di» Abnrhm« und Anschwell« de» Tone» uoch da» wmigfte zum Auldrui! ist. — Wenn l brigm» die Orgel auch kein christliche» Mom«t ist, so ist sie, mit dm GlocI«, doch ein unterscheid«»«« Merkmal der christlich« Kirche geworden, und ein so aulzeichnmde» wie diese» kann nicht wohl von einer and«« Genuine adoptirt werde», ohne an klarautgesprvchener Selbstständigkeit zu verlieren, und fragt sich sehr, ob der Gewinn d« Verlust ans- oder aberwiegt. Jedmsall» sieht man von der einen Seit« in der Orgel ein die Irbammg fördernde« uqd wagende» Instrument — und ist sie da»? Im Ganz« sage ich: nein! Nur in einzeln« saust« Stimm«, die de» Saiteninstrument« und «her noch sanft« Flöten wmigftm» an Mild«, wenn auch lärgst nicht an Auldruck gleichen, kann sie e» sein — wozegm aber die Organisten meisten» au« Liebhaberei und Kunstsertigkettddrang viel fündig«. Die Orgel, al« große» Werk in einem groß« G«ttr»hause, ist kein erbauliche» Jnsttummt; sie ist ein machtvolle», ein herrschende«, aber kein herzliche» und ihre vorherrschend ja überherrscheud pfeiseuartige Klangs erbe ist etwa nur stir Siege»feie« geeignet. Dazu komm« der durchdringende Kontrast ihrer mächtig« Harmonie mit dem eintönigen, «eist formlos« üiesauge der Gemeinde. Nur Gewohnheit stumpft dageg m ab, und da e» in der Kirche so hergebracht nnd man e» von . Kinde»bein« an l« hört, ist e» mehr oder weniger erbaulich; währmd rin Lhoral ans der Drehorgel mit bestem Orgelton höchst«» überfrvmm« Leut» gefall« kann. So «tt der Zeit vielleicht die vrg.-l auch in der Synagoge! D« christlich«, dopvelt eintönigen (einförmig« und einstimmig«) Thoralgesang der Gemeinde wird man doch schwerlich einzufahren beabfichtigra, daß dazu die Orgel n»th««dig wäre. Zur sicher« Haltnng eine« Mkchantsch« Bolkdgesange«, wo Vorsänger fehl«, ist freilich dir Orgel brauchbar. In ihrem gewöhnlich« groß« Gemisch vieler Stimm«, die ater doch nicht wie Jnstrummte i« Orchester sich unterscheid«, sondern ein« allgemein« Mischton mir dem Lharakter der Metallschärse und de« Lustström«» bilden, hat di« Orgel nicht» de« Gesänge Entsprechende« imd sich Anschmiegende», fände« nur ihn Dominirenoe». Pracht und Fülle in Ueberfttlle — aber nicht» Herzliche». — Daher habm die größt« Meister niemal« ein erhebliche« Werk, auch mit d« größt« Thören, mit Orgel statt Orchester gesetzt: so Schneider nicht einmal sein „Weltgericht", und sie ersetzt so wenig da» Orchester, daß man an Fest« wenigsten» Posannen dazunimmt, trotz der sog«. Posaun«stimm« im Pedal derOrgel — e» fehlt ihr also doch auch im Imposant« da» natürlich Schwnngvolle!" Der Verfasser des Gutachtens erklärt sich von seinem Standpunlste aus für Einführung der Harfe in die Synagoge — und der Correfp. aus Hannover (Nr. 8 d. Woch.) schlicht seinerseits mit der Bemerkung: „wir müssen gestehen, daß, wenn einmal Instrumentalmusik in der Synagoge nicht entbehrt werden kann — bzw. wenn es kern anderes Mittel giebt, die Juden in daß Gotteshaus zu zieh« als Musik — dann jede Orchestermusik uns für die Würde, den Geist und die Geschichte Israels zweckmäßiger scheinen würde als die Orgel". Dieser Schlußsatz, dessen llebereinstimmung mit dem des Herrn Loeb in die Augen fällt, übersieht freilich» daß man vielfach nicht Instrumentalmusik an sich in der Synagoge wünscht, sondern nur Stütze, Begleitung und Halt für den Chorgesang. Daß sonst schöner und correcter Gesang a cnpella allem vorzuziehen ist, wird von keinem Urtheilsfähigen besttitten. Schattenseiten der jüdischen 8emrinöeavto»omie. Sie gehör«, geehtter Herr Net,ct«r, mit Recht zu tat«, welche der jüdisch« Gemeindeaulonomie warm da» Wort reden; denn wer die Idee der tireiheit ersaßt, wird forde« d itz kein Machtsp«ch von oben in die sclbstkändize Entwickelung de« religiösen Leben» störend rinwirke. Daß aber offenbar ist das Christenkind gefunden, man verschweigt e» aber, well man da> Leichnam desielben irgend einem Juden heimlich in daS HauS legen wolle, um alsdann mit besserem Glücke als bisher den Beweis führen zu können, daß eS die Juden, um ihm daß Blut zur Feier des PesachfesteS abzuzapfen, gemordet hätten." Und diesem Befehle ließ er die größte Ocffentlichkeit geben, so daß man fettest im TutShofe davon Kunde erhielt, eineStheilS kundzugeben, daß man von Auffindung des KindeS wiffe, anderni theili wirklich den genannten schon vorgekommenen Fall zu hindern. Um dieselbe Zeit wurde ein gewisier Jachimowitz zu einem! der drei Untersuchungsrichter deS Kreisei Schaulen ernannt und ihm Schadow. wozu auch Schawla« gehört, als fein Amtsbezirk : zugewtesen; on ihn gelangten die vom Affessor Gralatowiki ausgenommen, n Protokolle, um sie zu prüfen und die Untersuchung weiter zu führen; allein daS Gerücht, daß daS tobte Kind aufgefurden, verbreitete sich immer weiter. Selbst bei den Baue« der Dörfer hatte die Aufregung schon fast ganz nachgelassen, da verbreitet sich — ewar am dritten März — ein anderes Gerücht, dai tobte Kind fei von dem Bruder deS Bauern Galasei uni> dtffen zwei Knechten auf dem Felde beim Düngerfahren unter dem Schnee gesunden worden. Die Judm von Schawlan wollen aufjauchzen, allein der Rabbiner sprach: „Sttlle, Kinder: erst lasset uni den weiteren Verlauf abwarten, wer weiß «ai die im Schilde führen!" Leider sollte die trübe Befürchtung alilaldige Bestättgung finden. Sofort nach der Auffindung begaken sich der gutsherrliche Commiffar GroftnSki und der Arzt Alefaniki an Ort und Stelle und ließe« den Leichnam gegen Gesetz und Recht aufnehmen und denselben in der Kapelle, welche an den Todterlhof stößt, niederlegen. DieS geschah an einem Freitag. Am darauffolgendm Sonntag, dm 8. März, bestieg der oben erwähnte katholische Priester die Ka.7z.-l, domiette gegen die gottes- und mmschmmörderischm Judm und ließ den Anwesenden den Leichnam bei KindeS zeigm, welche» nach seiner Versicherung die Judm zu dem bekanntm Zwecke ermcrdet hätten. Juden, welche im Laufe dieser Woche in die Dörfer ihrer Geschäfte wegen kämm, wurdm von dm Bauem furchtbar mißhandelt, um an ihnm, wie sie sagten, daS Blut deS ermordeten Chriftmkindes zu rächen. Ali nun so die Bewohner SchawlanS sich von allen Geitm bedroht sahen, da endlich rafften sie sich auf, um durch Gezenmaßrezeln daS Uebel von sich abzuwmdm. Sie fordertm dm Rabbiner auf, zunächst nack der Kreisstadt Schaulm mit zu kommen, um in Gemeinschaft mit dorttgm klugm und einflußreichen Männern zu berathen, waS zunächst zu thun fei. Am Abende deS 10. März traf der Rabbiner mit noch vier andem Mäkmern in Schaulen ein und in der Frühe deS andem Morgens reranlaßtm sie durch dm dorttgm Rabbiner eine Versammlung der angesehensten Männer der Stadt; aber auch diese wollren sich von dem schweren Ernste der Sache nicht überzeugen lassen und dem Vorschlag der beidm Rabbiner, deSwegm eine Deputation an dm Genera igouvrmeur adzuordnm, welche bei den Wlluaer GlaubmSgmoffm sicher die kräftigste Unterstützung gefwrdm hätte, nicht beistimmm, fondem riethm nur ein desfallfigeS Gesuch in polnischer Sprache an dm Marschalk (Land-