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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1870-03-09 · 10 (9.3.1870) · p. Seite 88

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
1 (1870)
Issue
10 (9.3.1870)
Date
1870-03-09
Page
Seite 88 (sequence 4)
Language
German
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88 nicht entscheiden könne,, ob die Orgel dahin gehört oder nicht. Der Eine fühlt sich durch ihre Töne in Andacht versetzt, der Andere fühlt fich in eine Kirche versetzt. Der Eine sagt, wie der sel. vr. Sach»; die Orgel verändert den Charakter de» jüdische» Cultu»; der Andere findet die» durchaus nicht. Dem Einen ist e» höchst anstößig, daß ein Christ die Orgel in der Synagoge spiele, der Andere hat dagegen nicht da» Mindeste einzuwenden. Da kommt man nun z. B. mit rnroM, dem verbot, einem Nichtjuden Handlung« zu heißen, die der Jude nicht selbst vollziehen darf, und diSputirt darüber. Nun sittlich, man bestellt den Organisten ja vorau» und ein« für allemal, e» ist also ganz dasselbe (und weniger!), wie wenn ein Christ Frei» tag Abend» in der Synagoge die Lichter au»löscht; aber wa» ist damit gewonnen? Der Andere sagt ja: »ich mag da» Orgel» spiel durch einen Christen nicht!* lleberhaupt ist der Eine von vornherein geneigt nachzuahmen, alle» Fremde schön zu finden, d. h. hier: gottesdienstliche Einrichtungen und Sitten, die nicht geradezu christlich und mtt dem Judenthum prinzipiell unverttäglich sind, herüberzunehmen; der Andere ist von vornherein dagegen. In dem Gedanken, in den Wotten: »da» ist bei den Christen ebenso, da» ist ganz wie bei den Christen", liegt, wo e» sich auf jüdisch-religiöse Dinge bezieht, bei dem Einen ein Lob, bei dem Andern ein Tadel, und e» ist durchaus nicht wahr, daß da» Eine von Otthodoren, Engherzigen, Exclusiven u. f w. behauptet werde, da» Andere von Toleranz, Freifinnigkeit u. f. w. zeuge. Geschmackssache! — So ist der Eine in alle» Englisch«, Französische vernartt, der Andere zieht alle» Einheimische vor. Sollte der Leier nun nicht mit un» auch der Ansicht sein, daß sich der Geschmack mit der Zeit ändere? In Hinsicht auf Nachahmung und Anbetung von Ausländischem gewiß — und in Hinsicht auf Fremde» und Einheimische» in der Religion? Wir glauben bestimmt, jeder, der nicht von gestern ist, hat e» so erlebt. Für die frömmsten Juden war e» vor —*) Jahren ein beseligender Gedanke, von Nichtjuden Jüdische» gelobt, beifällig ausgenommen zu sehen; sie waren daher durch«»» nicht abgeneigt, die» und jene» nachzuthun — jetzt sagen viele, nicht im mindesten au» Orthodoxie, sondern in dem Gefühle, jenen Standpunkt Gott Lob überwunden zu haben: wir wollen und brauchen nicht» Fremde» nachzuahmen, e» ist un» durchaus keine Empfehlung, daß die» und jene» „bei dm Katholitm oder Protestanim auch so" sei, wir wollen bei dem Eigmm bleiben. So hat man denn mdlich auch übersehm — oder nein, übersehen läßt fich dergleichm nicht, man hat davon geschwiegm, daß der Gegner der Orgel gar keine Gründe braucht. Er sagt ganz einfach: ich will beim Altm bleibm; ihr müßt mir beweis«, daß die Einführung der Orgel nothwmdig oder doch eine wesintlicke Verbesserung iei. Haben aber alle bisherig« Stteitschristm ei» Jota zur Beantwortung dieser Frage beigttraz«, und wa» könnm rabbinische Gutachtm darüber Triftige» «thalt«? Soll man nun auch die Frage von dem Rechte der Majorttät, welche etwa für die Orgel ist, oder von dem der Minorität, welche sie per» horre»zirt, hineinzieh«? Dadurch wird die Sache immer mehr verfitzt und verwirtt, ein gordischer Knot«, o« aber kein Alexander zerhau« kann, denn in solch« Ding« ist Zeder selbst Alexander; er sagt: e» gefällt mir, oder ich kann der Sache kein« Geschmack abgewinnm, und, mag er im Talmud oder in der Musik noch so sehr Laie sein, er spricht: so gefällt e» mir! Für die Praxi» bedarf e» zur Lösing der Schwierigkeit keiner Gelehrsamkeit, da heißt e»: verttagt «ch, fügt «ch so oder so, sehet besten» ein« Eompromiß zu schließ«. Für die Theorie' aber muß man ganz ander» al» bisher die Frage stell«, wir *) Ciat Zahl kV»»« wir «ich« angeb«», denn e< ist die» in de« verschiedenen Gegenden so verschiede», da» maoch« gewiß jetzt erst ans jenen Standpunkt komme». glaub« bündig dargethan zu Hab«, daß und warum bisher darüber leere» Sttoh gedrofchm Word« ist. - Nachdem daher, wie bereit« erwähnt, der sel. vr. Sach» s. Z. die Frage schon vom richtig« Gesicht-Punkt aufgefaßt und alle „rabblnischm" DiScusfionm bei Sette gesetzt hatte, nachdem ebm damal» tt, Berlin, neben dm Gutachtm von Rabbiner» und quasi-Rabbinem, auch ein» von einem gewiss« Meyerbeer beigebracht Word« war (jedoch, wenn wir un» recht besinn«, nicht durch dm Borstand), frmt r» un», daß man mdlich anfängt die Frage vor da» richtige Forum zu bring«. (Schluß folgt.) Antwort auf den Brief eine» Kleinstädter» au» der Krovin? Kosen von einem Kleinstädter ebendaher. Bdf. im Hannöver'fch«, tm Februar. Der Brief „eine» Kleinstädter» au» der Provinz Posm", der in Nr. 6 diese» Blatte» enthalt« ist, deckt die Gebrechen der klein« Provinz-Gemeind« auf und schließt mtt einem „Gott besser'»!" Aber man muß erst fich selber beffem, alSdann wird auch Gott helfm. Manns movenda com Minerva! — Um diese Uebelstände zu beseitigen, dazu bedarf e» nicht erst de» Gemeiudttage»; da» könnm die 12 Repräsentant« und die 3 Vorsteher der Gemeind« ganz allein übernehmen. E« kommt nur darauf au, wa« für Repräsmtantm und Vorsteher gewählt werdm. Wählt *7n VZtt biedere, praktische Männer, dt« ihre Meinung« stritt durchzuführm versteh«, Männer, die dabei Qv6k **r> gotte»fürchtig sind, und e« werdm weder veschwerdm noch Denunciationm und ähnliche Dinge in der Gemeinde vorkommm. Solcher Männer giebt e» noch in jeder Gemeinde, und nur au« solch« Männe« müßte der Gemedlderath bestehen. Die« könnte aber auch ganz gut der Fall sei», «mn nur nicht immer sämmtttche Repräsentant« und Vorsteher au» der Klaffe der Wohlhabmdm gewählt werdm, währmd die Klasse der Minderbegütettm, die auch viele der eb« empfohlmm Männer aufzuweism hat, ganz unberücksichttgt gelassm wird. Meuäioo ne parentes quidem amici. (Der Arme hat wenig Freunde*). In Bettest einer Reform der „in voller Gloria strahlmdm Hierarchie" wäre dm klein« Gemeind«, der« Einkünfte fich auf ca. 700 Thlr. belauf«, und in dm« e» noch Privatlmte giebt, die da» PaSkmm übernehmen könnm, nur Folgende» zu rathm: Für da» Gehalt, da» der Prediger, Elemmtarlehrer und vorbtter bezieh«, müßte ein tüchttger, seminaristisch gebildtter Lehrer mgagitt werdm, der die Funktion« der drei gmanntm Beamt« übemehmm kann. Ein solcher Lehrer versteht e», eine Predigt nicht geschickt „zvsammmzustellm", sondem ordmtllch auSzuarbeit« und vorzutrag«. Derselbe würde dann nicht alte und n«e Melodien „herttillem"; von einem tüchttzm Chore unterstützt, da» er ganz gut herzustellm und etnzuübm im Stande ist, würde er vielmehr dm GotteSdtmst in würdiger Weife lettm. Der Tempel würde dann nicht „Börse" (woran, nebmbei gesagt, nur die Herr« Repräsmtantm, die au» dm reichst« Lmtm besteh«, Schuld find; dmn die übrig« Gemeindemitglieder, meist Handwerker, dm« größter Thetl „von der Hand in dm Mund lebt", bedürfm keiner Börse), sondem eine Erbauungsstätte sein. Bet einem solch« Lehrer würde dm *) Aber in kleinen Gemeinden wird di« persönlich« Rtlüsicht, der .Klüngel", immer»', «der über die sachlich« sieg«, und da» „wählet die recht« Männer" ist leicht getagt, aber saß »nanäfilhrbar. Hier kan» nur durch Herstellung eine» verbände» für mehrere svlcher Gemeinde» gehvlfm, unr dadurch kau» der schädlich, Ginslnß einzelner Personen, Familien», gebrach« werde», wie da» in Nr.» der Wochenschrift in de» Artikel an» verli» ganz richtig angegeb« ist. (Rtk.)

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