Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 1 (1870)
- Issue
- 10 (9.3.1870)
- Date
- 1870-03-09
- Page
- Seite 86 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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86 Da» war mm eigentlich ganz überflüssig; die Autorität de» geosfknbartm Gesetze» war längst faktisch «»leugnet, wozu da eiu Wettere«? Ist die Thora die Lehre Mosel, so ist es höchst gleichgültig, wenigsten« nm für die Alterthum». forscher interessant, ob fie von Mose« oder Anderen, ob sie ächt oder schlecht. So hat diese „jüdische Theologie" sich selbst vernichtet, den Boden verlaffen, von dem fie hatte ausgehm wollen, den Ast abgesägt, auf den fie fich gesetzt hatte. Bestimmt da» Individuum, gleichviel ob Rabbiner ob Laie, nach eigenem Ermessen fich da» Gesetz seine» religiösm Thun», so ist es reine Eitatensucht, Spielerei und Pedanterie, wenn der „Rabbiner" in Bibel, Talmud oder wo immer nach Gründen und Belegstellen sucht; e» erinnern ganz an die pedantische Philologm- Ettelkeit, die, wenn fie von Sonnenschein und Blumendust redet, ein klasfifche» Eitat hinzufügt*). So kommt diese Richtung, wie wir im Eingänge gesagt *) Wir wolle» hier ausnahmsweise ein Beispiel ausühren. In seinem neueste» Werke „Plan zu einem neuen Gebetbuch" schlägt Dr. Geiger vor, mn 2TPO das ganze Zahr zu sagen. Zur „Begründung" gilbt er einen 10 Seite» langen Excur« über bi« Geschichte Vieler Formel, Sifri Mischna, jerus. und babyl. Talmud» Maimonides, Ascheri o. s. w. werden besprochen, dazu Anmerkungen über die Lebenszeit des „Maahig" re. Alles recht schön. Was will er beweisen? Laß es in Frankfurt a. M. und Berlin keine bestimmte Regenperi-de giebt, wie in Palästina, da« weiß freilich jeder Schuitnabe; aber es ist doch etwa« Anderes, wenn man darüber gelehrt citiren und Nachweise» kann, daß da« auch schon früher Leute gewußt und daher über die Gebetsormel di-cnürt habe». Oder will G. beweise», daß er ein Recht p» dieser Reform habe? Als ob ein Mensch glaubte, daß Silri und Mischnu, Talmud und Poskim für vr. G. oder für diejenigen, denen er seinen Plan bestimmt, eine Auwritäl wären, deren Znstimmung dargetha» werde» müßte? Wen fragt deuu vr. G., wen» er gar nicht (W) beten will?! Ist da» nun, in diesem Zusammenhänge, an dieser Stell« (denn gegen gelehrt« Abhandlungen haben wir ja nichts einzuwrnden) etwa« Andere« al» Spiegelfechterei und gelehrte Eitelkeit? Humbug? haben, fastisch mit der äußersten Linken zusammen: jene „legt' » diese „wirst", jene bietet einen gelehrten Apparat auf, diese hat da» nicht nüthig, bettachtet die „theologischen" Demarche» al» bloße» Privatvergnügen «ad hat damtt vollkommen Recht. Wir müssen nun noch htnznfügm» daß längst nicht alle Männer dieser Richtung bi» zu dem fortgeschritten sind, e» giebt da sehr viele Nuancm; wir könnm jedoch nicht weiter eingehen, da» gäbe eine Geschichte der Reform, und die erfordett ein Buch, wenigstens eine Abhandlung. Ganz kurz können wtt uns dagegen über die nun folgende, letzte, Partei der Linken fassen. Wie sollten wir eine Richtung definsten, die fich selbst nicht definirt, die vielmehr da» alte pyrrhonische „Ich bestimme nicht»" zu ihrer Devise macht? Sie läßt un» über ihre Ansicht von der Verbindlichkett de» Gesetze» vollständig im Dunkel. Ihre CatechiSmen und Religionsbücher, ihre Predigten und ErbauunzSbücher ergehen sich, meist sehr brett, über alle» Mögliche, nur kein bestimmte» Wort über da» „Ceremonialgesetz". Sie referirm höchsten», was Bibel, auch wohl Talmud darüber sagen. Fragen wir aber: Nun sagt un» einmal bestimmt, ist die Thora Gotte» oder Mose« Wort? oder speciell: dürfen wir nun am Sabbath schreiben, kochen, dürfen wir am Peßach Brot, dürfe» wir sonst im Jahre ein Hühnchen in Butter gebraten oder ein Schinkenbrötchen essen — ja oder nein? — Ein Schwall von Phrasen, langathmize Auseinandersetzungen. höchst oberflächlich, aber eben darum von dm Unwiflendm angestaunt und beklatscht- »Hört ihn, hört, hört dm edlm Antonius!" Aber kein Ja, kein Nein! Am liebstm möchte man da» Gesetz todtschweigm; „man spricht nicht gem davon". Natürlich spricht man im mgerm Kreise dann auch ganz ander» al» öffmtlich, oonnn popalo. Da» ist die Partei, die fich eben darum gem al« „rechte Feuilleton. Die jüngste (ob auch die lebte?) Blutbeschuldignug gegen dir Inden. Rach auihentischea Berichten dargeftellr von vr. Rülf. (Fortsetzung.) Am 7. Fcbmar reiste der Rabbiner in Begleitung de» Jsrael Bloch, seine« Compaznon'S Sundel und mehrerer Anderer nach dem drei Meilm entkernten Städtchen Schidlewo zur Trauung ttne«-Sohnes de« Israel Bloch, welcher sich rorthin verheirathete. Am selbm Tage war auch der Affeflor Äralatowski nach Schadow, seiner Heimath, zurückgekehrt, satte dm Brief deS Gmndherm vorzefundm, war sofort mit! einem Sekretär nach Schawlan gekommm, bei dem Gmndherm Semet einzekehtt, hatte etwa 20 Mann requirirt, denen sich I noch der Polizei-Commissar deS Hofe», Gräfin Ski mit Namen, ' sowie der Arzt AlesanSki zugeselltm, und hatte sich mtt diesm n das Hau» des Israel Bloch begeben und Alle« von obm In« unten durchsucht; an dm Wänden hattm fie gepocht, da» Pflaster ausgerism — tief im Keller fandm fie auch wirklich ein Fäßchm mit eingepökeltem Fleisch, aber so genau sie sich auch jedes Stückchm bettachtetm, selbst da» ärztliche Gutc chtm mußte cc.iftatirm, daß e» nur Fleisch von Kindern de» Stalle» und der Weide, und durchaus kein Fleisch von Christm» j kindem darunter sei. Hierauf begaben sie sich in da» Hau» de» Sundel Lipez. Die hochschwanger« Frau deffeibm, welche nicht ■' mit zur Hochzeit hatte reiten könnm, war bi» zum Tode er» schrockm; wa» kümmerte da» die Barbarm? Sie durchwühltm > das ganze Hau», fanden aber auch da nicht». | Am folgenden Tage, dm 8. Febmar, schickte der Affeflor Gralatowski von Schadow an dm Affeffor von Schidlewo durch zwei Bauern ein Schreiben mit dem dimsterzebmm An-! suchen, daß er ihm die beidm Hebräer Israel Bloch und . Sundel Lipez wohlverwahrt und bewacht zuschickm möge, fie seien de» Raubes an einem Ebristenkinde behufs Blutabzapfung zum Gebrauche des Osterfeste» dringend verdächtig. Die beidm Bauern fandm dm Affeffor nicht zu Hause, ließen daS Schreiben dort und kehrten nach Hause zurück. Al» er die Bauem unverrichteter Sache zurüökommm sah, ohne die collezialische i Antwort abgewartet zu habm, da ward der Herr Affeffor sehr > aufgebracht und, echt mssisch, ließ er jme berüchttzte vielgeschwänzte Katze vulgo Knute bringm und die beidm ganz unbarmherzig durchhauen. Ari folzmdm Tage schickte der Affeffor eia zweite» deSfallsige» Schreiben an seinm Collegm in Schidlewo; allein die Ueberbringer fanden den Rabbiner und die übrigen Hochzeitsgäste beritt« auf dem Rückwege und kehrten mit diesen um. Sie kamen zurück in die bestürzte Stadt; bereit» hatte I Alle» den Kopf verloren, nur der Rabbiner nicht. „Brüder," sprach er, „wmn Ihr mich doch nur anhörm wolltet; schießet eiligst die Reisekosten zusammm — so ein russischer, nur von! der öffentlichm Wohlthätigkeit lebmder Rabbiner kann über keinm eigmen Pfmnig verfügen — ich geh« nach Wilna, um seiner Ercellenz dem Gmerilgouverneur die Sache vorzustellm; ihr sollt sehm, daß sowohl der Affeffor al» auch der Gmndherr zur Sttafe gezogen werden wegen all der Berzehungm gegen die Gesetze Sr. Maj. unsere» allergnädigstm Herrn und Kaiser». Achtet nicht die paar Kopekm, achtet selbst deffm nicht, wmn Ihr so lange in verhaft bleibm müßtet, ich kehre sicher nicht unverrichteter Sach« wieder zurück."