Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1870-03-02 · 9 (2.3.1870) · p. Seite 82

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
1 (1870)
Issue
9 (2.3.1870)
Date
1870-03-02
Page
Seite 82 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/5369809-5934980-5935148--0163-5369903
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

82 endlich durch unziemliche Repliken de- Lehrers veranlaßt, feine Entlassung auszufprechm. Darauf zieht der Lehrer fei« Messer und versetzt Herrn Deutsch zwei Stiche in die Brust, mehr als einen Zell tief! Herr Deutsch muß da- Bett hüten, befindet fich aber außer Gefahr. Der Lehrer ist dem Gericht übergeben. Ist dergleichen bei Juden erhört?! Zum Aufwerfen dieser Frage mag Sie auch die Nachricht veranlassen, daß sich im hiefigen Geiänzniß ein jüdischer Studirender der Medicin, mit Namen Sckochet — nameu et omen! — befindet, der der Vergiftung eine« jüdischen Mannes, Namens Hecht, angeklagt ist. 2 Wien, 22. Februar. (Orig.-Ärresp.) Wir wissen unvor unserem Liberalismus nicht m.'hr zu helfen. Jetzt wird heutig gegen den hebräische.« Unterricht und gegm daS Sckulprozramm agitirt. Freilich sagt man, der Kampf gelte nur dem Zwang zum hebräischen Unterricht. Aber wenn man die Klemm zwingen würde, Franz-Josephs-Orden u. dergl. Aufmerksamkeiten mehr für ihre Eltern in Empfang zu nehmm, wer würde da protestirm? So aber bringm ja die Kinder nur Hebräisch nach Hause, womit jetzt weder ein Titel noch ein Ordm zu erlangm ist. Glaubm Sie aber nicht, daß unsere Schulm gar so Viel verlangm! Sie kmnm das hiesige Schul- Prozramm und wiffm, daß eS äußerst zahm ist. Aber was macht das? Unser Liberalismus muß Luft habm, zumal er jetzt prämiirt wird, und da wmdet er fich gegm die — Bildung. Oder halten Sie nicht denjenigen Judm, der die Bibel in der Ursprache lesm kann, für gebadeter als dm, der es nicht kann, bei ükrigmS gleichm Kmntnissm? Freilich, daS gesteht man Alles nicht offm ein. Unter dem vorgeschütztm Kampfe gegm Zwang escamotirt man die jüdische Bildung und daS Judenthupi. Das ist der liberale JesuitiSmuS . . . — Au« dem Hietzinger Hcflager berichtet das Tageblatt, daß der Köaig dm Schloßhauptmann Grafm v. Wedel! am 2. d. M. aus seinm Diensten en-lassen und daß er die Verwaltung seiner Finanzen dem Ober-Commerzimrath Israel Simon, der nach der Annexion nach Wim zog, übertragm hat. (Br. Z.) Frankreich. Varia, im Februar. Pariser Blätter habm sich in der rumänischen Judenfrage durch die Prcßazmten des Fürsten Carl, Bamberg und Strat (von dmen der Elftere doch selbst ein gcwe'ener Jude ist), zu ganz falschen und abgeschmackten Aufstellungen verleitm lassm, die dann in Bukarest als Ausdruck der öffentlichm Meinung des westlichen Europa's verwerthet werdm. Crömieux leuchtet in einem langen an den „Public" gerichteten Schreiben dieim Verleumdern gründlich heim: „Mehr al« zweinialhuuderrtauseud Jude», sagt er, von zweimalhundertsünfzigrausend find Rumäne», weil sie und ihre Bäter und Ahnen in Rumänien geboren find, sei» Jahrhunderten haben inmiuen der wechselnden Generation« dieses so ehrenhaften und gastfreundlichen rumänische» Volkes die wechseludeu Generation« der Juden di.-sr» vand bevölkert, welches niemals die Jnlolerauz gelaunt hatte. Tie unvernünftige Politik, welche namentlich seit Blatiau» diese schrecklich« tlersolguag angeftiftet hat, findet noch Minister, die sie auSführeu, und eine Kammer, die fie austachelt. Nur will sie jetzt, wie vor zwei Jabren, glauben machen, daß, wenn sie ohne Erbarme» di« Juden »iederschläzt, fie nicht Juden, sondern Ausländer versolge! Und darum bringe ich die Sache meiner theuren und unglücklichen GlaubtnSgeuofieu vor die Fürsten, welche heut über die acht Rationen herrschen, die im Jahre 1838 Rumänien so gern ir die Reihe der freien und unabdängigen Staaten zugelaffen haben. Ich »erlange ihre friedliche und rechtmäßige Tazwilcheukuuft, welche gewiß nicht der Autonomie der Rumänen zn nahe tritt. Diese Tazwischeu-uuft ist nicht nur durch die Gesetze der Mensch.! lichte,: geboten, sondern auch «örtlich in den internationalen Vertrag einge- > tragen, welcher die rumänische Ration «Fliruirt hat." (B. B. Z.) | Eroßbritanairn.! J. Besfast, im Januar. (Orig.-Corresp.) Wer von dm j Lesern diese« Blattehat über die Frechheit der vazabondirendm! Bettler nicht schon zu klagm gehabt, die von Ostm her in! Gtrömm fich über Dmtschland, Frankreich und England ergieß« und an« der Noth ei» oft ganz einträgliche« Gewerbe mach«? Wer bat fich nicht schon darüber gewundert, daß oft ganz unwürdige Subjecte Empfehlungm von sehr respektabel» Lentm vorzeigm? Auf die Gmefi« solcher Empfehlungm wollm wir hier nicht eiugehm, wollm nicht auf die zahlreichen Betrügerei«, Fälschung« und moralische Erpressung« Hinweise», durch welche jme Subjecte häufig genug sich dieselbm zu verschaffen wiffm; aber Rabbiner und Vorsteher mögm durch folgende Mittheilung gemahnt werdm, dm Betrügerei« schlauer Burschen nicht durch schwächliche Gutmüthigkett Vorschub zu leistm. Vor Kurzem durchzog ein Mann, der sich Rabbiner vr. Kuttaer nannte, England, um die Mildthätigkest unserer Glaubensgenossen anzusprechm. Gestützt auf die Zmgniffe der Rabbiner von Breslau, Hamburg und London *), die fich auf« lobmdste über ihn au«sprechm, ward er fteundlich aufgenommm und mit namhaftm Spenden bedacht. WaS werden aber die Aussteller jmer Zmgniffe sagm, wenn fie erfahr«, daß dieser Mmsch bereiteinige Male zum Christmthume übergetreten ist, jetzt öffentlich als christlicher Prediger auftritt und Schmähredm gegen da» Judmthum hält? WaS werdm künftig barmherzige Juden auf die Zmgniffe angefehmer Männer gebm, wenn sie Horm, daß der ihnm so warm empfohlene „Rabbiner" fett langer Zeit Convertit und eineder elmdesten Subjecte ist, da« dem Judmthume den Rückm zugewmdet hat? Etwas mehr Strenge und Vorsicht beim Ausstellen von Zeugnissen wäre wahre Wohlthätigkeit! Rußland. Marsch««, 18. Febmar. Nach längerer Krankheit verschied der Ober-Rabbiner von Warschau Bär MeiselS im 73. Jahre seines Lebens. Dieses Leben war eia vielbewezteS; denn Messelbeschränkte sich nicht bloS auf feine amtliche Thätigkeit als Geistlicher, sondem griff auch in die politsschm und socialen Verhältnisse ein. In religiöser Beziehung ganz der strmgsten Observanz huldigmd, war er in politischer Beziehung eusschiedm liberal. Im Jahre 1848, da er noch Rabbiner in Krakau war, wurde er von dieser Stadt als Abgeordneter zum Reichstage in Kremfier gewählt. Dort gesellte er sich zu der Opposition und gab dem damalig« Reaktionsminister Bach, der an ihn die Frage richtete: wie es komme, daß er, ein so religiöser Mann, sich der Linken anschließe, die geistreiche Antwort: „Wir Juden haben ja keine Rechte". Im Jahre 1856 kam er nach Warschau, wo er im Schooße seiner Gemeinde, wie von sachkundiger Seite allgemein bescheinigt wird, eine segensreiche Wirksamkeit mtwickelte. Im Jahre 1861 schloß er fich mst allem Eiker der Mäßigkeit-Politik Wielopolski's an, der auf ihn große Stücke hielt. Als gegm Ende diese- Jahre-/für eine kurze Zeit eine Reaktion einzetreten, währmd welcher Zeit WielopolSki fuspmdirt war, kam Meisels wegen feiner liberalen Gesinnung in die Citadelle, von wo er nach sech-monatlicher Haft de- Landes verwiesm wurde. Erst später, als Großfürst Constantia zum Statthalter von Polen und mit ihm WielopolSki zum Chef der Regierung ernannt wurde, durfte MeiselS hierher und in sein Amt zurückkehren. Seitdem stand er zwar dm politischm Vorgängen fern, unterließ eS aber nicht, die maßgebenden Persönlichkettm der Revolutionszeit vor sanguiaifchm Hoffnungen, sowie nach Niederwerfung de« Ausstandedie russischm Regierungspersonen vor gewalssamem Vorgehm zu wamen. Sein Ansehen nach allm Seiten hin war groß, und wohl seltm hat ein jüdischer *) Bei der uni wohltekannteu grofjra Vorsicht d«S Herrn vr. Adler i« Lrtheilen von Zeugniff« u. dergl. ist e» ganz undenkbar, daß der JL «in echte« Attest deffelden hätte vorzeig« können. (Red.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.