Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 1 (1870)
- Issue
- 7 (16.2.1870)
- Date
- 1870-02-16
- Page
- Seite 58 (sequence 2)
- Language
- German
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jüdische Volk Opfer bringen, will man die gesammte Judenheit Deutschlands a» einer Lehranstalt für jüdische Wissenschaft An» theil nehmen lasten: nun, daS Seminar in Breslau'drängt sich zwar nicht bettelnd an die Oeffeatlichkett, acreptivt' aber mit Freuden a lle Gaben, die zur Erweiterung der Anstalt, zur Gründung von Stipendien ihr zugewendet werden. Ist doch bereits an solcher. Zuwendungen die Summe von 15,000 Thlr. dem StipendwaforldS der Anstalt tm Laufe der Jahre zugstßoffen! Man hat sodann gesagt, die Breslauer Schule beruhe auf einem fal chm Princip: sie sei ein „Seminar", man wolle aber eine „Facultät" oder Hochschule". Die Phrasmklappe ist ans» gestellt, u id für alle Gnnpel die gewöhnliche Lockspeise, die Brr» Wechslung von Indischem und Christlichem, eingestrmt. Jüdische- Seminar, wangelisches Prediger- oder katholisches Priester» Seminar, Knabm-Seminar, Alumnat, Jntemat, Convikt, klösterliche Zucht, Augenverdrehm, Muckerei-Jesuiterei u. f. w., variatio ad libitum; einen gradas ad Parnassum, um die zugehörigen Schimpfepitheta beizufügm, habm wir weder zur Hand, noch, Gott sä Dank, im Kopfe. Eine Schilderung der Verhältnisse am Breslauer Seminar ist hier nicht am Platze — genug, es ist von alledem nichts vorhandm, es läuft lediglich auf dm Namen „Seminar" hinaus. Im Uebrigm ist das Seminar mit einer Universität verbundm, nie das für die Berliner Hochschule" ebenfalls projectirt wird. Die ,Hörer" des Seminars hörm die philofophischm und alle sonst geeigneten und zusagenden Eollegim an der Universität und studirm daS Theologische im Seminar, also ganz das Verhältniß, welches man in Berlin im Auge hat. Daß aber das Seminar an die jüdisch-theologische Facultät noch die Prima und Secunda eines Gymnasiums anzeschobm hat für diejenigen welche die Reife zur Universität noch nicht erlangt habm, das wird der Anstalt doch nicht dm Charakter einer Hochschule rauöm. Man hat endlich (wir glaubm wenigstens das Register erschöpft zu habm) getadelt, daß der Direktor des Semv ars zu sehr der ganzm Anstalt sein individuelles Gepräge aufgedrückt habe, daß das Ganze die „Frankel'sche Richtung" vertrete. Nun, daß sich eine Schule nach dem Namm eines Mannes nennt, ist ja wohl nichts Neues — ob dies aber hier der Fall, lasten wir dahingestellt. Daß der Direktor, als der an Jahrm und an ltterarischer Wirksamkeit westans ältere Mann (auf andere» gehm wir nicht ein), einen «heWchMAinfluß auf da» gehnpDegbigt übt, ist natüMch, er Hst WrlM der doyen der AqtaÜ. Ditwmtftch« stlstuitzjsMßigff StzlluM deffelbm zu den Collegen ist unS uichekOmt ült wüdde au^p nicht hierher gehören. ES ist wtitör wahr, daß, soviel der Außenstehende es bmrtheilm.kann, das Collegium harmonisch zusammmwirft; gewiß ffr es aber auch, daß die einzeln« Lehrer in thtm wisse» schaftlichm Anfichtm und ihrem schriftstellerischen Dirkm sich selbstständig bewegen, und da» ist doch die Hauptsache, daß z. B. der Direftor Frankel nicht mit allem, was Professor Grätz geschriebm.hat, einverstandm sein wird, dürste für Sachkundige klar sein. Doch eS ist Zeit zum Schluffe zu kommm und, nachdem wir bisher nur abgewiesm und widerlegt, Positive» auSzusprechm. > Ja, die rechte Wissenschaft deS Judenthums muß eine bestimmte Parteistellung einnehmen, uuddem Interesse einer Partei, nämlich dem Judenthum,'"dkm« wollm: dem Judenthum, welchedie entschiedmste Parteinahme für sich selber verlangt und die ausgeprägteste JndtvtzmMät vertritt; dem Judenthum, welches dm Einm und Unvergleichkichm bekennt, von dem TW ir dem Volke ohne Gleichm getragm wird und in jeder Faser ein durchaus EigmartigeS ist. Gewiß, da» Studium der jüdifchm Thmlozie soll wiffmschaftlich betriebm werden und mit allen Gebietm menschlichen Wissms in inniger Beziehung bleibm, aber die Wissenschaft des JudmthumS hat ihre besondere Methode und ihre besonderm Resultate, ihrm eigm» thümlichm Schwerpunkt, geht auS vom Lebm und will daS Lebm dmchdringm. Der Schwerpunft der jüdifchm Theologie aber ist da» Gottesgesetz, ist die Halacha mit allm ihrm Verästelungen und Verzweigungen, und alleS andere antiquarische und exegetische, historische und philosophische» homiletffche und was immer für Wissen und Können in und vom Judenthum ist — recht schön und gut, aber es befähigt nicht zum Rabbineramte. ES konnte von jeher einer „Forscher und Kabbalist, Grammatiker und Mafforeth, Poet und umfassender Gelehrter ,}"ho DTPl" sein und heißen, das alleS machte ihn nicht zum Rabbiner, zum „Wegweiser" •f'D der kleinsten Dorfgemeinde — und so steht es noch jetzt! Wer nun meint, daß der Jüngling, der sein Maturitätsexamm bestandm hat und auch ein Capitel der Bibel Feuilleton. Sie jiinqiic (ob auch dir letzte?) Hlulbeschuldi-ung gegen die Juden. Nach authentische« Berichte» dargestellt ton Dr. Ralf. Bor etwa einem Vierteljahr kcmmt zu mir mit freuudlicbem Nr i gen ein Männlein, welches trotz seines lanzm, biS zu den Knödeln reichmdm, glänzenden Lasting-Ueberrockes doch nett und zierlich aussah. Er mochte wohl schon ziemlich bejahrt sein, denn die spärlichm Haare auf seinem Haupte und die dünnm Barthaarc seinerund und frisch aussehmdm Gesichtes warm schneeweiß. Ich hatte bald meine Freude an dem jovialm Manne; alle seine Bewezungm warm trotz seiner 64 Jabre voll Juzmdfrische, alle seine Aeußerun zm voll Witz und Munterkeit. Er stellte sich mir vor als der Rabbiner von Schawlan, einem etwa 15 bis 20 Meilm von Memel entfemten mssischm Städtchm. „Wie?" entgegnete ich, „Ihr seit doch nicht der schreckliche Mmsch, der Christmkinder mordet, um mit dem Aut Charauses zu kneten?" Er. „Ick sehe wohl nicht damach aus?" Ich. „Nein, wabrlich nicht!" i Er. „Ich dmke, wir Jehudim sehm wohl alle nicht darnach avs, und in unseren heiligm Schriften und in unserem^ ganzm Lebm liegt der Abschm und der Schreck vor Mord und Blut dmtlich genug ausgesprochen. — Nun saget Ihr mir einmal, wamm trifft doch gerade un» eine so furchtbare Beschuldigung?" Ich. „Meine Meinung hierüber will ich Euch sagm, Rabbi. Die Engländer hattm einen sehr großen Dichter, Shakespeare mit Namen. Der hat ein "Theaterstück geschriebm, ich weiß nicht, ob Ihr schon davon gehört habt, e» heißt „Der Kaufmann von Vmedig", darin wird dargesteüt, wie ein Jude einem Christm, von dem er sicher vorauSsetzt, er kann und wird nicht bezahlen, Geld unter der Bedingung borgt, daß, wmn er zur bestimmtm Stunde nicht bezahle, der Jude ihm, dem Christm, ein Pfund Fleisch au» seinem Leibe fchneidm dürfe." Er. „Und der Jude thut da» wirklich?" Ich. „Er kommt nicht dazu; durch eine List weiß man es zu verhindem und ihn um sein Geld zu preüm; aber das Diester hat er schon gewetzt und will durchaus sich sein Pfund Fleisch auSfchneidm." ' Er. „Und eine solche Geschichte sollte wirklich vorge» kommm sein?" Ich. „Gott bewahre, da» find ja alle« nur geschickte Erfindungm der Dichter, um daraus wirksame und schaurige