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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1870-02-09 · 6 (9.2.1870) · p. Seite 52

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
1 (1870)
Issue
6 (9.2.1870)
Date
1870-02-09
Page
Seite 52 (sequence 4)
Language
German
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62 - 12 Repräsentanten (für die 6 Stellvertreter eintrete«) und drei Vorstehern geleitet. Bei den Wahl« herrscht eine so gewaltige Aufregung, find die Piepenbrink» in so rastloser Thätigkeit, daß es eine wahre Freud« ist» ja daß „der Sturm im Blas« durch da» Mikroskop gesehen fast gefährlich erscheint. Jedoch, wen« erst die Nachspiele, Beschwerden, Demmctatione» und ähnliche erbauliche Dinge, abgethan find, finkt lllie» in völlige Lethargie— e» ist eben nu: der persönlich« Ehrgeiz, kein Funke eine» religio,«», gemeirrmtzigea Gedanken» dcbei im Spiele gewesen. „Laieter aller* heißt die Losung (3!kahre lang) bi» — zu dy, nächsten WahKnl Die Einlünste belaufe» sich incl. Mitzwo»geldern auf etwa 700 Thaler. Davon wird ein Ralbiner mit 250 Thlr. besoldet. Eine freie (sogenannte) >mtt Wohnung, welche vielleicht »ach altpolnisckrm Zuschnitt« für eine kleine Familie a«»retchte, sowie di« durch „Schnorrgroschm" (KihtnuUw. Zutrinkgeld) etwa» in di« Höhe geschraubten Nebeneinkünste erhöhen daffelbe auf ca. 500 Thlr. Dafür findet fich denn im günstigsten Falle et» Man», der tu seiner Jugend „gelernt*' hat und von damal» her eine ramn rrm besitzt, später aber in anderen LebeaSberusm Gchisfbruch gelitten hat. Wie der Pet», so die Waare! Gepredigt wird nun alle vier Wochen so, daß die Gemeinde da» Ausfallen de» Vortrag«» nicht bedauert. Wie könnte e» auch ander» fein! Für eine altpolnische Deraschah hat die Gemeinde und wohl auch der Rabbiner keinen Gout mehr — eine Predigt aber geschickt zusammenzusteüm (mol), lehrt weder die Gemora, noch die Elle. Dazu kommen dann persönliche Zänkereien, die, au» den unbedeutendst« Ursach« herstammmd, dm letzt« Rest der Achtung vor dem Stand« — denn dm auf gleich niedriger Bildungsstufe stehend« Mann zu acht«, fiel dem Kleinstädter von Anfang an nicht ein — de» Rabbinm verwisch«. Auch da» Unterricht« ist für ein« solch« Mann, der fich nie, weder theoretisch noch praktisch, damit abgegeben, eine mißliche Sache — nach einig« mit Unlust unternommmm Versuch« schläft die Geschichte ein. Und so bleibt dmn da» bisch« PaSkenen sowie— al» HauptamtSthätigkeit, „daß der Row für die Kehilla lernt!" Nothwendiger war'» freilich, daß er, wie wir hier sag«, „mit der Kehilla lernte" (d. h. fie belehrte), denn die Unwissenheit in allem Religion und Judmthum Betreffenden nimmt immer mehr überhand. Gemeind«, die früher reich an „Lomdim“ warm, können nicht mehr Viele aufweism, die Rasch! versteh«, — und der „Siddurlamdm" macht sich breit. Das Gotteshaus — mm es ist "NN rP2, Börse, auch wohl ZerstreuungSort, an 3“’ sogar Lesehalle. Der Cantor kann nichts dafür, er fingt und trillert althergebrachte und auch — andere Melodien mit rastlosem Eifer — Chasan ist er ja nur so nebenher — ein tüö-tiger Schochet (Salair 5b—100 Thlr., aber erhebliche Nebmeinkünfte) zu sein, ist sein Beruf, dm er gewöhnlich mit Gewissmhaftigkeit erfüllt. Rechnen Sie noch dm fast ganz auf freiwillige Gab« angewiesmm „SchrmmeS", deff« AmtSobluzenheiten sich jeder Specialisirung «tzieh«, hinzu, so Haber Sie die gesammte Hierarchie einer klein« Gemeinde in voller Gloria. So kann es nicht Wunder nehmen, wenn an Ort«, wo noch ein Kaufmann „lernen" kann, diesen gegm eine kleine Entschädigung das PaSkeam übertrag« wird. ES ist billiger und er thut dasselbe wie der Row! Nur zwei Punkte lmchtm in crfrmlicherem Lichte inmittm all' dieser düster« Schalt«: die CLewrah Kadiachah, welche mit hmgetendem Opfermuthe überall da ftmdig eintritt, wo e» Roth Hut (jedmfall» ein Zeichm, daß der gute Ke« noch nicht vernichtet ist) — nur daß etwa» mehr Ordnung dabei zu wünsch« »äre — und die Elemmtarschule. Diese steht unter Aufsicht der Regierung, unmtttclbar uuter eine« christlich« Pastor — beklagenSwerlh, aber unter dm obwaltmd« verhältntffm.kau« zu indem — und wird durch von der Staatsbehörde reparttrte Beiträge der Gemeindeglieder erhalt«. — Hier würde also «in anderer Modu» »ach der Aufhebung jene» Gesetze« gesucht »erdm müssen. — Sie leistet durchgehend« doppelt so viel, al» die christlich« Anstalt« gleicher Art. Leider aber beschräntt fich dieser Erfolg aus dt« Elementargegmftände — der Religion»> sowie der, privatim von deaselb« Lehrern, im Hebräisch« erthellte Unterricht liegt um so mehr im Arg«. Gott besser'«! A. Wochenbericht. Stettin, 8. Febmar. Wir bring« in diesem Blatte «in« traurig« Bericht in dem «nt« folgmdm Aufrufe au» Memel. Wir dürfen diesen nicht kürze» und «oll« dafür ge« unsere Rundschau so mg wie möglich zusammenrücke». Wir glaub« freilich da» unwillige Murr« mancher Leser zu vemehmm: „Schon wieder diese Schauerberichte, diese Bettelet für die polnisch« Judm!" Weit davon ist gut red«, auf hundert Meilen Entfemung schwächt fich der Jammerschrei ab, die Dissonanz« verfließ« in ein dumpfe» Geräusch, und wer auch da» nicht hör« mag, der hält fich die Ohr« zu. Ander» an Ort und Stelle! Die über die Grmze flüchtend« Hungernd«, Friermdm, Krank« und Sterbend« find auch dm Memeler» ungeladme, ungebetme Gäste; aber fie Hab« fie vor Augm, fie müffm ihn« helfm, sie müffm nicht nur die Verhungert« be« grab«, sondern doch noch' mehr an dm Lebend« thon, e» übersteigt die Kräfte einer einzeln«, nicht einmal großen Gemeinde. Wir woll« hier durchaus nicht predig«, wir sag« einfach: e» ist Pflicht der Entfernt«, dm an der Grmze Wohnender eine Beistmer zu gewähr«. Les't also die Bittschrift; ein« solch« unangmehmm Zeitungsartikel Überschlag« ist keine Kunst. Ueber Deutschland Hab« wir zu dem in dm nachsteh«- dm Correspondenzen Berichtet« nicht» hinzuzufügm. Nur eine häßliche Geschichte wird in Frankfurter Blättem erwähnt. E» hat dort kürzlich ein Professor au» Heidelberg in öffentlichem Vortrage erwähnt, bei dm Jod« sei e» noch in diesem Jahrhundert Brauch gewesen, daß eine bestimmte Person dm Sterbenden unter einem Kiff« erstickt habe, um fein« TodeSkampf zu bemdm. Von einem Judm interpellirt, erklärte der Vortrazmde, er habe dievon dem Professor CheliuS gehört, der, zu dem alt« M. v. Rothschild berufm, zu spät gekonnnm sei und von einem ihm Entgegmkommendm gehört habe: „Der Fertigmacher habe schon sein Werk verrichtet" oder dergl. Die Unwahrheit dieser Geschichtm zu beweis«, wie dies der Einsender dort thut, ist überflüssig; aber eb« so unzulässig ist eS auch, dm Gewährsmann der Lüge zu zeihen. ES ist unS vielmehr unzweifelhaft, daß sich damals irgend ein Narr ein „jüdische» Witzchm" erlaubt hat, er hat fich gewiß auch noch etwa» darauf zu Gute gethan, dem Mal'och haraowes einen um« Ramm angehängt zu Hab«. Man kennt daS, ein« faulen Witz hinunterwürgm fällt dem Judm unmdlich schwer. Und die Sünd« eines solch« armselig« „ GleichrednerS “ büßt ein drittes und vierte« Geschlecht! In Ungarn sind die seit dem Mai v. I. fistirtm Sitzung« der israelitisch« Coagreß-Commisfion am 18. Januar wieder aufgenommm Word«; eS wurde über da» in der Zwischenzett Geschehene berichtet, dasselbe ist jedoch rein geschäftlicher Natur. Wir führ« nur an, daß etwa die Hälfte der Distrifte fich bi« jetzt dm Kongreß-Statut« gemäß constttuirt hat.

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