Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 1 (1870)
- Issue
- 1 (5.1.1870)
- Date
- 1870-01-05
- Page
- Seite 6 (sequence 10)
- Language
- German
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6 das UntcrrichtSzesetz L-s Herrn v. Mühler ganz gewiß nicht zu Stande, nicht einmal aus der Commission heraus kommm werde (waS freilich auch ohnedies klar ist), daß dagegen die Petition des jüdisch-theologischen Vereins, von der er K-vntniß ginommen, nicht übel und derzeit zur Diskussion im Abzeordnetenhaufe ganz wohl am Platz« fein werde. * Königsberg, im December. Herr Rabbiner Di\ Bambcrger hat die Güte uns mitzutheilen, daß die von der General- Versammlung der Alliance 3sr. llniv. in Berlin bcschlosiene Eonstituirunz eines »Haupt-Grenz-Comitö^ in Königsberg zu Stande gekommen sei. Dasselbe besteht, wie beschlossen, aus fünfzehn Mitgliedern, nämlich den Herren: vr. Ko sch, Vorsitzender, Bankdirektor Gabriel, Stellvertreter, vr. Bamberger, Schriftführer, vr. med. Graf, Stellvertreter, S. Feinberg. Eassirer, T. Karnowsky, Stellve-treter, als den geschäftsleitenden Ausschuß, und den Herren: M. Becker, I. Daniel, vr. med. Friedländer, A. Hiller, Prof. vr.H. Jacobson, vr. med. Samuelfon, Geh. Commerzien-Rath Simon, vr. Rülf- Memel, Silbermann-Lyck. Als Vorlage für das Comite ist ein ausführliches Memorandum auszearbeitet, welches der Alliance -mzescbickt worden ist und nächstens veröffentlicht werden soll. GS enthält eine übersichtliche Darlegung der llebelftände, ihre Ursachen rc. und begründet die Auswahl der Mittel, die vorgeschlagen werden, (a 2, b 2, 3 des Berliner Protokolls. a2: Förderung der Bildung der Jugend; b 2; Unterbringung von jungen bildungsfähigen Leuten, behufs ihrer Ausblldung zu einem wissenschaftlichen oder gewerblichen, insbesondere auch zum Lebrerberufe; k 3: Organifirunz der Auswanderung rc.) Wir hoffen bald Weiteres und Günstiges über den Fonganz der Angelegenheiten berichten zu können. Oesterreich. Ffrag, IS.Decbr. (Oriz.-Corresp.) Sie wüw'chm J)r Blatt rnit einerConespoudenz über hiesige jüdische Cultus- und Gcmeindezustände zu inauguriren; ich komme Ihrem Verlangen gern nach, da von hier gottlob! nicht, wie ars anderer Gemeinden, über Z«- Nüftunz und Zerwürfniß, über Spaltung und Auseinandergehen m verschiedene sich gegenseitig anfeindende Gemeinden zu berichten sst. Bei unS treten die verschiedenen Ansichten nicht schroff einander, gegenüber, die Gegensätze spitzen sich nicht zu zegensettiz sich auSfchließenden Extremen zu: ein Umstand, der theils in der Entwickelung unserer CultuSverhältnisse, thellS 'n der Stellung, die die Gemeindevertretung — bei uns Repräsentanz genannt — einnimmt, seine natürliche Begründung findet. Auch bei uns machte sich schon vor Jahren daS Bedürfniß eines geregelten Gottesdienstes geltend; im Jahre 1832 blldete sich ein Verein, um diesem Bedürfniß Rechnung zu ttazen; aber nur eine Regelung, nicht ein Umsturz, nicht eine daS Altehrwürdige und dem Gemüthe theuer Gewordene aus seinen Angeln hebende Reform wurde beabsichtigt. ES baten dem Vereine die ftömmstcn Männer bei; die Wahrnehmung, daß er nich^ subversive Tendenzen verfolge, gewannen ihm Anhänger auS allen Schichten der Gemeiiche; auch der damalige Gemeindevorstand U(jfe ihm feine Anerkennung an den Tag indem er ihm die Altsynagoge, eine der hiesigen neun großm Synagogen, einräumte. Im Frühling 1838 begann der neue Gottesdienst in dieser Synagoge, nun Tempel genannt; daS Mannheimer'sche Gebetbuch blldete di« Grundlage des Gottesdienste», di« eigentlichen Gebete wurde» also beibehalten, nur in dm Pijutim und anderm Nebenstückm trat« Aenderunzen ein. Eine bereuteade.Acquisition batte der Verein in der Person des sei. vr. M. Sach« gemacht, der als Prediger berufm wurde; seine schwungvollm hinreißrndm Reden trugm nicht «miz zur Defesttgung und Kräftigung der Tempelgemeind« bei. Der Gottesd äst wurde femer durch einen trefflich gelelletm Chor gehobm; die Orgel, von der zu seiner Zeit viel gelprochm wurde und noch heute gesprochen wird, blldete und blldet auch gegmwartig nur eine schwache Zuthat, da sie ausschließlich nur am Eingänge deS Sabbat — beim l’cho dodi — und bei im Tempel vorgenommenen Trauungm spielt. Gestatt« Sie mir bei dieser Gelegenhell auf ei» wett verbrettetes Mißverständniß ausinerksam zu machen. E» wttd häufig berichtet, in Prag habe schon in alter Zeü die Orgel Zutritt in der Synagoge gesunden. Dieses ist eine offmbare Entstellung: die Orgel als Institution und Merkmal der Kttche wurde in früher« Tagm von dm Judm perhorrescirt; der Dorbeter trug am Eingänge des Sabbat daS I'etto dodi unter Instrumentalbegleitung mit Ausschluß der Orgel vor. Ich kehre zum Tempel zurück. Im Jahre 1844 ging j vr Sachs nach Berlin, ihm folgte in, Amte vr. I. Kämpf: ei« würdiger Nachfolger des großm Redner». Kämpf fungirt nun bald ein Vietteljahrhundert und noch habm seine Predigt« au Gehalt und Beredtsamkeit nicht verloren, der-Tempel ist bei seinm je alle vierzehn Tage sich wiederholmdm Borttägm von einem End« vis zum anderm zum Erdrücken voll. Ei« glänzmdes Zmgniß von der Gediegmhett seiner Predigtm wie von der Empfänglichkett des hiesigm Publikum» legt femer der Umstand ab, daß, um einm größeren Zuhörerraum zu gewinnm, ein Nmbau vorgenommen, resp. ein nmeS Gotteshaus hergestellt werdm mußte. Die Aufführung eineS, eine halbe Million auf» und die Kräfte der Gemeinde auSsaugendm Prachtgebäude» ließ schon der Gedanke an die sich daran knüpfmde Rechtsverletzung der dem Tempel nicht befrmndetm und ihn nicht besuchmdm Gemeindezlieder, nicht aufkommm: man war also ausschließlich auf die Besucher deS Tempel» beschräntt, an sie mußte gur] Bestreitung der Kosten deS Baue« appellirt werdm: und e» bewährte sich bei diesem Appel, wie tief der religiöse Sinn bei un» wurzele. ES wurdm Actim bi» zur Höhe de» Erfordemisse» für dm Aufbau eine» würdig« Gotteshauses crrirt» die in kurzer Zeit bei dm Besuche« deS Tempels untergebracht wurden. Und fo wurde der nme. Tempel im Jahre 1868 vollendet: ei» würdiges, zur Andacht einladende» und nicht minder geschmackvoll eingerichtetes Gotteshaus, dem e» zu keiner Zeü an fromm« Besuche« fehlt. Nicht unerwähnt darf bleib«, daß auch Damm Biele» gut De» corirung und innerm Ausschmückung des Tempels beitrugm. Auch über die anderm Synagogm ist Erfrmliche» zu bericht«: eü wttd in manchm da» Wort Gottes durch Predigt ge» 'lehrt, und sind namhaft zu mach« die Herr« Prediger vr.Stein, Hof, Kohn, Singer u. A. Ich schließe dies« erstm Artikel mit einer intereffantm Notiz: der Tempel zähtt zu seinm Besuche« einm Mann, der in einigm Monatm, so eü der Wille Gotte», seinm hundertjährigen Geburtstag fett« wttd. Herr Joseph Pollack, dieses ist der Name de» ehrwürdig« Greise», gehört, obschon stets eine strmg religiöse Richtung versolgmd, zu dm erstm Gründe« des Verein» und war durch viele Jahre Vorsteher de» Tempels: er ist nicht nur eine Zierde der iSraelttifchm Gemeinde, fei» Narre wttd von der ganz« Stadt mit Ehrfurcht gmarmt und e« vereinig« sich Judm und Nichtjudm in dem Wunsche, er möge seinm Mitbürgern lange erhalt« bleiben. Türkei. Asnstantin-pet, im December. Der Chacham»Baschi hat der Kaiserin Euzmie bei ihrer Anwesmheit eine spanische Adresse vorgelesen und überreicht. Dtt Kaiserin, mtzückt über dm Klang ihrer Muttersprache, ttat ganz dicht an dm Redner heran und fragte, wie so er spanisch rede. Auf die Antwort, daß die Judm der Türkei fast tnsgesammt spanisch als Muttersprache reden» fragt dtt Kaiserin, «»her da» komme. »Wir habm diese Sprach« au» Spanttn mitgebracht', antworbttrda Eacham. vorauf dtt Kaiserin: ,Ach ja, ich weiß, jetzt fällt mir ein, woher da» rührt-!' ffia«.