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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1903-01-01 · No. 13. (1903) · p. Seite 51

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
27 (1903)
Issue
No. 13. (1903)
Date
1903-01-01
Page
Seite 51 (sequence 3)
Language
German
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51 bis zu Avicenna, dem Araber, und bis Kant, dem Deutschen, die innigste Beziehung hervorkehren, die innigsten Anknüpfungspunkte sei es an Aristoteles oder an Plato, und wer von uns empfände nicht eine reine Freude an jenen idealen Schöpfungen, die seit der Wiederentstehung der klassischen Kunst- und Poesieformen uns aller Orten umgeben und deren Muster vor allem die Griechen sind? — Das Hellenentum ist für die gegenwärtigen Kulturvölker kein Heidentum mehr, weil es nicht mehr den Glauben des Herzens erfüllt und ausfüllen will, weil es nur im Reich der Dichtung lebt, nur im Reich der Phantasie, im Reiche des Gesanges, aber als ein erhabener Akkord, um die• Seele heiter zu stimmen, um ihre schönen Klänge einer schönen Jugendzeit der Welt unvergänglich zu bewahren. So wollen wir mit den schönen Worten Schillers auch von unserem Bilde scheiden, mit jenem schönen und wahren Wort, mit dem er die Klage beschwichtigt über die untergegangene griechische Welt: ״Was unsterblich im Gesang soll leben, muß im Leben untergehn.“ — Litteratur bericht. Recensionen. Lazarus’ ״Ethik des Judentums“. Besprochen von Rabbiner Dr. M. Ra hm er. (Fortsetzung und Schluss.) Der zweite Abschnitt, der vom Ziel der Sittlichkeit handelt, zerfällt in vier Kapitel. Das Ziel aller Sittlichkeit besteht nach dem Verfasser in der Heiligung des Lebens, d. h. in der vollkommenen Versittlichung der menschlichen Gesellschaft — der Menschheit. Es ist aber hierunter nicht die Heiligung im engeren Sinne als (rituell-heilig) verstanden, sondern im weitesten Sinne (ethisch-heilig). Das Urbild und der Urquell der Idee der Heiligkeit liegt in dem Gedanken, daß Gott selbst heilig ist. Der höchste Begriff, der von einem Menschengeiste gedacht, und das edelste Wort, daävon menschlicher ■ Zunge geredet worden ist, ist das ״!ונקדשתיdaß Gott der Allheilige durch den Menschen geheiligt werden soll.“ (S. 198.) Dabei ist eben die Tatsache festzustellen — dies hebt der Herr Verfasser mit besonderem Nachdruck im § 194 hervor — daß der Mensch nicht heilig sein, sondern nur heilig werden kann, nicht Heiligkeit seiner Person, sondern Heiligkeit seines Lebens ist des Menschen Beruf. Gott allein ist heilig; der Mensch aber soll nach Heiligkeit trachten. Heiligung ist eine unendliche Aufgabe u. s. w. Hier dürfte als biblische Belegstelle auf Lev. 11,44 hinzuweisen sein, wo es heißt: והתקדשתם״, Wihejissem kedoschim, ki kodausch oni“; das Hithpael drückt sehr gut das Streben aus, heilig zu werden. Das stufenweise Aufwärtsstreben und schrittweise Wachstum der sittlichen Kraft, von dem der Herr Verfasser in den darauf folgenden Sätzen dieses Paragraphen spricht, drückt der Psalmist (84,8) mit den entsprechenden Worten aus: ,jelchu michajil el chajil", die der Verfasser bei anderer Gelegenheit (Anhang No. 18) aufübrt. Hervorhebenswert ist die feine psychologische Unterscheidung, die der Verfasser (S. 222) zwischen dem negativen und positiven Befolgen der Ge- und Verbote macht, um damit die Worte im Krias-Sch'ma: ״damit ihr gedenket und tut alle meine Gebote und heilig seid, resp. werdet“, in ihrem tiefen Sinne zu erklären. Dagegen dürfte die Uebersetzung des S. 236 citierten Ausspruches des R. Chananja b. Akaschja: ,רצר הקב״ה לובות u• 8• 1״it: ״Gott' wollte die •Verdienste Israels mehren u.s. w.“, wörtlich genommen richtiger lauten: ״Gott wollte Israel läutern“ (nicht von זכוה, sondern von (sackah זכה ״rein, lauter“ abzuleiten). -- Großartig wiederum ist das ganze sechste Kapitel: Naturgesetz und Sittengesetz, und auch für den nicht philosophisch Geschulten leicht verständlich. Wir geben hier nur die Hauptsätze: Das wichtigste in der Lehre des Judentums über das Verhältnis des Sittlichen zur Natur gipfelt in dem Satze, daß das Sittliche nicht in einer Verwerfung, Bekämpfung, Zerstörung oder Verwüstung der Natur bestehe. Vielmehr wird die Natur im jüdischen Geiste als in den Dienst des Menschen gestellt angesehen, zu seiner Erhaltung, zur Hebung und Bewährung seiner Kräfte gehört Bie, auch zur Offenbarung seiner geistigen Größe und Herrlichkeit (S. 260). Das ganze Gefüge der natürlichen Welt sei nur Material und Gelegenheit der sittlichen Weltordnung. Kant’s Ausspruch: ״Wenn die Gerechtigkeit untergeht, dann hat’s keinen Wert mehr, daß Menschen auf Erden leben,“ findet der Verfasser in vielen poetisch und allegorisch eingekleideten Sätzen der talmudischen Weisen; aber auch schon in der Bibel hat Jeremias auf diesen Causalnexus hingewiesen (88, 25): ״Wenn nicht mein Bündnis (mit Israel), hätte ich die Gesetze für Himmel und Erde nicht festgesetzt.“ Die sich hieran anschließende Abhandlung über diemenschliehe Natur, den sinnlichen Trieb — Jezer hora — schliesst der Verfasser mit den Werten: ״Nicht Bekämpfung, sondern Beschränkung, nicht Vernichtung, sondern Läuterung, nicht Unterdrückung, sondern Veredlung der natürlichen Triebe fordert die Sittenlehre des Judentums.“ Wir erinnern hierbei an den Ausspruch R. Nachmans (Midr. rab. zu Genes. Kap. 9): ״Gott sah alles, und siehe, es war sehr gut, das schließt auch den bösen Trieb mit ein, denn wäre dieser nicht, würde kein Mensch bauen, heiraten, Geschäfte treiben u. s. w.,*) denn das alles ist, wie es im Salomon. Prediger 4 heißt; ״ein Wettbetrieb unter den Menschen.“ Daß der Herr Verfasser im § 263 es besonders hervorhebt, daß die Welt-, Lebens- und Naturanschauung des Judentums zwar eine ernste, aber auch zugleich eine heitere sei, und dies nicht bloß aus den zahlreichen sprachlichen Bezeichnungen - der Freude im Hebräischen beweist — ״solcher Reichtum der Wörter für heitere Seelenzustände wäre bei einer trüben Grund- Stimmung des Volksgemüts unmöglich“ — sondern auch aus einer Menge von Bibel- und Talmudstellen, welche Freude und Frohsinn verherrlichen und selbst den sinnlichen Lebensgenuß, durch sittliche Weise temperiert, empfehlen und durch manche religiöse Einrichtungen geradezu zur Pllicht machen, wird, — ohne daß es vom Verfasser beabsichtigt wird — zur Apologie gegen die Nietzschh’sche Unterstellung, daß das Judentum sein Ideal in der ״Askese“ erblicke.**) ״Für das jüdische Herz“ — so schließt Lazarus dieses Kapitel — ״gab es eine volle und wahre Freudigkeit nur in der innigen Durchdringung des Seelischen und Körperlichen. Klarer konnte dieser Grundgedanke im rabbinischen Geiste nicht zum Ausdruck kommen, als in dem geflügelten Worte: ״Der göttliche Geist ruht nicht auf dem Menschen, weder im Zustande der Trübheit, noch in dem der Trägheit, sondern in der Freudigkeit der Pflichterfüllung!“ Wie tief der Herr Verfasser in den Geist des Talmuds und seiner Lehrmethode selbst auf halachischem Gebiete eingedrungen ist, zeigt er in der zwischen Kapitel 6 und 7 eingelegten Abhandlung über die ״talmudische Fortbildung des Gesetzes“ an einom eklatanten Beispiel, genommen aus dem Geschäftsleben, über den juristischen Begriff des Uebervorteilens. Er weist darin nach, daß die Frage des ״unlautprn Wettbewerbes“, der die moderne Gesetzgebung erst in der allerjüngsten Zeit ihre Aufmerksamkeit zuwendet, schon vor anderthalb Jahrtausenden den Talmud aufs Ernsteste und Eingehendste beschäftigt hat, und welche Menge juristisch wertvoller, vom ethischen Geist durchdrungener Verordnungen der Talmudismus aus den zwei Worten der heiligen Schrift לא תעו entwickelt hat. Diese lichtvolle Lazarus'scho Abhandlung belehrt nicht nur den des Talmuds Unkundigen über die Geistesarbeit der Talmudlehrer, sondern sie kann auch den modernen Talmudjüngern als Muster der Methode gölten, wie *) Auch diese• Stelle bestätigt die F.rhl.'irung. di•• der Verfasser vom Jezer gibt (S. 264): ״Das Wort bedeutet in Wahrheit nur den Lebens- und Handlungstrieb des Menschen überhaupt, dio Energie der lobenerhaltenden und lobenerzeugenden Kraft.* *•) Nietzsche sieht auch im Christentum nichts weiter als eine hört- Setzung des ״asketischen Ideals Judita's,״ So sagt er auch in der ״Genealogie der Moral* S.35: ״Dass Judila über Rom einstweilen gesiegt hat, ist gar kein Zweifel: man erwöge doch, vor wem man sich heute in Rom selber als vor den Inbegriff aller höchsten Wert!• beugt — vor drei Juden, wie man weiss. und einer Jüdin, vor Jesus, vor dem Rischer Petrus, dem Teppichwirker Paulus und der Mutter Jesus, genannt Maria."

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