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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1903-01-01 · No. 13. (1903) · p. Seite 50

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
27 (1903)
Issue
No. 13. (1903)
Date
1903-01-01
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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50 Sieg der pharisäischen Partei in Verruf gekommen war, nachdem das Hellenentum selbst allen Boden im Volke verloren hatte, nachdem sie dazu gedrängt worden waren, das mosaische Gesetzbuch als die unerschütterliche Basis der Religion anzuerkennen, doch noch immer jeder lebendigen Gestaltung und Entwickelung des nationalen Geistes in der väterliehen Sitte abhold blieben und nichts weiter zugeben wollten, als was der tote Buchstabe des Gesetzes ihnen schlechterdings abnötigte. Sie nannten sich nicht mehr Hellenisten, weil dieser Name bereits zu sehr gebraudmarkt war; ihr gegenwärtiger Name rührte von einem ihrer Hauptparteigänger her, einem gewissen Zadok. Im Ganzen waren sie eine kleine, aber mächtige Partei. Denn zu ihr zählte die reiche und vornehme Klasse, die Weltmänner, die Diplomaten, die Politiker von Fach und oftmals hatten sie die höchsten Gerichtsstellen inne, ja einmal war selbst ein Hohenpriester von ihrer Partei. Auch waren sie unleugbar streng und gerecht in ihren Aussprüchen, aber es fehlte ihnen der warme Pulsschlag des lebendigen Volksbewußtseins, in den allein die Gestaltungskraft eines nationalen und religiösen Geistes strömt. Auch nannte man sie die ״Epikuräer“ wegen ihrer Zweifelsucht und Genußsucht, wegen ihrer unverkennbaren Hinneigung zu jenem antinationalen Geist, dem sie ihren Ursprung verdankten. Sie warenkalt und starr undbei aller Freigeisterei doch wieder auch wortgläubig bis zur äußersten Konsequenz und auf sie war der bekannte Spruch gemünzt: Der Buchstabe tötet, nur der Geist belebt. Und der Buchstabe hat sie auch getötet. Sie blieben ohne jeglichen Einfluß auf das Volk und der Geist der Geschichte ist über sie hinweggeschritten und hat sie spurlos vernichtet. Sie würden nicht einmal die geringe Bedeutung für uns gewonnen haben, wenn nicht wegen ihres Ursprungs aus dem Hellenentum, an dessen Macht und Einfluß die Urkraft des Judentums sich zu bewähren hatte und das selbst als eine der bedeutendsten Kulturinächte der Welt in allen seinen Einflüssen und Wirkungen uns immer von Neuem interessieren muß. Anführen will ich Ihnen nur noch aus dieser Zeit jene dritte Partei, die neben den Pharisäern und Sadducäern genannt zu werden pflegt, — nämlich die Essäer. Sie waren nicht Gegner der Pharisäer, sondern eher umgekehrt ihre vergeistigte Blüte, ihr feierlichster Ausdruck. Sie standen ihren Grundsätzen nach vollständig auf pharisäischem Boden, nur daß sie sich von dem öffentlichen Leben mit seinem Getümmel und Gezänke zurückzogen und eine Art von Einsiedlertum führten, das sie mit dem Nimbus des Heiligen und Geheimnißvollen umgab. Ob sie indessen wirklich so viele Geheimnisse aufbewahrten, als man bei ihnen zu allen Zeiten vorausgesetzt, bezweifle ich sehr. Aber fromme Männer waren sie in der Tat in des Wortes unbeschiänktester Bedeutung. Und können wir auch nicht gleich alles, was man von den Eigentümlichkeiten Einiger unter ihnen oder eines großen Teiles als sicher weiß, sofort auch auf ihre Gesamtheit beziehen oder geradezu als Ordensregel betrachten, wie z. B. daß sie nicht geheiratet haben, daß sie nur von Vegetabilien gelebt, daß sie sich nur mit Naturwissenschaft beschäftigt, daß sie Aerzte waren u. dergl., so können wir doch ihr Wesen auf das Bestimmteste dahin charakterisieren, daß in ihnen mehr das geistig Religiöse als das Werkheilige vorherrschend war, daß sie Asketen waren, Menschen von beschaulicher Lebensweise, mit einem Anflug von Schwärmerei, Menschen von einem tieferen religiösen Bedürfnisse, als das praktische Leben es zu befriedigen vermag, leidenschaftslose Gemüter, die in der Betrachtung und Einfachheit der Natur, in stiller, anspruchsloser Zurückgezogenheit jenen höheren Trost und Frieden fanden, den zarter organisierte Seelen bei der Zerrissenheit in den Kämpfen der Welt nicht finden können. Ihr Name bedeutet wahrscheinlich so viel als Aerzte, nur daß man diesen Ausdruck allen Ernstes ebenso auf den Leib, wie auf die Seele beziehen muß. Damit habe ich Ihnen ein ungefähres Bild von den Kämpfen und Parteien jener Zeit auf dem Boden Palästina’s in gedrängten Zügen zu zeichnen gesucht. Lassen Sie mich nun noch, ehe ich dieses Bild zusammenrolle, eine Ueberzeugung als notwendige Ergänzung aussprechen, daß das Hellenentum, wie sehr ich es Ihnen auch als eine gefährliche Macht dargestellt gegenüber dem wahrhaft sittlich-religiösen Geiste, daß das Hellenentum von dieser Seite eben nur in jener Zeit gefährlich gewesen, nur so lange als es noch lebendig einherschritt über den Schauplatz der Welt, nur so lange als es noch Anspruch machte, eine Religion zu sein, so lange als sie Alleinberechtigung im Geistesleben der Menschen haben wollte, so lange als die griechische Weltanschauung noch behaftet war mit jener nationalen Beschränktheit zu meinen, daß sie Bedürfnisse befriedigen könne, die selbst über ihre Bedürfnisse hinausgingen. Nachdem aber das Griechentum als lebendige Gestalt gestorben und begraben war, da schwebte aus ihm etwas Unsterbliches empor, was in alle Kulturvölker als bleibendes Bildungselement eindrang und einzudringen verdiente. Da durfte der griechische Genius wieder seine Fackel erheben und leuchten lassen, wenn auch nicht um die sittliche Welt zu erläutern und zu verklären, so doch um den Genuß der Welt zu verschönern und zu veredeln. Der Baum war gefällt, der Baum, der auf griechischem Boden gepflanzt war, der Lorbeerbaum, weil er mit seinen Aesten der Entwicklung jenes ewigen Lebensbaums hinderlich und gefährlich war, der auf Kanaan sproßte; aber die Blüten des griechischen Lorbeerbaumes sie blieben der Menschheit unverwelklich zum Genuß, um den Geschmack der Sinnenwelt zu verklären. Alles was der griechische Geist aus seiner Wurzel hervorgetrieben hatte, — Philosophie, Poesie, Kunst, Beredsamkeit — blieb als eine unvergängliche Errungenschaft, daran sich die Geschlechter immer von Neuem bilden sollten und davon selbst der ernste, sittlich-religiöse Geist vielfach sich nähren und stärken kann, wenigstens sehen wir seitdem alle Philosophen und Theologen der verschiedenen Völker und Religionen, des Judentums, wie des Christentums und des Islam, von Philo Judaeus, dem Schöpfer der Alexandrinischen Schule

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