Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 27 (1903)
- Issue
- No. 12. (1903)
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 47 (sequence 3)
- Language
- German
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47 beiderseitigen Volksmassen in einer erschrecklichen Weise um sich. Was noch gefährlicher war, das Judentum selbst war vielfach von dem hellenischheidnischen Geist berührt und gelockert worden. Wir finden jetzt die höheren Kreise der jüdischen Gesellschaft, die sogenannte gebildete Welt, die Reichen und Staatsbeamten, die Kaufleute, ja sogar zum Teil die Priester selbst, fast vollständig hellenisiert, während vaterländische Sitte, religiöses Gesetz und die Heiligtümer des Volkes bei ihnen immer mehr ausser Geltung kamen, während Gesinnungslosigkeit, Verweichlichung und Ueppigkeit. Augendienerei und Kriecherei gegen die herrschende griechische Macht immer mehr überhand nahmen. Denn auch in politischer Beziehung war eine wichtige Aenderung vorgegangen. Palästina war aus den Händen der Ptolemäer in die der Seleukiden übergegangen und aus dem nahen Antiochien, der neuen Residenz, kamen jetzt immer dringender die Wünsche und Massregeln zur allmählichen Hellenisierung des Landes, denen,die vornehmen Juden selbst nur gar zu willig Vorschub leisteten. Schon richtete man in Jerusalem selbst griechische Theater ein, Gladiatorenkämpfe und Bacchanalien; ja man beeilte sich selbst dem tyrischen Herkules zu opfern und es fanden sich jüdische Priester, die dem heidnischen Kultus ihre Dienste anboten. Wahrscheinlich hatte man schon damals eine geistreiche Formel entdeckt, mit der man solche Transaktionen beschönigen konnte, z. B. eine Formel, wie die bekannte französische: ״nicht weil — sondern obgleich.“ Das Volk bezeichnete diese Partei mit dem Worte ״Hellenisten“ und drückte damit seine tiefe Verachtung und seinen entschiedenen Protest aus gegen dieses verräterische Antasten der heiligsten nationalen Eigentümlichkeiten. Desto enger aber schloss es sich an jene Männer an, die von ernster Besorgnis um Religion und Gesetz erfüllt, sich wie eine dichte Phalanx zusammenscharten und um so eifriger den nationalen Kultus pflegten und schätzten. Es gehörten dazu die ältesten Familien des Landes, die Gelehrten, die Schriftkundigen, die Richter, der grössere Teil der Priester, alle, deren Herzen von einem tieferen, ernsteren Geist durchglüht waren, alle Treuen und Frommen, alle Patrioten und Reiigiösnationalen, die sowohl erbittert gegen die Hellenisten mit ihrem Ehrgeiz und Leichtsinn und heidnischem Gepränge als auch überhaupt angewidert waren von dem ganzen griechischen Wesen, das auch in der Tat, namentlich an den Höfen, inzwischen bereits tief herabgesunken und innerlich faul geworden, wenn es auch allerdings noch immer ausgestattet war mit jener einschmeichelnden Macht äusserlichen Glanzes und weltlicher Herrschaft. Zunächst erklärte man nun den Hellenisten, den Helfershelfern des Heidentums, den Feinden im eignen Lande den Krieg und man erkannte sich schnell an dem gemeinsamen Namen Pharisäer, d. h. so viel als Separatisten, wahrscheinlich weil sie sich von den Griechen und Griechlingen abgesondert hatten und um so strenger in die Schranken der religiösen Satzung zurückzogen. Man zog offen gegen das Griechentum zu Felde, man fühlte die Gefahr, von der der nationale Geist in seinem innersten Wesen bedroht war und man kämpfte vorläufig nur noch erst mit geistigen Waffen, mit gesetzlichen Mitteln, mit allerlei moralischen Kräften, mit dem Widerstand eines von der ganzen bisherigen geschiehtliehen Entwicklung getragenen, seiner Aufgabe und seines Zieles sicheren religiösen Bewusstseins. Wie lange aber der Kampf in dieser Weise gedauert hätte, lässt sich nicht sagen. Zum Glück kam schnell der Mann, der mit Gewalt die Entscheidung herbeiführen wollte und sie auch wirklich brachte, wenn auch allerdings nicht in seinem Sinn. Antiochos Epiphanes kam auf den syrischen Thron, man könnte fast sagen zum Glück für das Judentum. Er hatte keine Geduld zu einer langsamen Propaganda für das Hellenentum, er war nicht der Mann des Abwartens, er war Fanatiker des Heidentums und als Despot und Wüterich schreckte er auch vor den entsetzlichsten Mitteln nicht zurück. Er proklamierte ohne weiteres das Heidentum als die gesetzmässige Religion auch Palästinas, schickte seine Söldner nach Jerusalem, legte auf jede noch so geringe Uebung des nationalen Gesetzes die Todesstrafe und führte sie unerbittlich aus. Die Bibel wurde verboten und man durfte sie weder lesen noch besitzen. Dafür aber liess er einen Götzen im Tempel aufstellen und kommandierte seine Anbetung. Und da er trotzdem heftigen Widerstand fand, folgten mörderische Schlachten. Das Land schwamm im Blut. Das Häuflein der Frommen war gewaltig zusammengeschmolzen, fast unsichtbar geworden und das Judentum schien in den letzten Zügen zu sein. Welchen Gang die Menschheit in ihrer Ent- Wickelung genommen hätte, wenn das geschehen wäre, was Antiochus wollte und wozu jetzt nicht mehr viel fehlte; welche Phasen und welche Stufen der Geist der Geschichte sich sonst geschaffen hätte, wenn jetzt im Jahre 160 vor unserer Zeitrechnung das Judentum erloschen wäre; wenn Antiochus wirklieh gesiegt hätte oder seine Handlanger, die Hellenisten, — das steht uns nicht zu zu beurteilen. Wohl aber können wir mit einstimmen in die Bewunderung und Verehrung gegen die Makkabäer, jenes Heldengesclilechts, die als die Retter aus dieser Gefahr erschienen und deren Kämpfe ich Ihnen hier nicht schildern will und nicht zu schildern brauche. Der Name ״Makkabäer“ allein bezeichnet hinlänglich die glorreichste Verherrlichung eines Religionskampfes, wie ihn die Welt nicht wieder gesehen. 30 Jahre lang und darüber wurde mit Löwenmut unter ihrer Leitung gekämpft, bis endlich der Feind unterdrückt und ein ehrenhafter Friede geschlossen war, Palästina unabhängig gemacht, sogar ein Königtum eingesetzt und vor Allem die Religion wieder in alter Reinheit konstituiert war. Das ist die Geschichte von der Entstehung der Pharisäer. IFortsetzung,׳ folgt.(