Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 27 (1903)
- Issue
- No. 12. (1903)
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 46 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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46 Richtungen auch ganz verschiedene Kulturen hervorgehen mussten, versteht sich von selbst. Lange Zeit, Jahrhunderte lang waren sie einanderganz unbekannt, so nahe sie auch gewohnt. Es sollte jedes Volk erst in seiner Eigentümlichkeit und Ursprünglichkeit unberührt von dem andern sich bilden und entwickeln, es sollte jedes selbständig seine in ihm liegende und wirkende Kraft zur vollen Blüte heraustreiben, und erst als sie bereits den Höhepunkt der Entwicklung erreicht hatten, erst als die Griechen bereits ihren Sophokles, ihren Pin dar, ihren Plato, ihren Phidias, ihren Apelles, ihren Aristoteles hatten und als vor allem ihre homerischen Gesänge im Munde des ganzen Volkes erklangen, eingelebt und eingebürgert in jeder Hütte, und erst als andrerseits auch die Juden ihre Propheten und ihre Psalmen erzeugt hatten und würdigen konnten, als sie ihren Jesaias und ihren Hiob verstanden und nützten und vor allem als ihr heiliges Gesetzbuch und seine Gotteslehre im ganzen Lande eingeführt und eingelebt war, als so diese beiden begabtesten Völker ein jedes in dem eigentümlichen Wesen seiner Volkstümlichkeit gereift war, da lernten sie einander kennen, da begegneten sie einander. Das war ein feierlicher Moment! Die Geschichte feiert denselben in einer Sage, die uns berichtet, Alexander dem Grossen, unter dessen eisernen! Tritt der ganze Orient erdröhnte und bebte, als er auch Furcht und Schrecken vor sich hersendend, gen Jerusalem kam, sei der Hohepriester in seinem vollen festlichen Priesterschmuck angetan, gefolgt von dem ganzen Chor seiner Leviten, die alle in ihre weissen Byssusgewänder gehüllt waren, still entgegengezogen und Alexander sei von diesem ganz ungewohnten Empfang, von dieser ehrwürdigen Erscheinung, von diesem heiligen Anblick so getroffen worden, dass er sofort niederstieg und dem Hohenpriester seine Verehrung bezeigte. Dem Parmenio aber, der seine Verwunderung darüber nicht unterdrücken konnte, sagte er, es sei ihm beim Anblick dieses Hohenpriesters eine wunderbare Erinnerung, ein halb vergessenes Traumgesicht wie eine Himmelserscheinung in der Seele erwacht und er müsse an dieser Stelle dem Gotte dieses Volkes opfern, der ihn ganz bestimmt zu diesem Welteroberungszug geführt. Und so bestieg er den Tempelberg, brachte selbst nach Anweisung des Hohenpriesters ein Opfer dar, liess sich eine Stelle aus dem Buch Daniel vorlesen, die prophetisch auf ihn selbst, gedeutet war und bewilligte dem Lande seine alten Rechte und Privilegieri nnd schenkte ihm sogar Steuerfreiheit dazu. Ohne Zweifel ist diese Erzählung dichterisch ausgeschmückt; allein das ist gewiss, dass beide Völker in der Zeit ihrer ersten Begegnung, etwa ein Jahrhundert lang, in gegenseitiger Anerkennung lebten, man könnte fast Freundschaft sagen. Es war ein jedes gleichsam noch von der Fremdartigkeit des andern überrascht, man suchte vorerst einander kennen zu lernen. Ich will Ihnen hier nicht all die unzähligen Beweise gegenseitiger Achtung und Eintracht aus dieser Zeit berichten; nennen will ich nur die vorzüglichste Tatsache, dass die griechischen Heere sich jetzt massenhaft aus Palästina rekrutieren, dass die Judäer überall in den griechisehen Städten, wo sie sich niederlassen, mit der Isopölitie begrüsst werden, d. h. der Rechtsgleichheit mit den Griechen, was keinem andern Volk gewährt wurde. Wir finden jetzt grosse jüdische Gemeinden in Antiochia, Pergamon, Milet, in ganz Kleinasien, auf allen jonischen Inseln und vor allem am zahlreichsten in Alexandrien und Umgegend, wo bald ein Tempel sich erhob, der an Pracht und Glanz ein Wunderwerk gewesen und der ernstlich dem Tempel zu Jerusalem wenigstens für die Nordküste Afrikas den Rang streitig zu machen drohte. Und nennen will ich ganz besonders das grosse Meisterwerk, das ein Ptolemäer mit so vieler Mühe zu stände bringen liess, die griechische Uebersetzung der Bibel, die LXX, die älteste Uebertragung hebräischer Literatur in eine fremde Sprache, eine Uebersetzung, die, was man auch über ihre Entstehung sagen mag, jedenfalls ein unbestreitbares Zeugnis gibt von der innigsten Wechselbeziehung, die unter den hervorragenden Geistern beider Völker bestanden haben muss. Auf der andren Seite sehen wir Griechen zahlreich nach Judäa wandern. Auch die alten Städte Palästinas bekommen neue griechisehe Namen, ebenso die Familien, Männer und Frauen legen sich griechische Benennungen bei. Man lernte, sprach und las griechisch und das ganze öffentliche und soziale Leben hatte eine Art von Verjüngung und Bereicherung, eine Art von Verfeinerung erhalten. Zwar galten die Juden noch immer den Griechen als Baibaren; aber es waren doch eben ganz andre Barbaren, als die Völker, denen sie bisher diesen Begriff verdankten. Es waren Barbaren mit der Bibel in der Hand und mit einer Theokratie als Landesverfassung und mit einer Genealogie, die weit über die Atriden hinausreichte. Es waren Barbaren, deren Sitten und Gesetze, deren Literatur und Geschichte selbst die Griechen nicht umhin konnten zu bewundern, deren ReligionsWahrheiten aber mit einer tiefen Beschämung an die schwächste, schadhafteste, leerste Seite ihres Herzens erinnern mussten. Andrerseits waren die Griechen den Juden natürlich mit gutem Grund eben Heiden und als solche verdächtig und verächtlich und doch waren es jene Heiden nicht, mit denen sie es bisher zu tun gehabt. Es waren nicht Heiden wie Moab und Ammon und Edom, nicht Heiden wie die Philister und Syrer und Assyrer und Babylonier, es war ein Volk voll Bildung und Geist, ein Volk, dessen Sprache die Weltsprache zu werden begonnen, ein heitres Volk, rührig und tätig, frisch und lebendig, geschickt und geübt in jeglicher Kunst und Wissenschaft, es war verführerisch und es verführte sie auch wirklich, wenigstens den obenauf schwimmenden, also leichteren 'L'eil des jüdischen Volkes. Ein Jahrhundert später und es hatte sich alles geändert. Es waren aller Orten immer von neuem nationale Eifersüchteleien zwischen Juden und Griechen ausgebrochen und diese hatten bald zu den heftigsten Reibungen geführt, zu erbitterten Kämpfen, in denen natürlich die Griechen als die zahlreicheren grösstenteils die Oberhand gewannen. So griff' ein gegenseitiger Hass bei den