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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1903-01-01 · No. 12. (1903) · p. Seite 48

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
27 (1903)
Issue
No. 12. (1903)
Date
1903-01-01
Page
Seite 48 (sequence 4)
Language
German
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48 Litteraturbericht. Racensionen. Lazarus’ ״Ethik des Judentums‘‘. Besprochen von Rabbiner Dr. M. Rahmer. (Fortsetzung.) Dass die Bibel bezüglich des Jenseits so woitkarg ist, und meist von Belohnung und Bestrafung im Diesseits rede, lässt sich ebenfalls mit der Unterscheidung, die der Herr Verfasser (S. 142) zwischen Individuum und Gesamtheit macht, sehr gut erklären. Moses spricht zum ganzen Volke, die Unsterblichkeit eines Volkes aber liegt in seinem dauernden Bestände auf Erden, in seiner gedeihlichen Entwickelung auf dem Boden des Landes, das der Herr ihm angewiesen; da hätte es keinen Sinn gehabt, wenn sein Gesetzgeber gesagt hätte: Wenn ihr diese Gesetze beachten werdet, dann werdet ihr der ewigen Seligkeit im Jenseits teilhaftig werden, da musste er vielmehr sagen, dann werdet ihr im Lande bleiben u. 8. w., werdet ihr nach diesen Vorschriften der Sittlichkeit nicht leben, dann wird das Land auch ausspeien u. s. w. Nur der Einzelmonsch kann bezüglich seines Lohnes auf seine Unsterblichkeit, auf die Seligkeit im Jenseits hingewiesen werden, darum fehlt es in den Psalmen und im Buche Hiob nicht an solchen Hin- Weisungen. Im dritten Kapitel, das von dem Charakter der jüdischen Sittenlehre handelt, geht der Verfasser von der Einheit des jüdischen Gottesbegriffes aus und gelangt durch sie zu einer einheitlichen Weltanschauung und einer universalen Sittenlehre, die sich nicht auf ein Volk beschränkt, sondern alle Welt umfasst. Damit widerlegt er auch die Fabel vom jüdischen Nationalgott. Er sagt sehr richtig (S 146): ״Wenn verschiedene Völker verschiedene Götter haben, so ist ein jeder derselben notwendig der Gott seines Volkes, er ist ein Nationalgott; Gott als der eine erkannt, neben dem kein anderer ist, kann nicht Nationalgott sein.“ Und ferner (auf derselben Seite): ״Nicht seinen eigenen Gott hat Israel erkannt, sondern den Gott aller Welt und aller Völker zugleich als den seinen, nicht seinen eigenen Gott hat Israel den andern Völkern gebracht, sondern ihren Gott, als den einen und den Gott aller hat es ihnen offenbart“*) Aus der Einheit Gottes folgt die Einheit des Menschengeschlechts und die Gleichheit aller Nationen; alle sind Nachkommen eines einzigen, von Gott geschaffenen Menschenpaares. Einerlei Recht und einerlei Gesetz gilt für alle, alle erblichen Vorzüge einzelner Stände oder Geschlechter sind ausgeschlossen, auch jede aristokratische Sittenlehre abgewiesen. Schön ist die Bemerkung, dass in den Sprüchen Salomos, Koheleth, Hiob, auch in den Psalmen und in den Propheten, wo von den Sittlichkeitsideen die Rede ist, der ,,Mensch“ angeredet wird (z. B. Micha 6. 8); dasselbe sei auch in den grundlegenden ethischen Schriften der Mischna und des Talmud der Fall, so besonders in den ״Sprüchen der Väter“. Wir wollen bei dieser Gelegenheit eine hierher gehörige Bernerkung, die unseres Wissens von keinem der vielen Komment&torate zum Trakt. Aboth noch gemacht ist, hier einflochten, nämlich, dass Hillel in den ״Spr. der Väter“ 1,12, wo er die!Pflichten des Ideal-Menschen kurz zeichnet — als Typus gilt ihm der Hohepriester Aron — mit den Worten: אוהב אח ״ הבי״יור!liebe die Geschöpfe" wiedergiebt; fürwahr, die allgemeinste Bezeichnung, die zugleich die B gründung angibt, ״liebe die Menschen als Gottesgeschöpfe“, weil sie die Geschöpfe Gottes sind. Als ob das biblische reacho=״Nächster“ (Lev. 19,18) und das talmudische chawrech ״Genosse“, dessen Hillel sich in seinem bekannten Spruche די עלך סני לחברך לא חעביר bedient, ihm nicht allgemein genug gewesen wären, *) Wir füg<m hier die exegetische Bemerkung hinzu, dass die bibiische Bezeichnung Adonaj Zebaoth, die die meisten nichtjüdischen Exegeten als den spezifisch jüdischen Nationalrosp. K riegsgott erklären, gerade den universalen Weltongott, den Gott des Universums, ausdrückt. Unter ,Heerscharen'1 sind die Heere der Geschöpfe, die aus Gottes Hand hervor• gingen, verstanden, wie es in der Schöpfungsgeschichte heisst (Gen. 2, 1): ״Als vollendet waren Himmel und Erde und ihr ganzes Heer״ Man vergleiche auch Jes. 54.5, wo aus dem Parallolismus ersichtlich ist, dass das Adonaj Zebaoth im ersten Halbverso dom Elohe chol hoorez im zweiten entspricht: ebenso Jerem. 19.16. wo es dem Jozor hakol parallel ist. (R.) darum wählt er das allumfassende, jedes Missverständnis ausschliesatende ״brioth“ Geschöpf, ähnlich wie Ben Asai, dem Bibelverse Gen. 5.1, vor Lev. 19,18 den Vorzug gibt, weil in jenem die allgemeinere Bezeichnung ״adam“ steht; was der Herr Verfasser S. 148 genügend hervorhebt, ebenso wie S. 162: ״alles Fleisch (d. h. jede Kreat .) wird kommen anzubeten den Ewigen.“ (Jea. 66, 7). Der Verfasser kommt S. 161 auf die zwei Richtungen innerhalb des Judentums auf dem Gebiete des Religiösen zu sprechen, er bezeichnet die eine, die das Abweisen alles Fremden, die absondernden Ceremonien mehr betont, als die ״national-partikularistische“, und die andere, welcher das allgemein-menschliche als alle Völker näherbringende, als der wesentliche Kern gilt, als die ״menschlich-universalische“; aber er weist nach, dass auch die strengsten Partikularisten den ethischen Universalismus als das Ziel und Ideal der jüdischen Religion betrachteten, ״Israel musste partikularistisch sein, um universalistisch zu werden und zu bleiben.“ Beiden Richtungen gemeinsam und über alle Gegensätze hinaus Jag und liegt der in der gesamten Gedankenwelt des׳ Judentums gleichmässig verbreitete Gedanke von der für alle Menschen allgemein b ■stehenden ethischen Verpflichtung, einer bleibenden Verheissung und idealen Hoffnung. In den sieben vormosaischen sogenannten ״noachidischen Gesetzen“ sind die wesentlichsten Grundlagen aller sittlichen Lebensordnung zusammengefasst (Warum der Herr Verfasser hinter der Ueber- Setzung von בי״כת השם mit Gotteslästerung ein Fragezeichen setzt und in der Note dazu S. 167 bemerkt: ״der Sinn von 81י ברצח Strittig“, ist etwas rätselhaft; denn darüber, dass es eine euphemistische Bezeichnung für .,Gotteslästerung“ sei, herrscht im ganzen talmudischen und rabbinischen Schrifttum keine Meinungsverschiedenheit*) Mit der Darlegung der einzig dastehenden jüdischen Gesetzgebung betreffs der ,.Fremden“ und den Vorschriften über' die wohlwollende Gleichbehandlung der ״Proselyten“ und Andersgläubigen und ethischen Erklärung des Motivs מפני דרכי שלום als eines der höchsten Ziele aller sittlichen Lebensführung — wozu auch auf die Bibelstelle (Prov. 8,17): ״Ihre — der Thora — Wege sind Wege der Freundlichkeit, alle ihre Pfade führen zum Frieden“ hingewiesen werden kann — schliesst das dritte Kapitel und damit der ganze erste Abschnitt. (Fortsetzung folgt.) Briet kästen der Redaktion. Wir weilen seit Wochen in einem Badeort, wohin wir nur die allernotwendigsten Bücher mitnehmen konnten. Wir mussten deshalb die Besprechung von Werken mit gelehrtem Apparat in den letzten Nummern weglassen. — Wir haben uns darum auch entschlossen, die uns erschwerte Redaktion des ״Jüd. Litteraturbl.“ demnächst bis zu unserer s. G. w. vollständigen Gesundheit zu sistieren. M. R. *) Unseres Wissens war es nur Ludwig Phiiippson, der in der ersten Auflage seiner Bibel mit Kommentar diese euphemistische Bedeutung nicht kannte und es mit ״Gott segnen" übersetzte: aber, auf diesen Irrtum durch die Kritik aufmerksam gemacht, bat er den Fehler in den folgenden Aus• gabon verbessert. Sollte dem Herrn Verfasser zufällig nur die erste Aus• gäbe zur Hand gewesen sein? Eine andere von Philippson falsch ver• standene Stelle, die sich leider in allen Ausgaben findet, ist die zu 4. Buch Mose 19,1, wo er das Citat Abarbanels bezüglich der ״roten Kuh* missverstanden hat: er las .Mascbal Zibbur* (ein BUd der Gemeinde) statt ״miachel Zibbur״ (aus dem Vermögen der Gemeinde); die rote Kuh musste auf GemeindekoBten beschafft werden. Inhalt der Nummer 12. Wissenschaftliche Aufsätze: Pharisäer und Sadducäer. Ein Vortrag vou Bezirksrabbiner Dr. Landsberg -Kaiserslautern. (Fortsetzung.)—Litteraturbericht. Recensionen: Lazarus’ Ethik des Judentums,“ (Fortsetzung.) — Briefkasten der Redaktion. Verantwortl. Redakteur: Rabbiner Dr. M. Rahmer, Magdeburg. Druck von Arthur Scholem, Berlin.

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