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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1903-01-01 · No. 12. (1903) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
27 (1903)
Issue
No. 12. (1903)
Date
1903-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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No. 12. -1903. Jüdisches Jahrg.XXVH. Litteratur-Blatt. Zur Beleuchtung aller Judentum und Juden betreffenden literarischen Er- «cheinungen auf dem Gebiete der Philo■ sopbie, Geschichte, Ethnographie, Theo* logie. Orientalia, Exegese, Homiletik, Liturgik und Pädagogik. Verantwortlicher Redacteur: Rabbiner Dr. M. Rahm er in Magdeburg. Verlag und Expedition: Arthur Scholem, Berlin C., Rossstr. 3. Bücher der einschlägigen Litteratur, deren Besprechung in diesem Blatte gewünscht wird, sowie Briefe und Manuskripte sind an die Redaktion, Inserate u. Beilagen an die Expe־ dition franco einzusenden. Rehmer’• ״Jüdisches Utterater ־ Blatt“ erscheint monatlloh zwei Mal und kostet bei allen Buchhandlungen (oder bei direktem Bezüge durch Arthur Scholem. Berlin. Rossstr. 3) vierteljährlich eie• Mark. — Die Abonnenten der in demselben Verlage erscheinenden ״IsraelitlscheR Woobseschritt**. welche bei allen Postanstalten und Buchhandlungen vierteljährlich 3.— M. kostet, erhalten das ,Jüdischo Litteratur-Blatt“ als Bratle-Beilago. — leserate, werden mit 20 Ptg. die viergeepaltene Zeile berechnet und sind an die Expedition in Berlin zu senden. Abdruck einzelner Artikel nur mit der Angabe! ״Aue Rahmer’1 JOd. Litteratur-Blatt“ gestattet• Pharisäer und Sadducäer. Ein Vortrag von Bt-zirksrabbiner Dr. Landsberg-Kaiserslautern. (Fortsetzung.) Hellas und Kanaan, diese beiden zur grössten Wirksamkeit in der Welt berufenen Ländchen, diese beiden so nachbarlich gelegenen und doch so lange unbekannten Küsten des mittelländischen Meeres, das eine die Schwelle des Orients und das andere die des Occidents; Hellas und Kanaan, die beide so grundverschiedene Geisteskulturen erzeugten und pflegten und verbreiteten, an deren Quellen sich die ganze Menschheit die schönste Nahrung für die höheren Bedürfnisse des Lebens holen sollten; Hellas und Kanaan, diese beiden unauslöschlichen Brennpunkte in der Bahn des Weltengeistes, diese zwei schon aus den grauesten Nebeln der Vorzeit lichtvoll am Himmel der Menschheit herauftauchenden Gestirne, die bestimmt waren, wenn auch in ganz verschiedenem Lichte leuchtend, doch ihre Strahlen über die ganze Welt und alle Zeiten zu senden, verschieden geartet, da das eine gross und hell und in allen Farben schillernd, das andere aber nur klein, doch tief, durchdringend und feurig leuchtend, das eine prachtvoll und reizend anzuschauen, wohltätig für das Auge, das andere aber sehnsüchtig und still herniederblickt, das eine gleich einem hellen Fackelschein, der zu heiterem Lebensgenuss ladet, das andere aber ein fester Stern, der den Schiffern auf dem dunkeln Ozean des Lebens zur sicheren Leitung dient, — Hellas und Kanaan waren die beiden unsterblichen Dioskuren, wie Sem und Japhet. von denen sie stammen, aber Dioskuren, die getrennt von einander am entgegengesetzten Horizonte standen, ein jedes selbständig leuchtend im eigenen Kreis, und als sie sich begegneten, als die Vorsehung sie zusammenführte, oder, genauer gesprochen, als der grosse Stern auf die Bahn des kleinen geriet und der kleine zu verlöschen drohte, wurden sie mit Not wieder getrennt, — das Abbild dieser Gefahr, das ist der Kampf der Pharisäer und Sadducäer. Griechenland und Judäa haben zwei verschiedene Berufsarten im Dienste des Geistes von der Vorsehung erhalten, ein Reich von Küpstlern das eine und ein Reich von Pries'tern das andere. Die Blütenkraft des weltlichen Geistes sprosste auf der einen und die edelste Blütenkraft des religiösen Geistes sprosste auf der anderen Seite. Die Macht des Schönen wirkte hier und die Macht des Heiligen wirkte dort. Beide Völker arbeiteten, um ein Ideal des Lebens zu finden und zu gestalten, mit der ganzen Ursprünglichkeit ihres nationalen Genius. Aber die Griechen fanden ihr Ideal in der Sinnenwelt und vermenschlichten ihre Götter; die Israeliten fanden ihr Ideal in der höchsten Geisteswelt und suchten den Menschen zu vergöttlichen. Die Griechen idealisierten die sinnliche Welt, indem sie die Idee und das Gesetz der Schönheit zum Prinzip und zum Vorbild des Lebens nahmen; die Israeliten idealisierten die sittliche Welt, indem sie die Idee und das Gesetz eines heiligen Gottes zum Lebensprinzip machten. Harmonie, Ebenmass, Schönheit, — das waren die Zielpunkte des Hellenentums und selbst die Tugend weiss ihr grösster Denker nicht anders zu definieren, als indem er sie das rechte Mass nennt in der Mitte zwischen zwei Extremen. Das Ziel des Judentums aber ist die Vollziehung eines Bündnisses mit Gott und ihr grösster Skeptiker Kohelet, nachdem er alle möglichen Irrfahrten gemacht, ruft zum Schluss doch als die Summe aller seiner Erkenntnis: ״Fürchte Gott und beobachte alle seine Gebote, — das ist der Inbegriff des menschlichen Wohlergehens.“ Der Inbegriff der Weisheit heisst bei den Griechen: ״Kalokagathia“, d. h. das Schöne in Verbindung mit dem Guten; bei den Hebräern aber heisst es: ״Aller Weisheit Anfang ist die Gottesfurcht,“ ist der Wandel im Wege Gottes. Die Religion der Griechen hatte ihren vornehmster Ausdruck und Sitz im Theater, und das Schauspiel war ein öffentlicher Gottesdienst. Im Tempel der Juden aber gab es so gut wie nichts zu sehen; man betete im Geiste zu dem Unsichtbaren und Ewigen. Die Griechen waren das Volk der Plastik, der wahren Aesthetik; die Juden das Volk der Innerlichkeit, der Religion, auf deren Boden die Religion aller gebildeten Völker entsprossen sind und wurzeln. Dass aber aus so verschiedenen Grundkräften und

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