Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 27 (1903)
- Issue
- No. 11. (1903)
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 43 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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43 hier friedlich nebeneinander leben, ja sogar einander zu durchdringen bestimmt sind, um in einer höheren Einheit das Leben und Streben der Völker zu erklären, die aber damals als friedliche, grundverschiedene Elemente nur mit dem Siege des Einen über das Andere enden konnten. Diese zwei grundverschiedenen Weltanschauungen oder Kulturmächte, die sich auf dem Boden Palästinas zwei Jahrhunderte vor Beginn unserer Zeitrechnung feindlich begegnet und fast bis zur Zerstörung des Tempels durch Titus miteinander gestritten haben, diese zwei feindlichen Gewalten sind: das Griechentum und das Judentum, der hellenische Geist und seine Kultur und der israelitische Geist und seine Kultur. (Fortsetzung folgt.) Etwas über Simon Hochheimer. Zufällig las ich unlängst die Vorrede, mit welcher Dr. Franz Oberthür, Professor der christlichen Dogmatik in Würzburg, am Anfang des vorigen Jahrhunderts, eine in Altona 18U6 (bei Joh. Fr. Hammerich) erschienene Uebersetzung der Selbstbiographie von Flavius Josephus begleitete. In dieser Vorrede, in welcher Dr. Oberthür über ein Memorandum berichtet, das er im Aufträge der Judenschaft von Franken zur Herbeiführung oder wenigstens zur Vorbereitung ihrer völligen Gleichstellung mit den Christen im Jahre 1803 ausgearbeitet hatte, kommt folgende Stelle vor: ״Ein aufgeklärter, selbst als Schriftsteller bekannter und mit mir ganz übereinstimmender redlicher Israelit. Dr. Simon Hochheimer, sagte mir“ u. s. w. Wer war Simon Hochheimer? fragte ich mich, ohne der Sache weiter nachzugehen, bis mir No. 7 des diesjährigen Jüd. Literaturblattes mit einem Artikel zu Gesicht kam, der gleichfalls mit den Worten einleitet: ״Wer war Simon Hochheimer?“ Zur Ergänzung der in No. 7 und 8 des Literaturblattes über denselben enthaltenen Mitteilungen will ich aus der bereits genannten Vorrede von Dr. Oberthür noch folgende Stelle hinzufügen: ״Mein redlicher Israelite (Dr. Simon Hochheimer) teilte mir manche seiner sowohl im Vaterlande (Franken) als in Böhmen, wo er sich in den Zeiten der von Josef II. unternommenen, so weit greifenden und auch die Juden umfassenden Reforn'iation befand, über seine Landsleute gemachten Beobachtungen mit, die mir seinen Zweifel sowohl an der Aufrichtigkeit meiner Klienten (der Juden von Franken), als meinfe eigene schon vorher über die Fähigkeit dieses Volkes zur völligen Freiheit und Gleichheit mit den christlichen Bewohnern desselben Landes gefühlten Bedenklichkeiten noch mehr rechtfertigten“. Bamberg, den 24. Mai. Dr. A. Eckstein. Litteraturbericlit. Recensionen. Lazarus’ ״Ethik des Judentums“. Besprochen von Rabbiner I)r. M. Itahmer. (Fortsetzung.) Auch in der Fussnote Seite 45 wäre bezüglich der an die Stelle der Sühneopfer tretenden Reue und Zerknirschung der Hinweis auf Psalm 51, Vers 19: ״Die Gott angenehmen Opfer sind ein gebrochenes Herz, ein zerknirschtes Gemüt u. 8. w.“, sehr angebracht. Im Texte (auf derselben Seite § 41) spricht der Verfasser von der Macht, welche dem Guten aus seiner Verletzung Zuwachsen kann und verweist auf die Busspsalmen Davids als Zeugnisse dieser Macht. Hier wäre die aus tiefethischer Auffassung hervorgegangene rabbinische Aeusserung vielleicht am Platze: לא חטא דוד אלא להורות תשוב ה וכ' (Vergi. auch Aboda sara 5a.). Doch wir geben zu, dass über die Zahl und die Auswahl von Citaten sich streiten lässt, zumal wo man einem solchen Reichtum von Belegen gegenüber sich in eine Verlegenheit der Auswahl (embarras de richesse) befindet. — Wir schliessen darum unsere diesbezüglichen Bemerkungen zu diesem Kapitel nur noch mit einer kleinen Hinzufügung. Im § 33 schildert der Verfassor in wahrhaft orgroifender Weise die hohe ethische Bedeutung der Märtyrer im Judentum und schliesst mit den Worten: ״So sind die Märtyrer aUezeit Mehrer des Reiches ethischer Idealität oder des Gottesreiches auf Erden. So wird die ethische Substanz im Volksgemüt bereichert und in den Gesinnungen auch der breiten Massen befestigt.“ Hier wäre die kurze Fussnote sicherlich am rechten Platze gewesen, dass im späteren Sprachgebrauch der Märtyrer mit dem höchsten Ehrennahmen ״ הקרושder Heilige“ bezeichnet werde. ״Die Märtyrer sind die jüdischen ״Heiligen!“ Im zweiten Kapitel wird das Prinzip der jüdischen Sittenlehre untersucht, ihre Beziehungen zur sinaitischen Gesetzgebung, ihr Verhältnis zum göttlichen Gesetzgeber. Der Verfasser kommt zu dem Resultat: Sittlich gut und gottgefällig, sittliches Gesetz und göttliche. Verordnung sind untrennbare Begriffe — untrennbare aber nicht identische. Kühn und zugleich tief und erhaben sind die folgenden Sätze, in denen wir den Kernpunkt des ganzen Kapitels, ja vielleicht des ganzen WerkeB, erblicken: ״Vertieft sich der menschliehe Geist in die Frage nach dem Wesen des Sittlichen selbst und seinem Grunde, dann tritt uns im Judentum überall der klare Gedanke entgegen: Nicht weil Gott es geboten hat, ist ein Gesetz sittlich, sondern weil es sittlich ist, deshalb hat Gott es geboten. Nicht durch den göttlichen Befehl wird das Sittliche zum Gesetz, sondern weil der Inhalt ein sittlicher ist, der auch ohne Befehl zum Gesetz werden müsste, wurde er von Gott befohlen.“ (S. 86.) Wer diesen Satz wiederholentlich liest und seinen Sinn erfasst, der wird freier aufatmen, über den kommt’s wie eine göttliche Offenbarung, ihm löst sich der Widerspruch, den er als Israelit in seiner Brust verspürte zwischen der innerlich empfundenen sittlichen Freiheit und seiner Gebundenheit an das Gottesgesetz, er wird aufjubeln und sich glücklich preisen, ein Israelit zu sein. So wenigstens, wir gestehen es offen, ging es uns, als wir diese Sätze lasen und immer wieder nochmals lasen. Und nun gar erst die Begründung derselben durch die Bibel selbst! ״Schon in den ältesten Fassungen der Gesetze — sagt der Verfasser <S 87) — tritt der Gedanke mit leuchtender Klarheit hervor: nicht aus einem göttlichen Willenswort, nicht durch einen göttlichen .Machtspruch entsteht das Sittengesetz, sondern aus dem ureigenen Wesen Gottes selbst, aus seiner unbedingt und unendlieh sittlichen Natur fliesst es. Darum heisst es bei dem allgemeinsten Grundgesetz, als dem zusammenfassenden Ausdruck aller Siltlicbkoit, bei dem Gebote: ״ihr sollt heilig sein“ — nicht: denn ich will es, oder: ich befehle es, sondern: ״denn ich bin heilig“! Mit einem Worte -- fährt der Verfasser (S. 88) fort — die Grundlehre des Judentums lautet: .,Weil das Sittliche göttlich ist, darum sollt ihr sittlich sein, und weil das Göttlicne sittlich ist, darum sollt ihr gottähnlich werden“. Wir müssen es uns versagen, all' die herrlichen Belegstellen aus Bibel und Midrasch, die der Verfasser z. St. anführt, hier wiederzugeben, wir erwähnen nur Jerem. 9,22 und 23, um an die Fussnote S. 89, dass das רו in V. 28 vielleicht geradezu ״dass ich“ heisst, die Bemerkung zu knüpfen, dass nicht ״vielleicht“ sondern ״unzweifelhaft“ sogar beide ״ki“ in «bösem Verse mit ״dass“ zu übersetzen sind: ״dass“ ich l.iebe, Recht und Gerechtigkeit auf Erden schaffe, ja dass ich an diesen Wohlgefallen linde.“ Im § 83 rekapituliert der Verfasser die jüd. Auffassung über das Verhältnis zwischen göttlichem Gesetz und nmischlieber Bittenlehre dahin: ,,Wohl ist Gott der Gesetzgeber, aber nicht aus einem Belieben, aus einem eigenwilligen Befehl oder einem .Machtgebot hat Gott das Gesetz gegeben, und nicht