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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1903-01-01 · No. 11. (1903) · p. Seite 42

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
27 (1903)
Issue
No. 11. (1903)
Date
1903-01-01
Page
Seite 42 (sequence 2)
Language
German
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42 intimer Freund des Kaisers Titus und seines Nach-* folgers Domitian war, der über all’ die Dinge, die er aus seiner Zeit beschreibt, aus eigener Anschauung und Beteiligung auf das Gründlichste unterrichtet war, — Flavius Josephus gibt uns ein ganz anderes Bild von dem Wesen und den Eigentümlichkeiten dieser Pharisäer, als das Neue Testament. Er preist zunächst ihre Strenge in der Gesetzesübung, ihre Frömmigkeit und Gewissenhaftigkeit, ihre Milde gegen Andere, ihre Einfachheit und Bescheidenheit, ihren wohltätigen Einfluss auf das Volk, er nennt sie geradezu die Stoiker des Judentums und nachdem er sie so namentlich im Gegensatz zu den stolzen, reichen, unfreundlichen, abgeschlossenen und gemütlosen, wenn auch allerdings strengen und gerechten Sadducäern gelobt hat, nachdem er sie besonders gerühmt wegen ihrer Lehre von der Vorseliung Gottes, von der Unsterblichkeit der Seele, von dem Lohn und der Strafe nach dem Tode, von der Verbindlichkeit des traditionellen Gesetzes, was alles die Pharisäer geleugnet hatten, bekennt er dann schliesslich, dass er selbst Pharisäer geworden und geblieben sei. Und wenn man auch allerdings nicht behaupten kann, dass er überall ganz unverdächtig ist, wenn es auch allerdings wahr ist, dass er, da er in Rom und für die Römer geschrieben hat, unwillkürlich und oft auch absichtlich der besseren Verständlichkeit, wegen für soine Leser gewisse Ausdrücke und Bilder, gewisse Redensarten und Gleichnisse, gewisse Bezeichnungen und charakteristische Merkmale aus dem Leben Roms selbst entlehnt hat, was ja ein zweifelhaftes, geteiltes Licht auf die geschichtliche Wahrheit und Genauigkeit werfen muss, wie man überhaupt von seiner Geschichts- Schreibung sagen muss, dass sie mehr interessant, als gründlich, mehr schön, als wahr, mehr geistreich und gesucht, als einfach und gewissenhaft, mehr tendenziös, als unparteiisch gehalten ist, — wenn es also wahr ist, dass man gelinde gesagt, die Beleuchtung, in der er uns die Dinge erzählt, sehr oft eine falsche nennen muss, so wäre doch immerhin noch der Widerspruch zwischen seinen Pharisäern und denen des Neuen Testaments so gross und so auffallend, dass man sich trotz aller gegründeten Kritik gegen Josephus so leicht nicht darüber hinwegsetzen konnte. Man hat daher schon lange seine Zuflucht zu der Auskunft genommen, die auch wirklich sehr vieles Wahre für sich hat, dass Josephus die Pharisäer nur schildern wollte, wie sie ursprünglich ihren Sitten und Grundsätzen nach waren und sein sollten und sicherlich auch selbst zur Zeit ihrer Verderbnis wenigstens in ihren bessoren Vertretern vielfach gewesen sind, während das Neue Testament sie eben nur von Seiten dieser ihrer Verderbnis zu schildern hatte und ganz besonders in Beziehung auf ihr Gebühren in der Hauptstadt, wo die Verderbnis grössere Dimensionen haben musste. Aber dem sei, wie ihm wolle, Sie werden immer wieder fragen, welches allgemeine Interesse haben diese längst untergegangenen Parteien mit ihren Streitigkeiten noch heute für uns, dass die Wissenschaft nicht müde geworden ist, ihren Spuren nachzugehen? Oder ist das hier wieder ein Beweis von der Gewissenhaftigkeit der Gelehrten,undnamentlich der deutschen Gelehrten, die auch hier wieder die Palme der Forschung sich errungen? Ist das nicht wieder ein Beweis, welch’ unfruchtbaren Untersuchungen, welch’ unpraktischen und minutiösen Arbeiten sie ihre Kraft und Zeit widmen, um vielleicht irgend einen verkohlten Spahn aus dem Staub herauszugrübeln, um den sich kein Mensch zu kümmern braucht? Nun ich denke und wünsche, dass sie nicht also reden werden. Danken wir es vielmehr jenen Männern, die unermüdlich in den Schacht der Vergangenheit hinabsteigen, danken wir es jenen Bergwerksleuten der Wissenschaft, die überall wohin sie die Spur führt, nach den Resten vergangener Zeiten und Völker graben, jenen Resten, die gleich den Metalladern der Erde tief verborgen liegen unter der Oberfläche des Bodens und doch gar oft die ersten Errungenschaften des geschichtlichen Lebens der Völker enthalten, danken wir es jenen Männern der Wissenschaft, die uns diese Barren bringen, die geläutert und gehämmert und verarbeitet uns doch zum Schmuck und zur Freud״ des Geistes dienen, eine Leuchte für die Erkenntnis, eine Bereicherung für den Gedankenschatz der Menschheit. Auch auf diesem so fernliegenden Gebiete, wo noch zudem die Unkenntnis der Quelle und ihre Widersprüche untereinander, ebenso das Vorurteil der Jahrhunderte zu überwinden war, auch auf diesem so dunkeln und steinigen Gebiete ist es der Wissenschaft und vor allem, wie gesagt, den Deutschen gelungen, einen tieferen Zusammenhang der Dingo herauszufinden, der ein überraschendes Licht auf einen der wichtigsten Abschnitte der Weltgeschichte wirft. Und kann ich mich auch nicht rühmen, Ihnen gegenwärtig nach des Dichters Wort, ,.goldene Früchte in silberner Schale zu reichen“ — denn dazu ist schon der Stoff selbst nun einmal nicht angetan — so werde ich Ihnen doch eine reife Frucht bringen, eine Frucht geschiehtlicher Erkenntnis, gereicht im Lichte deutscher Wissenschaft, eine Frucht voll von Samenkörnern des Geistes und gewachsen auf einem der schutt- und trümmerreichsten Felder der Vergangenheit. — Die Pharisäer und Sadducäer — das ist zuerst zu sagen — waren keine religiöse Sekte, wie sie nach der Darstellung des Josephus erscheinen. Denn unter Sekten verstehen wir diejenigen Verbindungen, die sich von der allgemeinen Kirche lossagen. Jene aber hatten sich weder von der allgemeinen Religion des Volkes losgesagt, noch auch waren alle ihre Anhänger zugleich auch Mitglieder einer geschlossenen Verbindung; ebenso war auch die Religion nicht der alleinige Gegenstand ihres Streites. Darum gebührt ihnen mit Recht der Name ״Parteien“, welche das ganze Volksleben mit all’ seinen Interessen, den religiösen und politischen, sowie den sozialen nach entgegengesetzten Richtungen zu beherrschen suchten. Diese Richtungen selbst aber sind es, abgesehen von der Art, wie sie jede Partei durchzuführen suchte, die unser vollstes Interesse verdienen. Denn sie stellen zwei diametral entgegenstehende Weltanschauungen dar, die weit über die engen Grenzen jener Zeit und jenes Landes hinausreichen und doch nirgends wieder ihre gegenseitige Kraft und Bedeutung mit einander gemessen haben, als hier, zwei Weltanschauungen, zwei Kulturmächte, die heute

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