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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1903-01-01 · No. 11. (1903) · p. Seite 44

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
27 (1903)
Issue
No. 11. (1903)
Date
1903-01-01
Page
Seite 44 (sequence 4)
Language
German
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44 deshalb sollen die Menschen es erfüllen, sondern weil wir in Gott die Urgestalt aller Sittlichkeit erkennen, weil er die schöpferische Kraft aller sittlichen Weltordnung und des auf Sittlichkeit gerichteten Weltzweckes ist. Also nicht auf irgend eine dogmatische Vorstellung von Gott, sondern auf den Ge• danken seiner Sittlichkeit, das heisst also auf das Wesen der Sittlichkeit selbst ist das Sittengesetz gegründet; Gott nicht als Gebieter, sondern als Urbild aller Sittlichkeit ist zugleich Urquell aller menschlichen Sittenlehre.“ Wie der Verfasser mit dieser Darlegung die Autonomie der jüdischen Sittenlehrer rettet, ihre Uebereinstimmung mit dem Kant'schen Prinzip nachweist, und Ed. v. Hartmann, der sie als ״theistische Moral“ verwirft, ja als unsittlich hinstellt, gründlich abfährt, das muss man im Buche selbst (S. 95—106) nachlesen. Wir begnügen uns nur aus dem einen Paragraphen 199) hier das Wesentlichste mitzuteilen: ״Das Moralprinzip ist seinem Inhalt und seiner Geltung und Bedeutung nach unabhängig von jeder dogmatischen Vorstellung; seinen Grund und auch sein Ziel hat das sittliche Prinzip in sich selbst; es ist autonom und darin besteht seine Würde. Dem jüdischen Geiste aber fügt sich zu dieser Würde auch die Weihe dadurch dass das sittliche Prinzip, ohne an seinem Wesen etwas zu ändern oder seine Eigenart und seine Selbständigkeit irgendwie zu verringern, zugleich urbildlich in Gott gegeben ist.Wenn nun ein solch autonom sittlicher Mensch zugleich in Gott das Urbild und das Vorbild aller Sittlichkeit erkennt und wenn er ihm nachzustreben sich bemüht, soll er darum weniger sittlich (oder gar nach Hartmann ״unsittlich“) sein? Darf ein Mensch nicht oinem edlen Vorbild folgen? Verliert er an eigener Würde, weil er erhabenem Beispiel nachstrebt? Und darf ein Mensch, ein sittlicher Mensch, um nur die Würde seiner Autonomie zu retten, nicht von dem Sittenlehrer lernen?“ — Vielleicht wäre ein Zusammenhang mit dem, was der Verfasser im darauffolgenden Paragraphen (100) aus Kant's Grundlegung der Sittenlehre anführt, .,dass es in der Welt nichts giebt, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als ein guter Wille“, auf den Ausspruch llabban Gamliels, des Sohnes R. Jehuda's, in Ahoth 11,4 ״asse rezono kirzonecha“ hinzuweisen gewesen, der besagt: ״Erfülle seinen (Gottes) Willen als obs der eigene w Ire“ d. h. strebe dem Ideale des Sittlich-Guten so nach, dass (h in Wille dem göttlichen conform, das Wollen des Guten dir zur Natur werde. Das eigene freie Wollen deckt sich dann mit dem Willen Gottes. Der Verfasser kommt nun zu dem wichtigen Kapitel von L׳>hn und Strafe, und weist nach, dass es ein Irrtum Bei, wenn ethische Kritiken daraus, das das biblische Gesetzbuch di-i Erfüllung der Gebote mit Lohn, die Uebertretung mit Strafe belegt, eine Theorie der Nützlichkeit als Grund des jüdischen Sittengesetzes herleiten. Androhung von Strafen und Verheissung von Lohn sind überall nur psychologische, oder wie der Verfasser sie S. 131 benennt, ,,pädagogische“ Mittel, um die Erfüllung des Gesetzes zu sichern, aber nicht diu Gründe dos Gesetzes; ״um die Uebung des Guten zu empfehlen, wird der Lohn verheissen, um vom Bösen abzuschrecken, wird mit der Strafe gedroht; aber nicht als der eigentliche Beweggrund des Willens werden sie hingestellt.“ Als den Gipfelpunkt der Betrachtung über die Belohnung d s Guten und die Bestrafung des Bösen stellt der Verfasser den Ausspruch Ben Asai's (Aboth 4,2) hin: ״Eine gute Handlung zieht eine andere nach, wie eine Uebertretung eino andere l'ebertrotung: denn der Lohn einer guten Tat ist eino gute Tat, und der Lohn einer Sünde die Sünde.“ Dies erklärt der Verfasser also (S. 1341: ״Nicht äussere, sinnliche, oder .-׳>nst natürliche Erfolge sind der wahrhafte Lohn der guten Tut; sondern der Lohn einer guten Handlung, weil der notwendige Erfolg derselben, ist eine weiters gute Handlung, denn wie die Schuld, dio nicht gebüsst, gesühnt oder vergeben ist, ״fortzeugend Böses muss gebären“, so ist auch der wahrhafte, der glückliche und der Würde der Sittlichkeit allein entsprechende Erfolg einer guten Tat, dass sie in ihrem Urheber oder in Anderen wiederum Gutes aus mancherlei verschiedenen phvchologischen Gründen erzeugt.“ Hierfür wird nur Ben Asai's Ausspruch angeführt. Der geehrte Herr Verfasser hat alier nur den ersten Teil desselben beleuchtet (sche-mizwa g'ireres mizwa etc.), den zweiten Teil (schessechar mizwa mizwa) übersetzt er ganz in demselben Sinne: ״denn der Lohn einer guten Tat ist oiue gute Tat“, während nach unserer Ansicht Ben Asai in dem Nachsatz einen neuen Gedanken ausführt, ״der wahre . Lohn einer guten Tat liegt in der Tat selbst“, in dem Bewusstsein, etwas Gutes getan zu haben, ebenso wie die Strafe der Sünde in ihr selbst liegt, in der Gewissenspein, die sie verursacht. Der Herr Verfasser hätte also nicht übersetzen dürfen ״der Lohn u. s. w. ist eine gute Tat“, sondern ״ist die gute Tat“. Denselben Gedanken spricht auch schon der Dichter des 19. Ps. in Vers 12 aus: beschomrom ekew row ״in ihrer Beobachtung liegt reicher Lohn“. Ganz in unserem Sinne übersetzt auch Sachs (im Gebetbuch) und Geheimrat Kristeller den Spruch Ben Asai’s; wir können nicht umhin, die vortreffliche poetische Uebersetzung des Letztem hier wiederzugebe'n: Die gute Tat erzeuget Stets weit’re gute Tat, Und die vollbrachte Sünde Ist neuer Sünde Saat. Und also segnet Tugend Hienieden selbst sich schon, Und also wird die Sünde Sich selbst zum Sündenlohn. Doch das führt zur!,ehre vom .,Eudämonismus“, nach der die Glückseligkeit des Menschen das Prinzip der Sittlichkeit ist. Die sittlichste Handlungsweise ist hiernach diejenige, welche die höchste Befriedigung gewährt. Die Befriedigung oder Beseeligung des Menschen ist nach dieser Theorie also der Grund, aus welchem das entsprechende Handeln zum sittliehen wird. Der Verfasser zeigt aber im § 136, dass die jüdische Ethik diese eudämonistische Theorie ablehnt, über sie hinausgeht. ״Wohl gewährt, wie die Erfahrung zeigt, das sittliche Handeln oft auch die höchste Befriedigung; aber nicht weil es beseeligt, ist es sittlich, sondern weil es sittlich ist, beseeligt es“. Schlagend ist der von ihm angeführte Beweis für diese dem Eudämonismus entgegenstehende Theorie aus der Tatsache, dass ja sogar die Aufopferung des eigenen Lebens zur sittlichen Pflicht werden kann; die ethisch begründete Opferung des Lebens kann niemals als Befriedigung desselben, gewiss aber als Akt der höchsten Sittlichkeit angesehen werden. Solche und ähnliche Tatsachen drängten den Eudämonismus dazu, die Grenzen des irdischen Lebens zu überschreiten und sich in's Jenseits zu flüchten, in welchem die eigentliche, vollkommene Befriedigung als ״Seligkeit“ gegeben sein wird, welche den Erfolg und das Ziel des sittlichen Handelns in diesem Leben ausmachen soll. — Interessant ist es, dass der Talmud (Kidduschin 89b) auf Grund einer ähnlichen Tatsache zu derselben Schlussfolgerung gedrängt wird. Da wird erzählt: ein Sohn sei in treuer Befolgung des Befehls seines Vaters auf einer Leiter zu einem Vogelnest aufgestiegen, um die Jungen aus demselben zu holen; er habe dabei auch das biblische ethische Gebot befolgt und erst die Vogelmutter, die auf dem Neste sass, verscheucht, bevor er die Küchlein daraus nahm, um das .Muttergefühl selbst beim Tiere zu schonen. Beim Herabsteigen strauchelt er aber, fällt von der Leiter und bricht das Genick. ״Wo bleibt nun da der doppelt*) verheissene Lohn“: damit es dir wohlgehe und du lange lebst? u. s. w. — wird (daselbst auch von R. Jacob**) gefragt, und die Antwort gegeben: damit du lange lebst d. h. im ewigen Leben, und es dir wohlgehe ״im Reiche der ewigen Seligkeit.״ _(Fortsetzung folgt.) *) Auch auf die Befolgung des Gebots: die Vogelmutter sollst du fortschicken u. s. w. ist in der Bibel (Deut. 22,7) als Lohn verheissen: damit es dir wohlgehe und du lange lebest. **) Das ist wohl derselbe R. Jacob, von dem der Verf. die zwei herrlichen Aussprüche (aus Aboth) über das Verhältnis des Diesseits zum Jenseits und über das Wertverhältnis zwischen der Glückseligkeit in diesem und der Seligkeit im künftigen L ben citiert. (S. 141 und 148.) Inhalt der Hummer 11• Wissenschaftliche Aufsätze: Pharisäer und Sadducäer. Ein Vortrag vou Bezirksrabbiner Dr. Landsberg-Kaiserslautern. — Etwas über Simon Hochheimer. Von Dr. A. Eckstein. — Lltteraturberlcht. Recensionen: Lazarus' Ethik des Judentums.“ (Fortsetzung.) Verantwortl. Redakteur: Rabbiner Dr. M. Kahmer, Magdeburg. Druck vou Arthur Scliolem, Berlin.

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